Adolf Wolff – ein Stuttgarter Architekt der Synagogen

Bereits mit 27 Jahren leitete der junge Architekt Wolff den Bau seiner ersten Synagoge – 1861  in Stuttgart eingeweiht – bald gewann er einen wachsenden Ruf.  Am Anfang half der Zufall. In Esslingen geboren und christlich getauft, studierte er im nahen Stuttgart Architektur. Sein Professor Adolf Breymann hatte den Auftrag für die Stuttgarter Synagoge erhalten, starb jedoch überraschend während der Rohbau in Arbeit war. Sein Student Adolf Wolff führte den Bau nach dem Entwurf Breymanns aus.

wikipedia, gemeinfrei

Das Innere wurde von  nach dem Vorbild der  Alhambra im maurischen Granada umgesetzt. Die Lichtwirkung der Kuppel inszenierte Wolff später in der Heilbronner Synagoge noch viel stärker, wie es die Zeigenossen tief berührt beschrieben (siehe Kapitel Syngaoge Heilbronn).

Quelle: alemannica judaica

Maurisches Vorbild: jüdische Philosophen, Mathematiker, Astronomen, Dichter und rabbinischer Gelehrte lebten im mittelalterlichen Andalusien – die ersten muslimischen  Einwanderer schätzen Bildung und Kunst, gaben auch den jüdischen Einwanderern Schutz. Doch Wellen des Fundamentalismus brachten schon 1066 Pogrome nach  Granada. In Andalusien flüchteten später Juden und gemäßigte Muslime. Das „goldene Zeitalter“ war nicht von langer Dauer – doch inspirierte es die Bauhherren mit der ursprünglichen Vision des friedlichem Zusammenlebens, das auch im Verschmelzen der Stilmerkmale zum Ausdruck kommt.

Im Jahrzehnt der Fertigstellung, den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, vollzog sich langsam die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Mitbürger, sie wurde 1871 Reichsgesetz. Die Hoffnungen für die Zukunft kommen auch in der Inschriftzum Ausdruck: „Das ist immer der Ort meiner Ruhe…“ stand unter der Kuppel (Psalm 132,14).

Mit dem Honorar seines ersten Großauftrags ging Wolff erstmal auf Reisen. In Berlin verfolgte er den Bau der neuen Synagoge, die legendär werden sollte: die größte und prachtvollste in Deutschland. Seine weiteren Ziele waren Belgien, Frankreich, Italien. Zurück in Deutschland gab es zunächst einmal einen kleinen Auftrag: die Synagoge in Crailsheim nach Vorabeit des Architekten Häfne.

Der große Sprung gelang ihm mit  dem Umbau des alten Bahnhofs in  Stuttgart 1863 bis 1868. Seine Erfahrungen mit Kuppeln und Gewölben wird ihm hier geholfen haben. Inzwischen Bauinspektor der Stadt Stuttgart, war er neben anderen Architekten maßgeblich am Umbau beteiligt. Er war jetzt voll etabliert.

Fotograf unbekannt, wiki, Collage aus verschiedenen Quellen/ Bearbeitungen der Aufnhame

Reste der Fassade stehen heute noch als Teil des Metropol-Kinos in der Schloßstraße Stuttgart.

Foto Gegenwart jp, historische Aufnahme vor 1900, u

Der nächste große Auftrag war die Synagoge in Ulm 1869. Seit diesem Bau tritt er als alleiniger Architekt auf. Wolff mußte sich vielen Vorgaben wie der Traufhöhe anpassen, damit sich die Synagoge der mittelalterlichen Stadt einpasst.

StA Ulm, unebkannt, gemeinfrei

StA Ulm, unebkannt, gemeinfrei

Die goldenen Kuppeln erregten dennoch Anstoß. Um 1928 mußten sie durch konventionelle, niedrige Pyramidendächer ersetzt werden, da die ursprünglichen zu „fremdländisch“ seien.

StA Ulm, unebkannt, gemeinfrei

Oben: die Ulmer Synagoge nach dem Zwangsumbau 1928 – die Verfolgungen nahmen laufend zu, bis zur Zerstörung und Abriß in Folge der „Kristallnacht“ 1938. Die vergebliche Hoffnung auf friedliches Zusammenleben stand über dem Eingang in Hebräisch und Deutsch: „…für alle Völker“.

 

1874 stellte Wolff seine erste große Synagoge fertig – in Nürnberg.

zwischen 1890 und 1905, gemeinfrei, wiki

Die Kuppel erinnert noch etwas an die Stuttgarter Synagoge,es fehlt noch die Eleganz seiner späteren Lösungen. Die Fenster unter der Kuppel sind jetzt größer, um die Lichtwirkung zu verstärken.  Der Bau als Ganzes wirkt sehr harmonisch und ausgewogen mit dem Dreiklangthema, das von der neuen Berliner Synagoge inspiriert sein kann.

Ferdinand Schmidt, public domain, wiki

Noch während in Nürnberg gebaut wird, beginnt Wolff in Heilbronn die nächste Synagoge – sie wird 1877 fertig, ein Jahr nach dem Nürnberger Bau.

Gebrüder Metz, Pate der Glasplatte Volksbank

Jetzt ist Wolff auf dem Höhepunkt, seine schönste Synagoge. Die Kuppel wirkt jetzt eleganter als in der Stuttgarter und Nürnberger Version.

Fotograf unbekannt, StAHn, Kolorierung jp

Es fehlen heute Farbaufnahmen der Innenansichten der zerstörten Synagogen in Deutschland. Doch in Prag ist ein Inneraum von Josef Niklas erhalten, der eine Ahnung davon gibt, wie beeindruckend die alten Synagogen im Inneren gewesen sein können:

Synagoge Prag, Innenarchitekt Josef Niklas

Wenige erhaltene Detailaufnahmen aus Synagogen von Adolf Wolff zeigen, dass auch seine Bauten über solche hochwertigen Innenausbauten verfügten, wie hier ein Bildauschnitt aus seiner Synagoge in Łódź:

Frauengalerie in der Synagoge Lodz von Adolf Wolff

 

Die Heilbronner waren tief beindruckt von ihrer Synagoge und nahmen städtebaulich Rücksicht. Das neue Postamt wurde so gebaut, dass der Blick auf die Synagoge freigehalten wurde.

StA H, Synagoge Heilbronn vor 1938

Gleichzeitig arbeitet Wolff in Karlsbad an einer neuen Synagoge.  Er hat bereits einen internationalen Ruf. In  Karlsbad ist er mehr eingeengt durch das bauliche Umfeld, muß die Synagoge etwas schmaler und höher anlegen. Der Bau wird ein Jahr nach Heilbronn fertig, im Jahr 1878.

Fotograf Talmidavi, wiki, pd

Wolff findet eine Lösung durch die erhebende Wirkung der Treppe, wie die Abbildung unten zeigt.  Der Rundbogen mit den Rosetten nimmt den Rundbogen der Kuppel wiederholend auf. Der Dreiklang der Fassadengliederung schafft wieder  harmonische Augsgewogenheit.

um 1920, unebkannt, gemeinfrei, wiki

Während der Bauphase in Karlsbad übernimmt Wolff in Stuttgart die Ausführung im Bau der Matthäuskirche nach Plänen seines Kollegen Dollinger. Der neuromanische Bau erinnert etwas an die Friedenkirche in Heilbronn. Wolff kann hier seine  bevorzugte Arbeit mit Rundbogen, Kuppel und Dreiklang fortsetzen.

Mathäuskirche, Stuttgart Heslach 1881

Auch die Hochschulforschung entdeckte die starke Gemeinsamkeiten zwischen dem Kirchen- und Synagogenbau von Adolf Wolff, so gleicht der Chor oben sehr stark dem Chor seiner Synagoge in Lodz, wie Stefan Schäfer in einer Diplomarbeit über die Synagoge in Lodz aufzeigt.

Kuppel in der Matthäuskirche Stuttgart Heslach

Neben vielen Großbauten setzt er in dieser Zeit auch  sein eigenes Haus um, am Stuttgarter Hang.

Wohnhaus Wolff mit Blick auf Stuttgart, Alexanderstr. 8a, 1877

Zinnmann, CC 3.0, wiki

Mit den Erfolgen kamen die gesundheitlichen Probleme- zuviele Projekte gleichzeitig.

1881 baute Wolff die Gewerbehalle in Stuttgart.

Fotograf unbekannt, 1895

Die Erinnerungen an seine Frankreichreisen werden im Bau der Gewerbehalle in der Schwabenmetropole sichtbar. Der schöne Bau wurde im  2. Weltkrieg zerstört. Heute liegt hier der Bereich der Universätätsbibliothek.

 

Seine letzte Synagoge baute Wolff in Polen. Die große Synagoge in Łódź (damals Teil des russischen Zarenreiches) wurde 1882 fertiggestellt. Er hatte die Bauausführung abgegeben – die gesundheitlichen Probleme nahmen zu.

gemeinfrei, wiki

Der Bau erinnert an Karlsbad, ist aber breiter angelegt.

Fotograf unbekannt

Wolff baute auch Schulen – heute steht noch sein  Karlsgymnasium in der Tübingerstraße in Stuttgart von 1885. Im selben Jahr starb Adolf Wolff mit 53 Jahren.

Karlsgymnasium, CC BYSA 3.0

Adolf Wolff steht für die Gründergeneration, die sich für die Gleichberechtigung der jüdischen Mitbürger einsetzte. Die Zerstörung seiner Synagogen hat er nicht mehr erlebt.

Seine Mathäuskirche wurde nach 1945 wiederhergestellt – seine Synagogen nicht.

 

Weiter zu den Kapiteln:

Über mittelalterliche Synagogen in Heilbronn siehe Kapitel Kieselmarkt und Lohtorstraße.

Über die Synagoge im Deutschhof siehe Kapitel Deutschhof.

Über die große Synagoge von 1877 hier:  Synagoge von Heilbronn

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Quellen Auszug

Der Baumeister Adolf Wolff in Stuttgart, alemannica judaica

Aus der Geschichte der jüdischen gemeinden im deutschen Sprachraum, Kapitel Baden-Württemberg, jüdische-gemeinden.de

Die virtuelle Rekonstruktion der Synagoge ul. Spacerowa 2 in Lodz (Polen) von Stefan Schiller, TU Wien 2014