Ritter, Tod und Teufel

Bildnis der Marchesa Veronica Spinola Doria – Kunsthalle Karlsruhe (Ausschnitt oben)

 

Bildnis der Marchesa Bianca Spinola Imperiale – Staatsgalerie Stuttgart

 

Zusammenfassung zum Fallbeispiel der Rubensbilder

Rosa Oppenheimer starb in Auschwitz, ihr Mann Jacob auf der Flucht, heute hängen ihre Rubensbilder in der Kunsthalle Karlsruhe und Staatsgalerie Stuttgart. Auch im Salzbergwerk Heilbronn war bis 1945 ein illegales Rubensbild für die Bestände der Kunsthalle eingelagert – eines der Werke in den Museen heute?

Kurt Martin, langjähriger Leiter der Kunsthalle Karlsruhe vor und nach dem Krieg, war einer der größten Akteure der Raubkunst im Südwesten und im besetzten Elsass. Er war auch federführend in der Einlagerung von Kulturgut im Salzbergwerk Heilbronn. Kurt Martin war vorsichtig, Raubkunst offiziell in seine Bücher zu nehmen, führte sie wohl teils als Leihgaben. Die Kunsthalle arbeitete in den Arisierungen teils mit Partnern unter den privaten Sammlern zusammen.

Besonders drastisch geht Wikipedia vor. Die Autoren nennen hier einfach  Kurt Martin und die Kunsthalle Karlsruhe direkt als Käufer des Rubensbildes der Marchesa in der Notversteigerung 1935 (siehe Biographie Kurt Martin ). Doch eine solche Vereinfachung ist wohl falsch. Die Geschichte der Raubkunst muss im Zusammenhang untersucht werden, im größeren Kontext des Zusammenspiels von privaten Sammlern und staatlichen Museen, die gemeinsam von der Arisierung profitierten  – teilweise noch bis heute.

Als die Erben von Jacob und Rosa Oppenheimer im Frühjahr 2000 die Kunsthalle wegen Entschädigung  kontaktierten, lehnte Kunsthallenchef Klaus Schrenk  alle Forderungen ab, mit einem Gutachten zu eigenen Gunsten.

Die beiden Rubensbilder von Rosa und Jacob Oppenheimer wurden 1935 in Berlin auf einer Zwangsversteigerung  an einen privaten Sammler aus Süddeutschland verkauft, der bei Klaus Schrenk in seiner Publikation im Jahr 2001 namenlos bleibt. Die unabhängigen Forscher Gunnar Schnabel und Monika Tatzkow nennen hier sechs Jahre später den Sammler Conrad Bareiss (bei Stuttgart).

Klaus Schrenk von der Kunsthalle Karlsruhe räumt in seiner Untersuchung zum Fall der Rubensbilder die Härte der Verfolgung zunächst ein. Jüdische Verfolgte konnten nicht frei über ihr Eigentum verfügen,  der Zugriff auf Einnahmen, Bankkonten und Devisen war  stark eingeschränkt. Im konkreten Fall erwartete die Vorbesitzer der baldige Tod. Klaus Schrenk hebt  den offiziellen Hinweis im Versteigerungskatalog hervor, dass hier Firmen liquidiert werden, was zwangsweise geschah, wie Schrenk schreibt. Dem Bericht von Klaus Schrenk lässt sich auch entnehmen, dass auffällig wenig Fachpublikum aus dem Ausland zur hochkarätigen Zwangsversteigerung in Berlin erschien,  die wenigen Gäste aus dem Ausland dabei Beobachter blieben, sich  als Käufer zurückhielten (da bekannt war, dass hier Eigentum von Verfolgten versteigert wird). Das Publikum aus Deutschland griff zu. Die beiden Rubensbilder wurden der Kunsthalle zufolge von einer wohlhabenden schwäbischen Unternehmerfamilie bei Stuttgart ersteigert. Der Ehemann der Unternehmenserbin, Tatzkow zufolge Conrad Bareiss, besaß jedoch einen amerikanischen Pass, was später noch von Bedeutung war.

Zeitsprünge fand ein Exemplar des Katalogs der Zwangsversteigerung von 1935 (Bild unten). Jemand schrieb damals groß „Ritter, Tod und Teufel!“ über den Namen des Hehlers.

In den 50er Jahren stellten die Nachkommen der Familie Oppenheimer erstmals erfolglos Rückgabeforderungen zu den Rubensbildern. Die Behörden bestätigten damals den Anspruch der jüdischen Erben, ordneten die Rückgabe an – auch das räumt die Kunsthalle Karlsruhe heute ein. Doch der Sammler, der von der „Arisierung“ profitierte und von der Kunsthalle bis heute geschützt wird, entzog  sich damals den deutschen Behörden mit dem Hinweis, die Bilder seien in die Schweiz gebracht worden. Rückforderungen lehnte er  kategorisch ab – unter anderem  mit der kühnen Behauptung, er hätte  nach der Zwangsversteigerung 1935 noch Zehntausende Reichsmark zusätzlich „freihändig“ bezahlt, für das es wohl keinerlei Belege gibt. Klaus Schrenk nennt es nur ganz unscheinbar in einer Fußnote.  Das Auktionshaus habe angeblich den Zuschlag über 25.500 Reichsmark für die Marchesa Imperiale von Rubens zurückgezogen, berichtet der Sammler in einem Schreiben an den Anwalt der jüdischen Erben. Der Sammler möchte  dann später  70.000 Reichsmark freihändig bezahlt  haben  (Belege nicht bekannt). Klaus Schrenk räumt in einer  Fußnote ein, dass dies im Widerspruch zur Ergebnisliste der Versteigerung steht. Zeitsprünge erkundigte sich  bei der Provenienzforschung der  Kunsthalle Karlsruhe und Staatsgalerie Stuttgart, ob es zu den Aussagen des Sammlers Belege gibt (Rückzug des Zuschlags des Auktionshauses  und freihändige Zahlung des Sammlers) doch die  Kunsthalle schwieg dazu, verwies auf die bisherigen Publikationen, die Staatsgalerie antwortet auf mehrmalige Anfrage  nicht. Die Museen haben sich mit dem  Washingtoner Abkommen zur Transparenz verpflichtet – die Nachfragen lassen sich auf Dauer nicht ignorieren.

Trotz der klaren Anordnung der Behörden in Deutschland nach dem Krieg, die Werke zurückzugeben, wie die Kunsthalle Karlsruhe einräumt, blieb es für die jüdischen Erben 1954 aussichtslos, an die Bilder in der Schweiz zu kommen. Sie gaben schließlich auf. Das letzte Zeugnis zum Fall 1954 ist ein Brief des Anwaltes der Erben an die Wiedergutmachungsbehörde, dass der Fall außergerichtlich beigelegt wird, die Rückgabeforderung aufgegeben wird. Wie kam es zu dieser ‚außergerichtlichen Einigung‘? Wurden die Erben mit Behauptungen abgewimmelt, für die es keine Belege gibt? Die  Kunsthalle spekuliert zu eigenen Gunsten, es könnte  ein Hinweis auf eine Entschädigung im Rahmen eines außergerichtlichen Vergleichs sein. Auf Nachfrage ist der Wortlaut des Schreibens bisher nicht zu erhalten.

Damit sei der Fall abgeschlossen, so Klaus Schrenk und die Museen heute. Die jüdischen Erben seien ausreichend entschädigt worden. Welche Entschädigung? Nirgendwo ist eine konkrete Entschädigung genannt, eine Zahlung  dokumentiert. Nachdem die jüdischen Erben die Rückgabeforderung aufgaben, wird die außergerichtliche Einigung von den Museen als  Beleg für eine unbekannte, aber in jedem Fall ausreichende Entschädigungszahlung vermittelt.

Die Geschichte der oft langjährigen Zusammenarbeit der Museen mit privaten Sammlern lässt hier viele Fragen offen.  Wie auch immer das Verhältnis zu diesem Sammler zuvor war, der offizielle Ankauf der beiden Rubensgemälde für die staatlichen Museen fand erst 1964/1965  statt. Weshalb fand keine öffentliche Versteigerung statt, eine unabhängige Prüfung der Provenienz? Zwei Geschäftspartner, die beide aus der Zeit im III. Reich belastet waren, schloßen hier möglichst unaufällig  ein Geschäft über Raubkunst ab. Der Sammler brachte die Bilder aus der Schweiz zurück nach Deutschland, um sie Museen  hinter verschlossenen Türen zu verkaufen, die selbst tief in Raubkunst verstrickt waren: welche Vorgeschichte hat die Beziehung des Sammlers zu den Museen nahe seinem Heimatort? Beim Ankauf 1964/65 wurde wohl nichts für die Absicherung der Provenienz dokumentiert – die Museen fragten nicht danach, der Sammler wies nichts nach. Als sich die Erben Oppenheimer dann im Jahr 2000 an die Museen wanden, kónnten die Museen keine  Belege zur Entlastung der Provenienz für die Jahre 1935 bis 1964 im eigenen Haus finden, mußten erst externe Recherchen beauftragen,erst die Suche in Behördenarchiven brachte  fragwürdige Dokumente zutage, auf die sich die beiden Museen heute stützen.

In Deutschland ist die Rechtslage für Erben der Verfolgten sehr ungünstig, Raubkunst schnell verjährt, wie in den vorherigen Kapiteln ausführlich behandelt wurde. Im Ausland wären die Werke möglicherweise kaum zu vermitteln gewesen. Deutsche Museen, die selbst vorbelastet waren, standen dem Sammler hier am  Nächsten. Hier ist man bereit,  bewusst in Kauf zu nehmen, über Grauzonen an Arisierungen zu profitieren.

Waren die staatlichen  Museen schon länger mit diesem Sammler verbunden, wie „damals üblich“?

Zeitsprünge fragte bei der Kunsthalle Karlsruhe weiter nach: Im  Salzbergwerk Heilbronn wurde  1945 im Bestand der Kunsthalle  ein illegales  „Rubensgemälde“ aufgeführt.  Die Kunsthalle gibt dazu nur knapp Auskunft,  sie habe hier  im III.Reich  nur ein Einzelwerk von Rubens für einen privaten Sammler eingelagert, wie es  damals „üblich“ gewesen sei. Das Bild lässt sich nicht im Werkverzeichnis von Rubens finden, da die Kunsthalle nicht mehr Angaben macht, als dass es sich um das Bildnis einer Dame handelt (Bezeichnung  „La Femme“). Dieser allgemeinen Beschreibung entsprechen auch die  Rubensbilder von Rosa und Jacob Oppenheimer.

Eingelagert für wen? Den Namen des Sammlers nennt die Kunsthalle nicht. Der Sammler stamme aus Baden-Baden. Weshalb es illegal war, ob es restituiert wurde – darüber schweigt sich die Kunsthalle aus. So lassen sich keine der Angaben der Kunsthalle bisher verifizieren.

Viele Fragen bleiben offen. Zeitsprünge hakt nach. Die Museen antwortet darauf bisher nicht.

Transparenz hilft hier der Aufklärung. – dazu haben sich die Museen  mit dem Washingtoner Abkommen zur Raubkunst verpflichtet.

Es geht auch anders

Zeitsprünge hat inzwischen die Erben von Rosa und Jacob Oppenheimer ausfindig gemacht. Die  Presse weltweit berichtete 2009 über Raubkunst von Jacob und Rosa Oppenheimer aus der Zwangsversteigerung 1935: in den USA wurden damals ohne jedes Geschacher  Gemälde aus dieser Zwangsversteigerung an die Familie Oppenheimer zurückgegeben – vorbildlich. Die  drei betreffenden Gemälde dort landeten 1935 über Umwege im Palast des Medienmoguls Randolph  Hearst, über den Orson Wells  1941 seinen Film „Citizen Kane“ drehte. 1972 vermachte die Heart Corporation die Gemälde an den Staat Kalifornien.  Auch hier waren also die Bilder Staatsbesitz geworden, wie in Stuttgart und Karlsruhe. Wie man den Fall jedoch  in Kalifornien behandelte, könnte kaum gegensätzlicher sein.  Für Governeur Arnold Schwarzenegger war es eine Ehre, die Bilder an die Erben zurück geben zu dürfen. Ein bisschen Anstand dieses Formats kann man  unserer Landesregierung und unseren Museumsleitungen nur wünschen.

(siehe Guardian 10 April 2009, California to return paintings to Holocaust victim heirs und Telegraph 5. April 2009 hier )

 

Teil I  – Fragen bleiben offen

Teil II – Spur der Rubensbilder

Teil III –  die Raubkunstlisten

 

Nachtrag:

Im Januar 2020 fand Zeitsprünge in den USA den Bericht über das illegale Lagergut in Heilbronn von 1946 mit Angaben zur ursprünglichen Herkunft des Rubensbildes im Salzbergwerk Heilbronn:

Special Report Collecting Point Heilbronn-Kochendorf, 1946, National Archives USA NARA M1947 2008/9 Ardelia Hall Collection, Wiesbaden Records

Weitere Recherchen führen zu Berichten, das der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg in Beligien die Sammlung Graf Moltke mit einem Portrait von Rubens raubte.

Jonathan Petropoulos in „Arts as Politics  in the Third Reich„:

Gehörte der belgischen Gräfin, die 1946 in Heilbronner Bericht als Vorbesitzerin des Portraits von Rubens genannt wird, die  Sammlung „Graf Moltke“ in Belgien, die vom ERR mit einem Portrait von Rubens geraubt wurde? Hatte Graf Moltke das Bild einst in Baden-Baden erworben, wie im Heilbronner Bericht 1946 erwähnt?

Weitere Quellen:

Special Report Collecting Point Heilbronn-Kochendorf: The National Archives, USA , NARA M1947, 2008/9, Textual records created at the Wiesbaden Central Collecting Point include administrative files and monthly reports. Ardelia Hall Collection: Wiesbaden Administrative Records, Records Concering the Central Collection Points (“Ardelia Hall Collection”) Wiesbaden Collecting Point 1945-1952, Status Of Monuments, Museums, And Archives, Repositories: Heilbronn and Kochendorf Salt Mines,1945 – 1950,World War II

Klaus Schrenk, 2001, ‚Das Gemälde „Bildnis der Marchesa Veronica Spinola Doria“ von Peter Paul Rubens und die Chronologie einer Rückforderung‘, in Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste (ed.), Beiträge öffentlicher Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland zum Umgang mit Kulturgütern aus ehemaligem jüdischen Besitz (Magdeburg: Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, 2001), 150-159.

siehe weitere Quellen in Teil I bis III