Theodor Heuss

Fotograf Ferdinand Frey Söhne, StA Hn, dig jp

 

Einer meiner Heilbronner Vorfahren, Heinrich Schreiweis, stammte aus dem gleichen Geburtsjahrgang 1884 wie Theodor Heuss und kannte ihn aus seiner Schulzeit. Heinrich Schreiweis war später mit Dietrich Bonhoeffer befreundet und stand dem Freiburger Kreis nahe. Heuss ging nicht in den Widerstand. Er stimmte für das Ermächtigungsgesetz, gab schon im ersten Weltkrieg dem Zeitgeist nach. Wie kam es dazu?

Der Vater Ludwig Heuss war ein alter 1848er, er bewunderte Ludwig Pfau. Liberalismus, Demokratie, sozialer Fortschritt. Doch der ältere Bruder Hermann Heuss wollte zur Marine, schon am Ende der Bismarck-Ära kamen Flotten- und Kolonialpolitik in Mode, die Brüder brachten es von der Schule mit nach Hause. Der Einfluss der Schule war groß.

Hermann Heuss 1903 pd wiki

Der Bruder von Theodor Heuss wurde von der Marine nicht angenommen. Wegen eines Sehfehlers war er untauglich gemustert worden. Und Theodor Heuss selbst? Er suchte nach einem Sowohl-als-Auch, das so prägend für seine Biografie wurde: er fand es in Friedrich Naumann und seinem nationalsozialen Verein. Naumann wollte alle ansprechen: sozial, liberal, aber auch Zustimmung  für die Flotten-und Kolonialpolitik, für den deutschen Militarismus. Naumann prägte später den Begriff „liberaler Imperialismus“ in seinem Buch ‚Mitteleuropa‘ von 1915.

Friedrich Naumann

StA HN, CC BY SA 3.0

Vieles war Heuss später durchaus peinlich, er beschönigte es nicht- eine seiner Stärken nach 1945.

„Wir scheuen uns gar nicht, Polen, Dänen, Suaheli, Chinesen nach Kräften zu entnationalisieren“ schrieb Naumann. Die gewaltsame Niederschlagung des Boxeraufstandes in China unterstützte er.

„Da ist nichts zu machen! Naumann hat seinerzeit die Hunnenrede des Kaisers verteidigt“, schrieb Heuss 1959. h1 

Franzosen würden „Mongolen und Neger auf die weiße Rasse“ hetzen, stand im Manifest der 93, das Naumann 1914 unterschrieb. Das Manifest bekannte sich ausdrücklich zum deutschen Militarismus, ohne den Deutschland angeblich längst „vom Erdboden getilgt“ worden wäre.h3


Die Schulzeit begann bei Theodor Heuss symbolträchtig. Am ersten Tag in der Schule, in den Gängen zur Anmeldung, schrie er wie am Spieß, wie Heuss  in seinen Erinnerungen berichtet. Er wusste, dass nur einer der Lehrer die Kinder nicht schlug, doch er war in eine andere Klasse eingeteilt. Er schrie so lange und so erbarmungswürdig, bis eine andere Mutter bereit war, mit ihrem Sohn zu tauschen. Jener musste also in die Prügelklasse. Das wollte Heuss sicher nicht. Doch fiel es ihm auch später in seinem Leben zu,  im richtigen Zeitpunkt auf die sichere Seite zu wechseln.

Theodor Heuss und Wilhelm Herzog

1913 musste Wilhelm Herzog für Theodor Heuss die Leitung der Zeitschrift März verlassen. Viele Autoren solidarisierten sich darauf mit Herzog, auf dessen Kosten der Schwabe berufen wurde. Das habe er nicht gewollt, beteuerte Heuss aufrichtig.
Viele Autoren des Blattes vermuteten politische Gründe.  Herzog veröffentlichte ein Kapitel aus Heinrich Manns Manuskript „Untertan“ und mehr Material, das  Mut erforderte, wie ihn sich viele Autoren wünschten.

Heuss war keineswegs ein Mann des Wagnisses, der die notwendigen Geldgeber einer Zeitschrift verschrecken würde. 1914 brach der Krieg aus und plötzlich standen sich Heuss und Herzog diametral gegenüber. Heuss schrieb für den Krieg, Herzog dagegen. Herzog hatte inzwischen seine eigene Zeitschrift gegründet, das Forum. Die Texte der beiden sind bis heute beeindruckend in ihrer völligen Gegensätzlichkeit. Zuerst Heuss:

Foto: jp, Originaldruck der Zeitschrift März vom 15.8.1914, Text Th. Heuss, Archiv Zeitsprünge

„In dieser Stunde kann nichts ausgesprochen werden als der Glaube und die Hoffnung auf den Sieg der deutschen Waffen. Mit wunderbarer Geschlossenheit ist das deutsche Volk zusammengetreten; die ausrückende Mannschaft beseelt der beste Geist. Der Ausgang des Krieges muss nicht nur die Überlegenheit unserer militärischen Technik, sondern auch die sittliche Kraft und das moralische Recht des Deutschtums im Herzen Europas erweisen.“
Theodor Heuss am 15. August 1914 in der Zeitschrift März

Ganz anders der  Text von Wilhelm Herzog – er wurde bereits vor Veröffentlichung stark zensiert. Herzog  zeigte die Zensur mit leeren Linien. Allein das erforderte bereits Mut.

Fotos jp von Originaldruck der Zeitschrift Forum von Wilhelm Herzog, 1915, Archiv Zeitsprünge

Herzog wurde kurz darauf verboten, Heuss nicht.

Heuss verkündete den  Heilbronnern vom Balkon der Neckarzeitung aus den Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Nachricht traf als erstes in seiner Redaktion der Neckarzeitung ein. Seine Altersgenossen zogen als Kanonenfutter in den Tod. Nein, das wollte er sicher nicht. Heuss selbst war unpässlich, er war bei der Abiturfeier besoffen gestürzt und hat sich die Schulter lädiert – nicht kriegsverwendungsfähig ausgemustert.

Walter Rathenau, der erste Koordinator der deutschen Kriegswirtschaft bis März 1915, wandte sich zu Beginn des Krieges verzweifelt an Wilhelm Herzog auf der Suche nach einem mutigen Publizisten für einen brisanten Bericht. Rathenau als Unternehmer, der in 80 Unternehmen im Aufsichtsrat saß und rechnen konnte, erkannte bereits zu Beginn des Krieges, dass die deutsche Kriegswirtschaft den Alliierten mit den USA auf Dauer hoffnungslos unterlegen sein würde, die Rohstoffe nicht reichen würden. Er sah die Sinnlosigkeit des Blutvergießens und die Niederlage voraus. Doch jede Warnung fiel der Zensur zum Opfer, die Zeitschrift von Herzog wurde wegen des geplanten Berichts von Rathenau verboten, bevor es zu einer Veröffentlichung kommen konnte.  Rathenau gab darauf die Leitung der Kriegsrohstoffabteilung auf – blieb mit seinen Unternehmen aber Teil der Kriegswirtschaft. h12

Walter Rathenau 1891 in Uniform des Garde-Kürrasierregiments

wiki, gemeinfrei

Walter Rathenau, der später mit Theodor Heuss zu den Gründungsmitgliedern der DDP gehörte, flüchtete sich im Lauf des Krieges wieder in die Rolle des Falken,  der das Blatt mit besonderer Härte noch zu Gunsten  Deutschlands wenden wollte. So sprach er  sich für die Bombardierung von London mit Zeppelinen und für die Deportation von belgischen Kriegsgefangenen zur Zwangsarbeit aus. Wilhelm Herzog kritisierte bereits früh antisemitische Äußerungen von Rathenau, der Ostjuden in einem Artikel „eine asiatische Horde“ nannte.h13 Unter den Nationalliberalen gab es deutschnationale Juden, die sich mit solchen antisemitischen Tönen abzugrenzen suchten – Heuss unterstützte und publizierte diese noch bis 1934.

Friedrich Naumann schrieb dazu 1919: „Dem deutschnationalen Juden ist der Ostjude ein Fremder“, auch „körperlich fremd“. Nach dem verlorenen Krieg seien die Massen der Ostjuden  nach Deutschland geflutet und würden eine Bedrohung für den „Volkskörper“ darstellen. „Ein gesunder Körper kann manchen Bazillus vertragen“, doch „Deutschland ist zu krank, um den gefährlichen Gästen aus dem Osten Asylrecht gewähren zu können, mögen sie jüdischen oder slawischen Stammes sein. Und der nationaldeutsche Jude ist zu sehr Deutscher, um zugunsten der Juden, die unter diesen Schädlingen sind, eine Ausnahmebehandlung zu wünschen“. h14

Heuss empfahl den Text Naumanns 1921 mit den Worten: „…die Lage im Ganzen richtig gesehen“. h15

Doch zurück ins  Jahr 1915, als das ‚Forum‘ von Wilhelm Herzog verboten wurde. Einiges drang trotz Zensur noch durch: zum Beispiel der Massenmord an der armenischen Minderheit in der Türkei. Friedrich Naumann blieb angesichts dieser Entwicklungen leidenschaftlicher Unterstützer der Türkei. Die Ehefrau von Theodor Heuss war selbst armenisch-georgischer Abstammung. Heuss distanzierte sich nicht von Naumann.

Ein anderer Heuss wird sichtbar, als er im 1. Weltkrieg seinen Freund  Hermann Hesse in Schutz nahm, der als Kriegsgegner von vielen Seiten öffentlich angegriffen wurde. Dieser Artikel von Heuss strahlte Wärme aus –  und blieb doch widersprüchlich, bekannte sich dennoch klar zum Krieg. Mag sein, er will es allen Recht machen. Gegen Ende des Krieges, als die öffentliche Stimmung kippte, distanzierte sich schließlich auch Heuss vom Krieg.

1919 wurde die DDP gegründet (Deutsche Demokratische Partei), kurz danach starb Mitgründer Naumann. Konnte Heuss jetzt ohne seinen  politischen Übervater zu einem modernen Liberalismus finden? Der Weg ist nicht so geradlinig.

Heuss schrieb 1926 in  seinem Buch ‚Staat und Volk‘: „Zum wirksamen Staat gehört, daß er Gehorsam erreiche, sei es durch Zwang oder Gewalt gegen seine Glieder, sei es durch freiwillig geübten Brauch. Das gilt für eine Tyrannis so gut wie für eine demokratische Republik. Auch eine Tyrannis kann eine Wohltat sein, ist es gewesen und als solche empfunden worden; nicht jede demokratische Republik kann dies von sich sagen.” h6

DDP-Wahlveranstaltung im Sportpalast

Wiki Bundesarchiv CC BY SA 3.0

Doch im Kern steht Heuss für liberale Werte, wie er es in einem Beitrag aus dem Jahr 1928 beschrieb: „Gegen die Zwangsgewalten des historischen Staates […] setzt der Liberalismus den Katalog der geistigen und organisatorischen Freiheiten: Glauben und Gewissen, Rede und Schrift, Versammlung und Vereinigung, Niederlassung, Berufswahl, Geschäftsführung sollen frei sein und der Staat erschöpft darin seinen Sinn, daß er diese Freiheiten gewähre und sichere.” h7

DDP-Fahne 1929 gm, wiki

 

Die DDP war an vielen Regierungen der Weimarer Republik beteiligt. Zentrum, DDP und Sozialdemokraten warben teils gemeinsam auf Plakaten.

Wiki, CC BY SA 3.0

 

Theodor Heuss ruinierte zwischenzeitlich seinen Ruf bei Künstlern und Schriftstellern, als er sich 1926 in der Weimarer Republik für ein Zensurgesetz einsetzte: Das Gesetz gegen Schmutz und Schund. Dazu zählte  nicht etwa „Mein Kampf“ von Adolf Hitler, sondern harmlose Groschenromane wie ‚Das Automobil des Teufels‘ oder ‚Der Dienstmädchenwürger‘. Der WDR berichtet darüber : „Um auf die schwarze Liste zu kommen, reicht es schon aus, wenn in einer Liebesszene beschrieben wird, dass die Beine des beteiligten Mädchens zu sehen sind.“ h17

Von Thomas Mann bis Tucholsky ist die Empörung groß. Tucholsky nimmt die kleinbürgerliche Spießigkeit satirisch aufs Korn – Heuss wird sich noch bitter dafür rächen.

1930 vereinte sich die DDP mit der Volksnationalen Reichsvereinigung, die nationalliberal und antisemitisch war. Neuer Name der gemeinsamen Partei wurde ‚Staatspartei‘. Der neue Partner verließ  kurz nach der Wahl wieder die Partei, doch der Name Staatspartei blieb.

1932 veröffentlichte Theodor Heuss ein Buch mit dem Titel ‚Hitlers Weg‘.

mehr Schauspieler als Schreckgespenst: Heuss unterschätzte Hitler (Foto StA Hn)

Das Buch zeigt: Theodor Heuss ist kein Sebastian Haffner. So führte sein Weg auch nicht ins Exil. Heuss selbst erinnerte sich nach 1945 daran, dass es auch in seiner Partei 1931 prominente Stimmen gab, die forderten, man solle Hitler in Koalitionen einbinden.h20 Die Entzauberung Hitlers, die Heuss im Buch versuchte, wies in diese Richtung: seit Hitler den legalen Weg beschritten habe, werde er bürgerlicher, mäßige sich, sei auf Koalitionen und Kompromisse angewiesen. Damit hätte er viel Glaubwürdigkeit bei seinen radikalen Anhängern verloren. Die Abteilung ‚Revolver und Schlagring‘ würde sich auf die politischen Ränder begrenzen, die Gewalt der Nazis richte sich im Wesentlichen gegen Kommunisten. Die bürgerliche Mitte und sich selbst sah Heuss nicht wirklich gefährdet. Tatsächlich traten auch bei seinen Veranstaltungen rechte Störer auf, denen er mit Gelassenheit entgegenzutreten versuchte.

Seit Hitler den legalen Weg beschritten habe, schreibt Heuss im Buch, würde er auch ‚keine Juden mehr fressen‘, Hitler habe angeblich seine antisemitische Propaganda zurückgenommen. Der konkrete Begriff ‚Rassismus‘ fällt in seinem Buch nicht. Heuss schreibt, die Rassenforschung sei durchaus eine interessante Wissenschaft, die Interpretation der Nazis jedoch sei Unfug. Machtinstinkt und Massenwirkung der Nazis zollt er gleichzeitig Anerkennung, Hitler habe die Einbürgerung verdient.  Goebbels schreibt in sein Tagebuch über den damaligen Bestseller von Heuss: „… immerhin eine Kritik, die sich sehen lassen kann“ (Tagebucheintrag 25.1.1932)

Heuss untersucht im Buch die 25 Punkte der NSDAP, lobt darin , dass alle Staatsbürger gleiche Rechte und Pflichten hätten, wenn auch mit einer ‚kleinen‘ Einschränkung:

Punkt 4: Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.

Heuss dazu: „mengenmäßig, solange die Blutuntersuchung nicht auf die romanischen und slawischen Bestandteile ausgedehnt wird, schlägt diese Bestimmung nicht allzusehr zu Buche – sie trifft kaum ein Hundertstel der Deutschland bewohnenden Bevölkerung. Sieht man von ihr einmal ab, so enthält jener Satz ein rundes Bekenntnis zur Demokratie“ (S.60)

Das Buch ‚Hitlers Weg‘ zeigt, trotz solcher erheblicher Schwächen, in vielen Teilen Hitler auch kritisch.

Aus dem Reichstag ist  eine beachtliche Rede von Heuss aus dem Jahr 1932  überliefert. Er spricht die Nationalsozialisten direkt an und warnt sie davor, dass jede Überheblichkeit, die sie Deutschlands Nachbarn gegenüber zeigen, eines Tages auf Deutschland zurückfallen kann. Ein Drittes Reich würde auf Plunder und Ladenhüter der wilhelminischen Ära zurückgreifen.

Doch mit der Machtergreifung ordnete sich Heuss unter, stimmte für das Ermächtigungsgesetz. Reinhold Maier dazu im Reichtstag: „Wir fühlen uns in den großen nationalen Zielen durchaus mit der Auffassung verbunden, wie sie heute vom Herrn Reichskanzler hier vorgetragen wurde.“h2

Heuss erklärte später, er habe sich dem Fraktionszwang untergeordnet.

Nach seiner Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz war Theodor Heuss in Deutschland relativ sicher. Wilhelm Herzog ging ins Exil, seine Lebensgefährtin Sascha Witkowksi hatte inzwischen den Heilbronner Karl Kaiser geheiratet und organisierte mit ihm  gemeinsam  Widerstand in Heilbronn. Sie warnten vor der Wahl 1936 mit Plakaten: Hitler bedeutet Krieg. Sascha und Karl Kaiser gingen dafür ins Gefängnis.

Heuss war seit 1. Januar 1933 Herausgeber der ‚Hilfe‘, der Parteizeitung, die bereits Friedrich Naumann gegründet hatte. Als am 1. April 1933 (auch in Heilbronn) Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte und andere Pogrome gegen Juden stattfanden, schrieb seine Zeitung  über angeblich deutschfeindliche Greuelgeschichten aus dem Ausland, fabriziert von „ostjüdisch-kommunistischen Zirkeln  von London bis New York, die an verschärfter Unruhe in der Welt Interesse“ hätten und Auslöser der Protestaktionen gegen Juden in Deutschland seien, die jetzt auch Unschuldige treffe.  h16

Verharmlosend auch seine Stellung zu den Bücherverbrennungen: Sie erinnerten ihn an das Wartburgfest und Luthers Verbrennung der päpstlichen Bulle – eine krasse Verharmlosung wie in seinem Buch über Hitler, den er mit Arbeiterführer Lassalle verglich. h21

Heuss blieb widersprüchlich.  In einem Brief im Mai 1933 schrieb er über das „entwurzelte jüdische Literatentum, gegen das ich durch all die Jahre gekämpft habe“h8, half aber gleichzeitig parteinahen, jüdischen Freunden.  Wen meinte er mit entwurzelten jüdischen Literaten? Autoren, die er den „Weltbühnen-Typus“ nannte,  Tucholsky und Ossietzky. Ein Brief vom Mai 1933 gibt nochmals  Auskunfth11: Tucholsky, Hirschfeld, Hodann. Es erinnert an den prüden Feldzug von Heuss gegen Schmutz und Schund, wenn er Magnus Hirschfeld und sein Sexualinstitut angreift, das erstmals für die Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten eintrat – all das wurde natürlich von  den Nazis (und einem großen Teil der bürgerlichen Mitte)  abgelehnt. Die Haltung von Heuss zu den „entwurzelten jüdischen Literaten“  erinnert an Friedrich Naumanns Unterscheidung zwischen dem  guten, deutschnationalen Juden und der wurzellosen, ostjüdischen Bedrohung – dazu publiziert Heuss nochmals im Februar 1934 in der ‚Hilfe‘ einen Artikel, der ganz in dieser Kontinuität steht. Unter dem Titel „Ostjuden“ schreibt Ludwig Herz, einer der von Theodor Heuss geschätzten jüdischen Nationaliberalen über jüdische „Schädlinge“, die als „Entwurzelte unschöpferisch“ seien, belastet mit dem „Erbgut scharfen verstandesmäßigen Kritizismus“; in „Cliquenwirtschaft (…) leben und weben sie in einer verletzenden Judentümelei“. h10 

Der alte Duktus von Friedrich Naumann und des nationalliberalen Bürgertums der Kaiserzeit  ist im Artikel noch gut zu erkennen.

Heuss publizierte während des Krieges, ohne dabei offen regimekritisch zu werden, unter  anderem in der  Wochenzeitung ‚Das Reich‘, die mit einer Millionenauflage gute Honorare zahlen konnte.

Das Reich Nr. 8 , 1944

 

1942 untersagte Hitler den Zeitungen, Heuss weiter zu veröffentlichen (er erinnerte sich wohl an das Buch über ihn). Heuss publizierte mit Einschränkungen weiter,  teils unter Pseudonym.

Sein alter Schulkamerad aus Heilbronn, Eugen Klöpfler, spielte die Hauptrolle ‚Sturm‘  in ‚Jud Süß‘ und verliest am Ende des Films als erster das Todesurteil auf Rassenschande nach altem Reichsgesetz, verkündet zum Schluss  theatralisch am Hinrichtungsplatz den Judenbann in Württemberg.

Das Reich Nr. 19, 1943

Nach 1945

Die Wende brauchte Zeit. Heuss sprach 1946 vor der Landesversammlung in Stuttgart,  im Geist der späteren Adenauer-Ära: „Auch in der Demokratie ist der Staat ein Herrschaftselement mit Befehlsgewalt und Gehorsamsanspruch (…)  Demokratie ist Herrschaftsauftrag auf Frist. Das Entscheidende der Demokratie ist in dem funktionalen Leben der Kritik die Kündbarkeit der Herrschaft, das Kündigungsrecht, das beim Volke liegt.”h9

Wie Theodor Heuss sich die Aufarbeitung des III. Reichs vorstellte: „Die geistige Auseinandersetzung mit den Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft muß von Deutschen selber mitgetragen werden, und zwar nicht von Emigranten, sondern gerade auch von solchen, die unmittelbar die Nöte des Lebens gespürt haben.”h5

Im Lauf der Nachkriegszeit wurde Heuss ein angesehener Bundespräsident, fand seine Rolle und seine Stärken, gab sich humorig, mit einem Gespür für seine Zeit, für die richtigen Worte. Der Historiker  Karl-Josef-Kuschel würdigt sein großes Engagement für die Aussöhnung mit Israel – glaubwürdig, denn derselbe Historiker hat ebenso detailreich und schonungslos die Fehler von Theodor Heuss vor 1945 erforscht und beschrieben, die hier teils zitiert wurden.

Theodor Heuss konnte am Ende wieder auf seine demokratischen Wurzeln zurückgreifen, den Geist seines Elternhauses.  Als junger Autor und Politiker hatte er sich davon stärker entfernt, als ihm bewusst war, folgte in kritischen Momenten dem unseligen Zeitgeist,  was er später oft bereute.  Er war mit seinen Fehlern, Schwankungen, im Kern guten Willen eine Identifikationsfigur. Eine Gesellschaft braucht nicht nur gute Absichten, sondern eine gute Verfassung, und die hat er nach dem Krieg mit gestaltet, mit wiederhergestellt. Es führt zu seinen Anfängen zurück: die Hoffnungen seines Vaters und dessen Vorbild Ludwig Pfau, der 1848 an der ersten Verfassung Württembergs mitwirkte.

zwei Reden von Theodor Heuss, 1948, Titelblatt, StA Hn CC BY SA 3.0

1948 trat Heuss für eine Rückbesinnung auf 1848 ein – ein Jahr vor Gründung der Bundesrepublik. Oben das  Titelblatt zu zwei seiner Reden – 1948 ist Heuss noch auf der Suche nach seinen alten Wurzeln.

 

Weiter zu Kapitel Ludwig Pfau      Kapitel Sascha und Karl Kaiser

 

 

 

Fußnoten, Quellen

Die Originale der zitierte Zeitschriften ‚März‘ und ‚Forum‘ von 1914/1915 befinden sich im Archiv Zeitsprünge Heilbronn.

h1 Brief von Heuss vom 23.12.1959

h2. aus: der Tag von Potsdam, Hrsg. Christoph Kopke und Werner Treß, 2013 Berlin /Boston,  de Gruyter Verlag, Zitat aus den Verhandlungen des Reichstages, VIII. Periode, Bd. 457 S.38

Die DDP hatte in der Weimarer Republik im Lauf der Zeit  immer mehr Stimmen verloren und kam am Schluß nur noch auf einer gemeinsamen Liste mit den Sozialdemokraten in den Reichstag. Ein gemeinsames Votum mit den Sozialdemokraten gegen das Ermächtigungsgesetz wäre aus mehreren Gründen naheliegend gewesen.

h3 Manifest der 93 von 1914, Manifest von 93 Künstlern, Autoren, Wissenschaftlern.

h4 Rede vor der verfassunggebenden Landesversammlung für Württemberg-Baden (18.7.1946), in: Quellen zur Verfassung von Württemberg-Baden, bearb. v. Paul Sauer, Stuttgart 1997, S. 50.

h5 Betrachtungen zur innenpolitischen Lage (30. 5. 1945), in: Theodor Heuss: Aufzeichnungen 1945-1947, Stuttgart 1966, S. 83.

h6 Theodor Heuss in „Staat und Volk“, Berlin 1926, S. 42.

Die ‚Stiftung Bundespräsident Theodor Heuss Haus‘  hat auf ihrer Homepage eine Sammlung von Zitaten veröffentlicht, die Heuss typisch charakterisieren sollen. Dieses Zitat gehört dazu, wie auch das nachfolgende aus dem Jahr 1928, siehe h7

h7  Beitrag „Demokratie und Parlamentarismus, ihre Geschichte, ihre Gegner und ihre Zukunft“, in: Anton Erkelenz (Hg.): Zehn Jahre Deutsche Republik. Ein Handbuch für republikanische Politik, Berlin 1928, S. 102.

h8 Ernst Wolfgang Becker, Theodor Heuss: In der Defensive: Briefe 1933–1945. Stiftung Bundespräsident, Verlag Walter de Gruyter, 2009, Seite 26

h9 Rede vor der verfassunggebenden Landesversammlung für Württemberg-Baden (18.7.1946), in: Quellen zur Verfassung von Württemberg-Baden, bearb. v. Paul Sauer, Stuttgart 1997, S. 50.

 

h10

Die Hilfe, 40. Jg. /Nr. 3 vom 3.2.1934, 65-67, Hrsg Theodor Heuss, Autor Ludwig Herz, Titel  „Ostjuden“, Ausschnitt: „Belastet mit dem Erbgut scharfen verstandesmäßigen Kritizismus  und eines nichts, auch sich selbst nicht schonenden Witzes, aber als Entwurzelte unschöpferisch, nur ästhetisch kitzelnd  und erheiternd, ohne Ethos und Verecundia (Anstandsgefühl), ein in uraltem Leid geschmiedetes Zusammengehörigkeitsgefühl zu Cliquenwirtschaft erniedrigend, einem in jahrhundertelangen Demütigungen erzeugtes Minderwertigkeitsgefühl durch Überheblichkeit und Vordringlichkeit entgegen wirkend, leben und weben sie in einer verletzenden Judentümelei, die des Urgrundes des Glaubens entbehrt und sich dadurch im Wesenskern von der Unduldsamkeit des auf sein Volkstum pochenden Zionismus unterscheidet. In diesen Antigoiismus, wie man es in Anlehnung an den Begriff des Antisemitismus genannt hat,  trafen sie sich mit formal begabten aber der Liebe  baren, von Pariaressentiment noch nicht geheilten Rückläufern aus der eingedeutschen Judenheit. Sie waren Schädlinge. Schädlinge nicht zuletzt an den eigenen Glaubensgenossen (…)“

Zitiert auf Seite 102-103 im Buch „Theodor Heuss, die Shoah, das Judentum, Israel“ von Karl Josef Kuschel, Verlag Klöpfer und Mayer, 2013, Tübingen, gefördert vom Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog.

 

h11

Brief von Theodor Heuss vom 10. Mai 1933, zitiert aus dem Buch „Theodor Heuss, die Shoah, das Judentum, Israel“ von Karl Josef Kuschel, Verlag Klöpfer und Mayer, 2013, Tübingen, gefördert vom Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog.

 

h12

siehe u.a. folgende Quellen:

Kapitel Walter Rathenau im Buch von Wihelm Herzog, „Menschen, denen ich begegnete“, 1959, A. Francke Verlag Bern

Lexikoneintrag zu Walter Rathenau und   Wilhelm Herzog .

Spiegel Magazin , 22.4.1959, „Nicht Rudolf“

 

h13

Walter Rathenau unter dem Pseudonym W. Hartenau in einem Artikel der Zeitschrift  ‚Zukunft‘ von Maximilian von Harden im Jahr 1897, siehe dazu u.a. den Artikel in der ZEIT vom 25.1.1985 und Besprechung des Buches „Walter Rathenau“ von Volkov auf H-Soz-Kult

 

h14

Friedrich Naumann, „vom Nationalen Juden“, erschienen 1920, zitiert auf Seite 120-121 im Buch „Theodor Heuss, die Shoah, das Judentum, Israel“ von Karl Josef Kuschel, Verlag Klöpfer und Mayer, 2013, Tübingen, gefördert vom Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog.

 

h15

Theodor Heuss am 10.12.1921 in der Zeitschrift „Deutschen Politik“, zitiert auf Seite 121 im Buch „Theodor Heuss, die Shoah, das Judentum, Israel“ von Karl Josef Kuschel, Verlag Klöpfer und Mayer, 2013, Tübingen, gefördert vom Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog.

 

h16 Die Hilfe , 39. Jg, Nr. 7 vom 8.4.1933, 198f.

zitiert aus dem Buch „Theodor Heuss, die Shoah, das Judentum, Israel“ von Karl Josef Kuschel, Verlag Klöpfer und Mayer, 2013, Tübingen, gefördert vom Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog. Seite 98

Heuss publizierte den nicht-signierten Kommentar. Der Historiker Karl Josef-Kuschel und Autor des obigen Buches nennt Heuss auch als den eigentlichen Autor.

 

h17

Artikel „3.Dezember 2006 – Vor 80 Jahren: Reichstag billigt das Schund- und Schmutzgesetz“

WDR Köln

https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag1730.html

Zitat des Artikels:

„Durch Trivialliteratur kann man verblöden. (…) Vom schädlichen Einfluss billiger Unterhaltungslektüre auf Menschenwohl und Volksgemeinschaft ist man in der Weimarer Republik überzeugter den je. Denn während zu Cervantes ‚ Zeiten nur der elitäre Adel lesen konnte, verlangt inzwischen die alphabetisierte breite Masse nach Befriedigung ihres Lesehungers. „Die Hyäne im Expresszug“, „Das Automobil des Teufels“ oder „Der Dienstmädchenwürger“ – so lauten jetzt die reißerischen Titel der billigen Groschenhefte, die an jeder Straßenecke auf Kundschaft lauern und das Land der Dichter und Denker ins Verderben stürzen wollen. Politiker und Lehrer warnen vor einer „Entfesselung der Sinnlichkeit“ und fordern einen „Schutz vor der Volksverwüstung schlimmster Art“.

Zensur findet wieder statt

Am 3. Dezember 1926 endlich billigt der Berliner Reichtag das so genannte Schund- und Schmutzgesetz. Zu den Befürwortern im Parlament gehört auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss. Von nun an wachen Prüfstellen darüber, welche Heftchen und Bücher indiziert werden müssen oder nicht mehr an Personen unter 18 Jahren verkauft werden dürfen. Geld- und Haftstrafen drohen. Um auf die schwarze Liste zu kommen reicht es schon aus, wenn in einer Liebesszene beschrieben wird, dass die Beine des beteiligten Mädchens zu sehen sind.Unter den Nationalsozialisten wird das Schund- und Schmutzgesetz 1935 abgesetzt – allerdings nur, um mit der Reichsschrifttumskammer einem weitaus schlimmeren und gefährlicheren Zensurinstrument zu weichen. In der jungen Bundesrepublik wird 1953 das „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ verabschiedet. Es verbietet Bücher, „die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich zu gefährden.“ Das erste indizierte Produkt trägt den Titel „Der kleine Sheriff“. Es ist ein illustriertes Westernheftchen.“ 3.12.2006

 

h18 das Zitat aus dem Tagebuch von Goebbels vom 25.1.1932

u.a. zitiert  in folgendem Artikel

THEODOR-HEUSS-KOLLOQUIUM 2017
Liberalismus und Nationalsozialismus – eine Beziehungsgeschichte
1
Frank Bajohr
Zwischen Gegnerschaft, Geringschätzung und Nichtbeachtung:
Der Liberalismus aus Sicht führender Nationalsozialisten

 

h19

Eintrag zu Heinrich Christian Schreiweis im Landesarchiv Ludwigsburg

h20

siehe u.a.

Theodor Heuss: Bilder meines Lebens  1905-1933, Herausgegeben von Wolfgang Mertz und Friedrich Kaufmann, Rainer Wunderlich Verlag Tübingen, 1964

Zitat aus Seite 166 „Es gab selbst in der Führung der Staatspartei einige hervorragende Männer, die schon 1931 der Meinung waren, man solle Hitler an der Macht beteiligen; er werde sich an den Realitäten verbrauchen.“
Erst danach entstand das Buch ‚Hitlers Weg‘. Heuss schreibt in seinem Buch von 1963, er habe schon immer seinen Parteikollegen widersprochen, Hitler in eine Koalition aufzunehmen, doch dem steht entgegen, das es ein Kerngedanke in seinem Buch über Hitler 1932 war, Hitler sei auf Koalitionen angewiesen und würde so entzaubert.
Das Buch „Bilder meines Lebens“ wurde im Frühjahr 1963 geplant, im Dezember starb Heuss.
h21

Heuss und die Bücherverbrennung aus:

BRENNENDE BÜCHER Erinnerungen an den 10. Mai 1933, eine Publikation der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Margrid Bircken, Helmut Peitsch (Hg.)

Heuss und der Vergleich von Hitler mit Lassalle:

„Hitlers Weg“, Theodor Heuss, 1932

Weitere Quellen:

Vorspiele des Lebens, Theodor Heuss, Jugenderinnerungen, 1953, Wunderlich Verlag, Tübingen

Theodor Heuss – Bürger im Zeitalter der Extreme