Mut zur Erinnerung

C.Frey 1909

Wie die Spurensuche zur Geschichte der alten Gymnasien in Heilbronn zu ungewöhnlichen Entdeckungen führte.

Kapitelübersicht

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1889 hält der nationalkonservative Bürgermeister Hegelmeier die Eröffnungsrede der königlichen Realanstalt und fordert ganz im patriotischen Ton der Zeit von den Schülern Opferbereitschaft für das Vaterland. Im Foyer stehen damals Büsten von Bismarck und Moltke, im Keller Karzer und Magdkammer. Die Schule liegt an der Bismarckstraße, am damaligen Kaiser-Wilhelm-Platz, auf halben Weg von der Innenstadt zur Kaserne. Von hier aus zogen die ehemaligen Schüler in beide Weltkriege.

Moltkestraße mit Blick auf Moltkekaserne, historische Postkarte.

 

Die Moltkestraße führt als Paradestraße zur Kaserne. An den Straßen links und rechts davon liegen die beiden alten Gymnasien der Stadt, die geschichtlich eng verbunden sind.329

Ausschnitt Stadtplan 1937

Aus dem Karlsgymnasium ging das Theodor-Heuss-Gymnasium hervor, aus dem Realgymnasium das Robert-Mayer-Gymnasium.

 

Heilbronn nach Norden vor 1944

StA Hn (u), dig jp

 

Das Schulgebäude des Realgymnasiums hat eine wilhelminische Fassade und einen recht klassischen Kaserneninnenhof. Kaserne oder Fabrik war meist die Vorbestimmung der Schüler, entsprechend der Industriepolitik der aufstrebenden Stadt war das Gymnasium naturwissenschaftlich ausgerichtet. Auch die prominenten Schulabgänger wie Karl Kaiser oder Victoria Wolff waren Fabrikantenkinder, die in die Fußstapfen ihrer Väter treten sollten – wenn auch der Lebenslauf der beiden am Ende andere Wege nahm.

StA Heilbronn, Blasewitz F003-M_0430-7634

‘Prügelanstalt’ nannte es der spätere OB Beutinger aus eigener Erfahrung als Schüler in der Kaiserzeit.363

“In manchen Stunden verprügelte er jeden vom ersten bis zum letzten Schüler”, berichtet Adolf Seifried, Jahrgang 1900, über einen seiner Lehrer. Schnell wird da die Begeisterung der Schüler über den Krieg verständlich, der ihnen schulfreie Nachmittage und weniger martialischen Unterricht brachte. “Die Kriegsverhältnisse wirkten sich auch auf die Schulen aus”, berichtet Seifried, “die Strenge ließ nach, es gab oft Siegesfeiern, man vernachlässigte die Schulaufgaben (…) studierte die Kriegskarten, steckte Fähnchen darein, die den Stand der Heere zeigen sollten und freute sich auf große Siege, die schulfreie Nachmittage einbrachten.” Samstags gab es Wehrübungen für die Schüler mit Gewehrattrappen. “Mancher unter uns hatte den dringenden Wunsch, doch auch noch Soldat werden zu dürfen.” 220- S.8-9

Sie habe ihre Lehrer selten als Menschen erlebt, schreibt die ehemalige Schülerin Victoria Wolff im Buch “Gast in der Heimat”, der ihre autobiographischen Erfahrungen romanhaft verarbeitet. Sie emigrierte 1933 und war später eine gefragte Autorin in Hollywood. Biographin Anke Heimberg schreibt: “Da die höhere Mathematik an Realgymnasien gerade in den oberen Klassen einen Schwerpunkt bildete, hatte Victoria Wolff, die in diesem Fach ohnehin schwächelte (…) regelmäßig unter den Sticheleien ihres Mathematik-Lehrers Dr. Rudolf Diez, dem als damaligen Rektor der Besuch der wenigen Mädchen auf ‘seiner’ Bubenschule offenbar missfiel, zu leiden” 91

Wer nicht in die von Naturwissenschaften und Jungen dominierte Schule passte, bekam es zu spüren. Auch heute noch ist die die Schule stark naturwissenschaftlich ausgerichtet, mit einer starken Mehrheit an Jungen.

ich wusste nur eines, hier war es nicht”

Victoria Wolff erlebte beim Ausbruch des ersten Weltkrieges, wie ihr Jugendfreund und späterer Ehemann in den Krieg eingezogen wurde und sie täglich mit seiner Todesnachricht rechnen konnte. “Sie hatten uns in diesen Jahren der Welterschütterung Briefe des Plinius an den Tacitus übersetzen lassen, hatten uns gelehrt, eine Gleichung mit drei Unbekannten anzusehen (…) wo war denn eigentlich dies ‘richtige’ Leben? Ich wusste nur eines, hier war es nicht, denn auch die Lehrer, die selten genug verrieten, dass sie Menschen waren, sprachen doch immer wieder das verlockende Wort: ins Leben hinaus.” (Victoria Wolff in ‘Gast in der Heimat’).

 

Weimarer Republik

Die Schule blieb nach dem Krieg streng konservativ. Victoria Wolff legte 1922 die Abiturprüfung ab. In der Schlussfeier des Schuljahres kam es zu einer “nationalistischen Hetzrede” des Rektors Diez, berichtete das Neckarecho. Die Rede richtete sich gegen den jüdischen Mitbürger Abraham Gumbel, der sich in der Stadt für Pazifismus und gegen Militarismus engagierte – der Rektor warnte die Schüler, dem undeutschen Pazifismus nicht zu huldigen, dem Volkstum treu zu bleiben. Abraham Gumbel wehrte sich in einem offenen Brief. Rektor Diez legte im Heilbronner Generalanzeiger mit einem Bekenntnis zum Volkstum nach. (94 Seite 69)

1922 kam es auch zum Fememord an Außenminister Rathenau. Bürger, die sich um die junge Demokratie sorgten, demonstrierten. Rektor Diez beschwerte sich bei der Ministerialabteilung über Schüler und Lehrer, die sich an den Demonstrationen beteiligt hatten.

unten: Karikatur von Hans Gerner aus der Heilbronner Sonntagszeitung 1922

243 Holzschnitt von Hans Gerner 1922

“Innerhalb der Lehrerschaft besonders der Oberschule gab es eine Schicht, die zäh und verbissen gegen die Weimarer Republik arbeitete”, berichtet Willi Schaber, ehemaliger Schüler von 1920 bis 23, der 1933 emigrierte. Zu seinen Berichten gehören auch Anekdoten, die bereits an die späteren, grotesken Versuche der Nazis erinnern, die Sprache zu regermanisieren (Nase als Gesichtserker), so lehnte ein Lehrer die Datumsangabe Februar ab, das Formular sei nicht richtig ausgefüllt, richtig sei der urdeutsche Monatsname ‘Hornung’. (95 S.68)

1923: Schlussfeier des Realgymnasiums mit nationalistischen Tönen: “Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein” wird angestimmt.92

Im Herbst 1923 brachten einige Lehrer der Realgymnasiums ihre Schüler der oberen Klassen in die Kaserne, um die Hilfspolizei zu verstärken, um einen möglichen kommunistischen Aufstand abzuwehren. Der Aufstand blieb aus, die Schüler kamen nicht zum Einsatz als Hilfspolizisten, doch demonstrierten sie ihre Einsatzbereitschaft in der Klassenzeitung. Die Zeit in der Kaserne wird dort in einem selbst verfassten Gedicht als willkommene Abwechslung beschrieben, darunter folgende Zeilen:

“…wir kehren auch noch einmal wieder und pflaumen dann die Juden nieder. Als nächster kriegt der Franzmann Keile, und zwar in allergrößter Eile”.(95 Seite 72)

Die Lehrer, die hier ihre Schüler in die Kaserne brachten, hatten vermutlich ganz eigene Erziehungsziele.

Der Rabbinersohn Ezra BenGershom wohnte in der Bismarckstraße und wurde in den Zwanziger Jahren auf seinem Weg zur Karlsschule immer wieder aufgelauert und mit den Rufen „Judenstinker“ verprügelt. Peter Lilienthal verfilmte 1979 seine Autobiographie „David – Aufzeichnungen eines Überlebenden“.

Unten: Karikatur von Hans Gerner in der Heilbronner Sonntagszeitung 1924

244, Holzschnitt von Hans Gerner, 1924

“Knöcherne Pedanterie der Pauker” nannte es Fritz Wolf, der 1926 am Realgymnasium das Abitur ablegte. Er war froh, “das untragbare Joch” abzuschütteln – doch die Freiheit währte kurz, wenige Jahre später musste er in die Emigration fliehen.235

1931 referierte ein Biologielehrer im voll besetzten Festsaal über “Erziehung und Vererbung” in Vorwegnahme des Kommenden. (95 S. 77) Der Züchter verbessere die Auslese. “Leider findet in unserem Volk die umgekehrte Auslese statt, insofern die gebildeten Familien viel weniger Kinder zu haben pflegen als die anderen. Die Folge wird in wenigen Jahrhunderten das Aussterben der Begabten und damit der unaufhaltbare Niedergang unseres Volkes sein.”220 S.16-17

Friedel Krämer, die bald fliehen musste, schrieb 1930/31 in der Abiturklasse über Heinrich Heine. Ein Mitschüler stand auf und bezeichnete Heine als den “größten Schmutzfinken im deutschen Dichterwald”. Der Lehrer habe das “vollkommen akzeptiert. Der war derselben Ansicht”, berichtete die Emigrantin 1995 in einem Dokumentarfilm, den die Schule nicht zeigen wollte, wie der Regisseur Wilhelm Rösing berichtete. 432

 

Nach der Machtergreifung

1933: der Hitlergruß wird Pflicht für Lehrer und Schüler, auch zu Beginn jedes Unterrichts. Wiedereinführung der Prügelstrafe, die Ende der 20er Jahre teils abgeschafft wurde.92 u.231 Eine Abituraufgabe im Frühjahr 1933 lautet: Was verstehen Sie unter nationaler Gesinnung und wie denken Sie sich ihre Betätigung? 220 S. 22

Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums schafft den Nationalsozialisten die Handhabe, alle unliebsamen Beamten zu entlassen, insbesondere ‘nichtarische’ 92

“Aber noch viel schlimmer als der offene Boykott ist seither der stille Boykott, da alle Beamten, Schutzleute, Lehrer, Postler, Straßenbahnschaffner, Krankenhausangestellte sich unterschriftlich verpflichten müssen, nichts bei Juden zu kaufen (…) die Leute werden dadurch natürlich vollständig ruiniert (…) ganz abgesehen davon, dass alle 〈jüdischen〉 Beamten, Doktoren, Lehrer, Rechtsanwälte aus ihren Stellungen geworfen wurden und vor dem Nichts stehen.” Thekla Sänger am 1.Mai 1933 in einem Brief an Angehörige.

Rektor Weber läßt das Deutschlandlied zur Jahreschlussfeier 1933 singen, die Schüler stimmen zusätzlich das Horst-Wessel-Lied an. Weber wird durch OStD Adolf Geiger abgelöst, der sich als “Kämpfer Adolf Hitlers” bezeichnet. In der Nachkriegszeit wird er als ein ungeeigneter, simpler Charakter dargestellt, sein fachfremder Unterricht in Deutsch, in dem “Mein Kampf” gelesen wurde 220 S.31, soll katastrophal gewesen sein 94. Dennoch: er war nicht nur Oberstudiendirektor in der schulischen Beamtenlaufbahn (müsste also schon vor 1933 in der Karriere erheblich gefördert worden sein), sondern auch Obersturmführer der SA (das ebenfalls auf eine längere SA-Karriere schließen lässt). 94

Januar 1934: Luftschutzkurs für Lehrerinnen in Heilbronn. Da die Männer später im Felde stehen werden, fällt ‘ein großer Teil des Luftschutzes im Ernstfall der Frau’ zu. 92 Gleich zu Beginn machten die neuen Machthaber deutlich, was kommen wird.

Der Ariernachweis für Lehrer wird vorgeschrieben, sie müssen nach einem Erlass vom 11.1.1934 jeder “intellektualistischen Einstellung” fernstehen (94 S.82)

1935: Vollzugsmeldung: die Abiturienten zeigen Einsatzbereitschaft für den Nationalsozialismus und seien in NS-Formationen eingegliedert, berichten die Schulleiter der Robert-Mayer-Oberschule und der Karlsoberschule, wie es im neuen Jargon der Zeit heißt.92F

1937: Weisung bei der Vereidigung der neuen Lehrer, bei der Stoffauswahl des Religionsunterrichts dem ‘germanische Sittlichkeitsempfinden’ zu folgen 92

1938: der Sohn des Kunstlehrers Gottlieb Löffler vom früheren Realgymnasium, ein junger Architekt, wird von der Gestapo in den Selbstmord getrieben.(96) Er half Juden, was ihm zum Verhängnis wurde. Er war Assistent des Architekten Tessenow (wie zuvor auch Albert Speer).

Foto jp

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Lehrmittel: Abbildung aus den Heften “Kunst im deutschen Reich 1939-1943” mit Stempel der ehem. Robert-Mayer-Oberschule, Foto jp

Zu den einflussreichen Förderern von Arno Breker gehörte der Rektor eines Heilbronner Gymnasiums der Nachkriegszeit, Karl Epting, zuvor Ribbentrops Kulturleiter in der Botschaft in Paris, Autor antisemitischer Schriften, der in Paris Razzien gegen jüdische Kunsthändler durchführen ließ. 214

Die Festschrift des Robert-Mayer-Gymnasiums 1989 schreibt über ihre Schule in den 30er Jahren: “Einzelne Lehrer werden von ehemaligen Schülern als ausgesprochene ‘Judenfresser’ charakterisiert.” (94-S.94)

Er habe ein ganz normales Verhältnis zu den nichtarischen Schülern, beteuert Rektor Adolf Geiger.94

Julius Mai erinnert sich: “in der Oberrealschule, heute Robert-Mayer-Gymnasium, wurden wir verspottet, verfolgt, verhauen”. (94 S.94)
Als er 1936 in die USA auswanderte und als ehemaliger Schüler um eine Kopie des Schulzeugnisses bat, erhielt er von OStD Geiger die Antwort: “Ein Judenstinker hat kein Recht, ein Zeugnis von einer deutschen Schule zu verlangen.”(220 S.36)

Wie man damals als Rektor Karriere macht: Pfarrer Stegmann hatte einen Konflikt mit einem neuen NS-Lehrer wegen dessen Religionsunterricht. Ein SA-Trupp überfiel Stadtpfarrer Stegmann, setzt ihn in einen Leiterwagen und zieht durch die Stadt. Thekla Sänger: “Unterwegs wird er verhöhnt, sein Hut vom Kopf geschlagen, verprügelt. Schließlich ist er schmutzbedeckt und in einem erbärmlichen Zustand. So wird der Pfarrer im Leiterwagen durch die Straßen von Heilbronn gezogen, vorbei an einer großen Menschenmenge. Manche johlen mit den Nazis kräftig mit, andere schweigen aus Scham. ‘Als ich dieses entsetzliche, unwürdige Geschehen sah, diese Demütigung, muss ich leichenblass ausgesehen haben’, erinnert sich ein Zeitzeuge. Der höchste Heilbronner Hitlerjugendführer sieht, daß ich erschüttert bin und herrscht mich an: ‘Das ist vollkommen gerecht!’ (aus: Mahnung gegen Rechts) Dr. Stegmann kommt ins Gefängnis, der ‘linientreue Lehrer’ Ludwig Zeller wird Rektor an der Rosenauschule und Stellvertreter des gefürchteten Kreisleiters Drautz.87 u. 440

Die beiden alten Gymnasien geraten in den Brennpunkt der NS-Organisationen. Die Hauptstelle der Hitlerjugend im Unterland zieht neben das ehemalige Karlsgymnasium ein, das Parteiamt für Erziehung und der NS-Lehrerbund residiert im ehem. Gymnasium an der Bismarckstraße, nach dem Führerprinzip geleitet von OStD Geiger.440

“Zur Erziehung gehört Härte” betont der Rektor der Robert-Mayer-Oberschule, wie das Tagblatt 1939 zitiert. OstD Geiger berichtet 1942 stolz: “Nahezu jede Lehrkraft setzt sich außerhalb der Schule in irgendeiner Weise für die Bewegung ein, sei es in der HJ, der Partei oder einer ihrer Gliederungen, obwohl Schule gerade jetzt im Krieg an den einzelnen Erzieher hohe Anforderungen stellt”.94

Ein ehemaliger Kollege berichtet: Geiger ging “bei jeder Gelegenheit mit üblen Drohungen vor und verfolgte auch die älteren Kollegen mit Zynismus” 94 S. 124

Geiger steigerte nur das, was ohnehin in den konservativen Schulen angelegt ist. Viele, die diese Schulen einmal von Innen kennen gelernt haben, werden Drohungen, Einschüchterungen und Mobbing ihr Leben lang nie vergessen. Teils durch die obrigkeitsstaatliche Struktur des Schulwesens begünstigt, teils durch die Abgründe lokaler Traditionen gewachsen.

Auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz vor der Schule fanden paramilitärische Übungen statt, berichten Zeitzeugen. 93

In der benachbarten Oberschule (ehemals Karlsgymnasium) war es kaum anders, wie das Schreiben von Direktor Wächter erkennen lässt:

“Liebe Abiturienten … wünsche ich euch, dass Ihr Euch im Kriegseinsatz bewähren dürfet… Heil Hitler! Euer Schulleiter”

oben: Grußwort von OstD Wächter von den Vereinigten Oberschulen Heilbronn, ehemals Karlsgymnasium, später Theodor-Heuss-Gymansium an die Abiturienten CC-BY-SA 3.0 B081-47 StA Hn

Kurt Rebmann, einer seiner Abiturienten, später Bundesstaatsanwalt, tritt noch vor dem Abitur im März 1942 der NSDAP bei.430

Im Interview mit der ZEIT berichtet Kurt Rebmann 1990: “Die Erziehung in der Schule war sehr autoritär. Wir haben von dem, was man uns gelehrt hat, nichts in Frage gestellt (…) Wir haben die Strenge akzeptiert (…) Man hat uns Zucht und Ordnung abverlangt. Wir haben das akzeptiert. Ab 1936 bekamen wir eine Art vormilitärischer Ausbildung. Wir haben einen Teil unserer Sommerferien in Kasernen verbracht (…) “

ZEIT: Stört Sie im nachhinein der Mangel an Kritikfähigkeit?

Rebmann: “Nein. Von Staats wegen wurde nichts problematisiert (…) Heutzutage wird doch sehr viel, was früher unbestritten war, in Frage gestellt, das Leistungsprinzip, der Gehorsam, der Fleiß. Für uns war das kein Problem.” 429

* * *

Die Schulabgänger ziehen in den Krieg, viele als Kriegsfreiwillige mit Notabitur, viele fallen. Wer noch an der Schule ist, wird häufig Flakhelfer.

Wieder war der Krieg für manche Schüler verlockender als die strenge Schule. “Wie die meisten Klassenkameraden hatte auch ich das Glück, dem Abitur durch eine Einberufung zum Militär zu entgehen”, schreibt ein Schüler aus der Bismarckstraße 1941 ins Rundbuch seiner Klasse. 220 S. 35

Ein Heilbronner Schüler: Helmut Schaal mit 15 Jahren 1934

StA Hn

 

Helmut Schaal mit 19 Jahren, 1938

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Helmut Schaal mit 21 Jahren, 1941

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Bei den Bombenangriffen 1944 wird auch die Robert-Mayer-Oberschule zerstört.

(111) Foto-Scheer, StadtA HN, CC-BY-SA 3.0

oben: Ruine der Robert-Mayer-Oberschule 1949 während des Wiederaufbaus vom Innenhof aus gesehen. In der Mitte ist die beschädigte Friedenskirche hinter der Portalseite der Schule sichtbar.

 

Nach 1945 – Schatten der Vergangenheit

Jetzt sollte alles anders werden. OB Beutinger, zurück im Amt, holte Walter Vielhauer, der gerade erst aus dem KZ kam, für Wohnungs-, Arbeits- und Fürsorgefragen, die Militärregierung ernannte Vielhauer sogar zu einem der Bürgermeister. In der Nähe der Schule wurden die Straßennamen 1947 im neuen, demokratischen Geist geändert, mit Preußens Gloria und Militarismus sollte jetzt Schluss sein. Doch die Stimmung für Aufbruch und Veränderung währte nur kurz – schon wenige Monate danach wurde 1948 das Rad zurückgedreht, die Straßen wieder zurückbenannt: Kaiser-Wilhelmplatz, Moltkestraße, Bismarckstraße. 365 Walter Vielhauer schied als Bürgermeister aus, 1950 ging der Adenauererlaß gegen Mitglieder der VVN und KPD im öffentlichen Dienst vor.

Die ganze Stadt war zerstört, der Wiederaufbau teuer – doch eine symbolische Geste demokratischer Straßennamen bei den Schulen hätte nicht viel mehr als guten Willen gekostet- eine vergebene Chance für einen Neuanfang unter einem besseren Zeichen.

Doch eine Änderung von 1948 blieb: die Abschaffung der Friedensstraße bei den beiden alten Gymnasien (seitdem Gymnasiumstraße).

Die alten Eliten wehrten sich gegen Machtbeschneidung, auch in Heilbronn. In dieser Stadt wurde die Polarisierung besonders deutlich, schreibt Birgit Braun in ihrer Landesgeschichte zur Schulpolitik der ersten Nachkriegsjahre.417b

Was geschah nach Ende der Nazi-Herrschaft mit Rektor und SA-Obersturmführer Geiger? 1969 schrieb ihm die Heilbronner Stimme einen freundlichen Geburtstagsgruß zum Achtzigsten. Unter den biographischen Angaben standen nur die Eckdaten als Oberstudiendirektor. (94 S. 129)

Ein von Schülern als typischer Nazi beschriebener Biologielehrer Matschek erhält von der Heilbronner Stimme 1950 noch folgenden Nachruf: “Es ist nicht zuviel gesagt, wen man behauptet, dass Prof. Matscheck ganzen Generationen dazu verhalf, einen sicheren, weltanschaulichen Standort zu beziehen” und es bedauerlich gewesen sei, das man ihn nach dem Krieg nicht mehr in der Schule eingesetzt habe. 220 S.31 Anm. 4

Nach 1945 wurden die Schulen wieder aufgebaut. Doch vieles blieb bei den Heilbronner Schulen beim Alten. Die Heilbronner Stimme berichtete im Juli 2017 über die konservativen Gymnasien der Nachkriegszeit im Artikel “Als die Lehrer noch echte Männer waren” von der bewussten Geschlechtertrennung aus Tradition bis zur Pausenhofgestaltung. Beim Robert-Mayer-Gymnasium blieb es bei der Dominanz von Jungen und Naturwissenschaften und einem bewusst strengen Ruf. “Wir haben noch Mut zur Erziehung. Bei uns herrscht Zucht und Ordnung”, fasst es ein Schülerkabarett von 1978 zusammen 94-S.114. Der damalige Rektor Speck “war extrem autoritär”, berichtet Dr. Thomas Schnabel, später Leiter des Hauses der Geschichte in Stuttgart, damals Schüler.316

Rund 25 % der Schüler wurden aussortiert, wurden nicht versetzt, berichtet die Heilbronner Stimme im Juli 1970 – ein großer Unterschied zu anderen Schulen. 44 Jahre später, im Jahr 2014 berichtet die Heilbronner Stimme nochmals zu diesem Thema, 50 % der Schüler verlassen das Robert-Mayer-Gymnasium vor dem Abitur. Über Jahrzehnte pflanzen sich alte Strukturen fort.
Fast 25 Jahre dieser Zeit prägte der autoritäre Rektor Speck die Schule. Wie wurde ein solcher Typus Rektor? Wer hat ihn gefördert? An welcher Schule begann er seine Karriere?

Franz Speck hatte seine eigene Schulzeit im Nationalsozialismus durchlaufen, doch seine Karriere nahm am benachbarten Theodor-Heuss-Gymnasium Fahrt auf, wo er unter einer besonderen Leitung aufstieg:

 

Karl Epting

Dr. Karl Epting prägte autoritäre Schule in Heilbronn mit Nachwirkungen bis in die Gegenwart: am ältesten Gymnasium Heilbronns herrschte in den 60er Jahren ein berüchtigtes, ehemaliges NSDAP-Mitglied, das im III. Reich tief in Verbrechen verstrickt war, im besetzten Frankreich nach der Macht über Schulen und Hochschulen strebte und das Aussortieren der jüdischen Kinder an den französischen Schulen forcierte – die Kinder erwartete Deportation, KZ und Gaskammer. Er förderte und publizierte die schlimmsten Rassenhygieniker wie den Mentor von Josef Mengele. Ist die Geschichte in Heilbronn aufgearbeitet? Bis ins neue Millennium wurde Karl Epting noch gefeiert, sein brauner Freundeskreis verklärt. Waren die Verbrechen von Karl Epting zu übersehen? Bei diesem berüchtigten Altnazi lässt schon der einfache Wikipedia-Artikel in den Abgrund blicken: “Eptings antisemitische Äußerungen gehören nach Wolfgang Geiger zu der schlimmsten antisemitischen Hetze über Frankreich, die je verfasst wurde”.[97] 98)

 

Glücksfall?

Eine Festschrift des Theodor-Heuss-Gymnasiums nennt noch im Jahr 2ooo Karl Epting einen Glücksfall für die Schule, im Jahr 2005 findet sogar nochmals eine besondere Feierstunde der Schule für Eptings 100. Geburtstag statt. 211, 212 Die Heilbronner Stimme berichtete wohlwollend über Eptings prägenden Einfluss in Heilbronn.

Die autoritären Rektoren Epting und Speck waren bei den Schülern Reizfiguren. 2017 lud das Stadtarchiv nochmals zum Gespräch über die Protestbewegungen der 60er Jahre an den Schulen. Das Stadtarchiv hatte den Laudator Eptings zu seinem 100. Geburtstag aufs Podium geladen– die Chance für den Beginn einer Aufarbeitung wurde nicht genutzt.

Nach Jahrzehnten des Schweigens in der Stadt über die Vorgeschichte von Karl Epting, der Schule in der Stadt so nachhaltig prägte, wird es jetzt Zeit, ausführlich zu berichten.

 Karl Epting,  Jacques Benoist-Méchin, Cont,September 1941 (c) ullstein bild – Roger Viollet

oben: der spätere Rektor eines Heilbronner Gymnasiums Karl Epting (links) im September 1941 mit SS-Arzt und Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti (rechts), der 1940 bei den ersten Experimenten für die Gaskammern und am Euthanasie-Programm T4 beteiligt war.351 Karl Epting gab als Herausgeber 1942 ein Buch mit führenden ‘Rassenhygienikern’ heraus 334, in dem offen für Massensterilisation und gewaltsame Entfernung der Juden geworben wird. In der Mitte des Fotos Benoist-Méchan, der die Deportationen der Juden in Frankreich politisch unterstützte.

 

Spiritus Rector

Wie konnte jemand wie Karl Epting im Heilbronn der Nachkriegszeit Rektor werden? Weshalb war er so einflussreich und prägend für Schule? Weshalb wird er noch bis in die jüngste Vergangenheit an seiner Schule gefeiert? Was hat er im III. Reich tatsächlich getan?

Zeitweise hatte er maßgeblichen Einfluss auf alle Schulen und Hochschulen im besetzten Frankreich – doch der Reihe nach. Die Spurensuche beginnt mit der Sichtung von Quellenmaterial – und die zeigen seine offensive Rolle im Faschismus.

antisemitische Propaganda

Epting verfasste im III. Reich unter dem Pseudonym ‘Matthias Schwabe’ Propagandaschriften wie “Die französische Schule im Dienste der Volksverhetzung” aus dem Jahr 1940.

‘Zeitsprünge’ konnte den Originaltext ausfindig machen und zitiert erstmals den Wortlaut des Buches:

“Juden, Emigranten, Volksverräter”, nennt Karl Epting darin Klassiker von Heinrich Heine bis Thomas Mann, er zählt sie zu den „Fluten der Schundliteratur“, von denen sich das ‘junge Deutschland’ in der Bücherverbrennung 1933 “gereinigt“ habe (240). Ein ganzes Kapitel lang beklagt er sich über die Wertschätzung des Juden Heinrich Heine in französischen Schulbüchern. Dieser, wie viele andere Autoren, würden in französischen Schulen der ‘Volksverhetzung’ dienen. Als Belege nennt unter anderem Heines Gedicht ‘Deutschland ein Wintermärchen’, in dem sich der Dichter kritisch über Deutschland äußerte, sowie die satirische Abwandlung des Liedes ‘Sie sollen ihn nicht haben, den deutschen Rhein’. Karl Eptings Verfolgungen lassen kaum einen bedeutenden Autor aus: Heinrich Mann, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler, Arnold Zweig, Alfred Döblin, Franz Werfel, Alfred Kerr, Berthold Brecht, Walther Rathenau, Erich Maria Remarque, Romain Rolland, Aldous Huxley, H.G.Wells, Andre Gide und viele mehr (240) – bald darauf finden sich diese Namen auf der Zensurliste im besetzten Frankreich, an der er wesentlich mitwirkte 270. Mehrmals erwähnt der spätere Rektor den jüdischen ‘Volksverräter’ Maximilian Harden – es ist der Onkel von Sascha Kaiser, Ehefrau Karl Kaisers, dem bekannten Schüler des Realgymnasiums Heilbronn, der für den Widerstand gegen das III. Reich ins Gefängnis ging und an den man sich an seinem Gymnasium an der Bismarckstraße nicht erinnern wollte – über viele Jahrzehnte bis heute. Noch 1977 schrieb Epting in seinem Buch “Gedanken eines Konservativen”, die Künstler der Moderne wie die Dadaisten und Expressionisten, Toller und Werfel würden Dekadenz und kulturellen Niedergang verkörpern.

Epting – wirklich ein Glücksfall für die Schule? Kannte die Schule nicht seine Vergangenheit? Wohl doch, denn die Festschriften des Theodor-Heuss-Gymnasiums aus dem Jahr 1971 und 2000 führen seine gleichgesinnten Freunde aus der braunen Zeit noch als Honoratioren und Prominenz auf (dazu später mehr). Fiel es jahrzehntelang niemand auf, störte sich niemand daran?

 

Als junger Faschist in Frankreich

In französischen Polizeiakten wurde der spätere Rektor des Heilbronner Gymnasiums schon früh auffällig, als er sich für die Verbreitung antisemitischer Schriften einsetzte.278-2 u. 3

Stramm nationalsozialistisch führte er die Außenstelle des DAAD in Paris und versuchte mit anderen Nationalsozialisten die Stimmen der Emigranten zu kontern, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, die für das Regime wirbt. Im DAAD begann er auch mit dem Pseudonym Matthias Schwabe zu publizieren.278-3, 278-4, 279

Otto Abetz

Den Weg nach oben bahnte ihm sein Freund Otto Abetz, später Ribbentrops Statthalter in Frankreich, dem er bis in die Nachkriegszeit verbunden ist.

Otto Abetz , 340

Sie lernten sich in den Jugendbünden kennen und dienten sich nach der Machtergreifung den Nazis an. Otto Abetz wurde Ribbentrops enger Mitarbeiter, trat der SS bei, gehörte zur persönlichen Entourage Hitlers beim Einmarsch in Warschau. Otto Abetz holte Epting in die Propagandaabteilung des Außenministeriums für den Frankreichfeldzug. Bald nach der Besetzung Polens folgte der Überfall auf Frankreich.

Es kann nicht schnell genug gehen: die Gier nach Raubkunst

Es blieb nicht bei Propaganda. Einen Tag nach dem Einmarsch in Paris am 14. Juni kamen Epting und Abetz mit Vollmachten in die Stadt, Abetz als Ribbentrops Gesandter und Statthalter, Epting als enger Mitarbeiter. 284 Wie sich Epting seine Rolle als ‚Kulturbotschafter‘ vorstellte, setzte er gleich in die Tat um.

Schon zwei Wochen später, Anfang Juli 1940, führten Abetz und Epting die erste große Razzia durch. Roland Ray vom Institut für Zeitgeschichte schreibt: „Am 2. Juli trafen Abetz und Epting organisatorische Vorbereitungen für eine große Razzia in jüdischen Pariser Kunst- und Antiquitätengeschäften (…) die Operation müsse ‘schlagartig in getarnter Form’, am besten spät abends oder im Morgengrauen laufen“285. Die wertvollsten Beutestücke sollten in ihre Botschaft gebracht werden214e. Epting übergab der Polizei eine Liste mit Firmen zum Vollzug, dabei wurde der Polizeidirektion suggeriert, dass die Genehmigung der Militärverwaltung bereits vorlag, was nicht zutraf. Als die Militärverwaltung dann erfuhr, dass nicht nur gesichtet, sondern auch massenweise Kunst weggeschafft wurde, stoppte sie am 8. Juli die Aktion. Es entwickelte sich ein wochenlanger Kleinkrieg zwischen Botschaft einerseits und Militärverwaltung andererseits. Abetz und Epting beriefen sich auf einen Führerbefehl, die Militärverwaltung in Paris verwies auf das Völkerrecht und darauf, dass ihr bis dato der Führerbefehl nicht schriftlich vorgelegt wurde, ließ Depots bewachen und gab Verordnungen zum Kunstschutz aus. 266b

Bald nach der ersten Razzia Anfang Juli 1940 schickte Ribbentrop das Sondereinsatzkommando Künsberg zur Verstärkung. Epting machte intensiv von dieser Unterstützung Gebrauch. Künsberg wurde später in Russland zum berüchtigten Räuber von Kulturgut mit über 250.000 Objekten. 307

Viele der Kunstschätze aus dem Louvre waren auf Schlösser auf dem Land ausgelagert worden, ein Sonderkommando mit Künsberg und Epting spürte sie auf, doch das Oberkommando des Heeres verhinderte vorerst den Abtransport. Ungeduldig forderten Abetz und Epting Kataloge und Listen der Kunstschätze. Wie der Historiker Ray berichtet, “entriss Epting der Louvre-Direktion die zugesagten Verzeichnisse, wobei er gedroht haben soll, die Kisten in den Bergungsorten gewaltsam öffnen zu lassen“. 266 S. 347

Noch am selben Tag ließen sich Epting und das Sonderkommando Künsberg die Genehmigung geben, 50 verlassene jüdische Wohnungen zu durchsuchen. Bald darauf stapelten sich die Kunstwerke aus den jüdischen Wohnungen in ihrer Dienststelle, wieder ohne Genehmigung der Militärverwaltung, die Kunst aus den Wohnungen wegzuschleppen.266 S. 348

Die Militärverwaltung versuchte weiter, die großen Lager zu schützen.

Abetz sandte seine Helfer aus, die “zwangen die Lagerverantwortlichen mit vorgehaltener Waffe, Kisten zu öffnen, und rissen in den Büros der obersten Museumsverwaltung die noch unvollständigen Listen aus den Akten”, wie Nicholas berichtet.300

Stießen sie in der Stadt an Grenzen, verlegten Abetz und Epting ihre Raubzüge aufs Land, dort wurden aus Schlössern der Familie Rothschild hunderte Kisten abgeschleppt und in ihre Dienststelle geschafft 266, eine „Art moderne Freibeuter“, wie der Kunstschutz des Heeres klagte.277b

Bald wurde Ihnen die Raubkunst von Göring und Rosenberg wieder abgenommen, doch über 70 Kunstwerke behielten sie bei sich, darunter Gemälde von Renoir, Degas und einen Schreibtisch des Fürsten Metternich277c, den Epting noch 1977 in seinem Buch „Gedanken eines Konservativen“ als mutigen Antidemokraten verherrlicht, der Verfassung und Gewaltenteilung ablehne – und diesem Vorbild ein ganzes Kapitel widmet. 265-3

Otto Abetz behielt den Schreibtisch des Fürsten Metternich symbolträchtig als persönlichen Arbeitstisch in der Botschaft. Metternich war unter anderem berüchtigt als Zensor, für die Unterdrückung von Presse und Opposition verantwortlich und es ist erstaunlich, dass die umfassenden Zensurlisten, an der Epting wesentlich mitwirkte, buchstäblich nochmals über den Tisch Metternichs gingen. 277c

Ausgerechnet ein echter Nachfahre Metternichs war ihr erbitterter Gegner. Der Kunsthistoriker Graf Wolff Metternich wurde vom Oberkommando der Wehrmacht für den Kunstschutz eingesetzt. Die Kunstraubzüge waren völkerrechtswidrig und die Wehrmacht sah es als Rufschädigung. Metternich konnte lange den weiteren Abtransport der zusammengerafften Raubkunst nach Deutschland verhindern – bis Hitler selbst Abetz und Epting das weitere Vorgehen entzog und Metternich anwies, dass jetzt Göring und Rosenberg abtransportieren können, was sie wollen.

Allein die Kunstschätze der Familie Rothschild, deren Plünderung Abetz und Epting begannen, bildeten bis zum Ende des Krieges ein Viertel der gesamten Beschlagnahmungen von über 20000 Objekten aus Frankreich, wie Haase dokumentiert. 297

Landete ein Teil davon im Salzbergwerk Heilbronn? Woher stammt ein Rubens-Gemälde, die Werke von Renoir, Monet, Pissaro, die man später dort fand? 319

Epting besorgte später noch dem Kunstsammler Gurlitt (Sonderbeauftragter für das Führermuseum), das Visum.264

oben : SS-Mann Otto Abetz, Botschafter und Statthalter in Paris (371)

Acht Wochen nach dem Einmarsch in Paris hatten sich Abetz und Epting bereits machtvoll inszeniert und etabliert. Abetz wurde von Hitler jetzt zum Botschafter ernannt, praktisch Statthalter in Frankreich, der später Pétain zu Regierungsumbildungen drängen wird, um die Deportationen besser durchführen zu können. Seine Machtbefugnisse ließ sich Otto Abetz beim Antrittsbesuch auf dem Berghof von Hitler bestätigen (3.8.1940): unter anderem die politische Schlüsselrolle und Leitung von Presse und Rundfunk311, zum großen Ärger für Goebbels, dazu die Machtbefugnisse seines Freundes Epting, in Frankreich Hochschulen und Verlage überwachen zu können, wie in Eptings Entwurf des Deutschen Instituts festgehalten war. 312

oben: Statthalter Otto Abetz (Mitte) mit Marschall Pétain (links) und Ministerpräsident Laval (rechts) 377

Der spätere Rektor des Heilbronner Gymnasiums war jetzt praktisch für das ganze Schulwesen in Frankreich zuständig. Zusammen mit der SS erstellte Karl Epting jetzt Listen zur Verfolgung von Hochschulprofessoren (276), er zählte zu den wichtigsten Informanten des Nachrichtendienstes der SS (‘Sicherheitsdienst’) dazu. Sein Institut gab die Richtlinien zur Zensur der Schulbücher vor und arbeitete an der großen Zensurliste für das gesamte Verlagswesen wesentlich mit.

Epting hatte sich den Prachtbau der polnischen Botschaft als Sitz für sein Deutsches Institut bestätigen lassen, mit dem er herrschaftlich repräsentieren konnte, mit großem Budget und Doppelfunktion als Direktor des Instituts und Kulturreferent der Botschaft.

(372)

 

Epting achtete auf seine Weise darauf, dass die Fäden bei ihm zusammenliefen. In der selbst geschaffenen Zentrale gab es dienstags ein Arbeitstreffen mit dem Geheimdienst der SS (‘Sicherheitsdienst’), Vertretern der Propagandaabteilung, der Botschaft und seines Instituts, in der unter anderem die ‘Liste Otto’ (Zensurliste benannt nach Otto Abetz) mit rund 1000 Büchern laufend überarbeitet wurde 274

Epting gingen die Maßnahmen manchmal nicht weit genug. Zunächst waren nur jüdische Autoren aus Deutschland verboten. Epting drängte darauf, auch jüdische Autoren in Frankreich zu verbieten, was von der Propagandaabteilung aus praktischen Gründen abgelehnt wurde, da der Ariernachweis bei verstorbenen Autoren nur schwierig durchzuführen sei (bei den Lebenden war die Botschaft mächtig hinterher, begann das Unwesen mit Ariernachweisen, später die Einführung der Judensterne und mehr) 314. Selbstbewusstes und oft auch eigenmächtiges Handeln verband die beiden Weggefährten Epting und Abetz. Epting überging mitunter auch andere Dienststellen, um die Verhaftung eines Professors zu initiieren und ein Exempel zu statuieren (276) oder griff einen Künstler, der sich über den Ariernachweis lustig machte, den er erbringen sollte, so aggressiv an, dass andere eingreifen mussten, wie Michels berichtet 275. Zum offensiven Stil, sich die polnische Botschaft anzueignen, gehört auch der Bericht, dass die ersten Raubkunstaktionen mit dem Siegel der besetzten polnischen Botschaft getarnt werden sollten.291

Kurt Georg Kiesinger

Ein Botschaftsmitarbeiter von Otto Abetz vermittelte 1940 Kurt Georg Kiesinger zur Propagandaabteilung des Auswärtigen Amtes (Abteilung Auslandsrundfunk). Die Abteilung Kiesingers war dabei unter anderem an der „schlimmsten antisemitischen Hetze“ beteiligt, wie sein Biograph Gassert einräumt.398 Einer von Kiesingers langjährigen, engsten Freunden441, Gerhard von Todenhöfer, der selbst in Nazi-Kreisen als besonders radikal galt, Vertrauensmann von Bormann und Leiter eines Judenreferats im Auswärtigen Amt, war einer von Kiesingers größten Förderern442. In seinen Memoiren gedachte Kiesinger Otto Abetz mit freundlichen Erinnerungen an ihre Begegnung in Paris im Juli 1940. 214g

 

Vom Kunstraub zum Holocaust

Auch nachdem Hitler bereits im September 1940 Abetz und Epting die Machtbefugnisse zum Kunstraub entzogen hatte, versuchten die beiden hier weiter mitzumischen. Finanziell gut ausgestattet, konnte Epting hohe Bestechungsgelder an Spitzel zahlen, um noch verborgene Lager zu finden – so konnte Epting für 65.000 Franc ‘Judaslohn’ an Spitzel eine der größten jüdischen Privatsammlungen moderner Kunst im Herbst 1940 plündern, mit vielen Werken von Picasso, Braque, Matisse und Renoir. Ein Teil ging an den Stab Rosenberg, ein Teil der “Entarteten Kunst” wurde zu Tauschzwecken in der eigenen Dienststelle gehortet. 277d

Da auch Möbel und Haushaltsgegenstände jüdischer Familien ab 1942 im großen Stil beschlagnahmt wurden, die man sich unter den Nagel reißen konnte, mischte die Botschaft noch in diesem Bereich mit und regte eine Sammelbestellung für Botschaftsangehörige an. Abetz gab den Enteignungen sein ideologisches Placet, das von brutalem Antisemitismus strotzte. 277e

Otto Abetz und Karl Epting drängten in Paris ebenso darauf, als ‘Förderer der Künste’ auf dem Parkett zu glänzen. Beide hatten jeweils ein äußerst prunkvolles Stadtpalais, in dem sie Hof hielten und eine Milliarde Franc allein für Kulturpropaganda. 281b Jürg Altwegg schrieb in der ZEIT, Otto Abetz habe wöchentlich die redaktionellen Richtlinien für die französische Presse vorgegeben, rund 50 Tageszeitungen und Zeitschriften seien relativ direkt überwacht worden (282), genug Einflussmöglichkeit, sich in der Presse als freundliche Kulturbotschafter feiern zu lassen (ein Mythos, den beide auch nach dem Krieg pflegten), ihre ‘glänzenden’ Kulturveranstaltungen mit Arno Breker, der Wanderausstellung ‘der ewige Jude’ oder Gastspiele der deutschen Staatsoper von der französischen Presse entsprechend im besten Licht darstellen zu lassen.

Doch bald schon arbeitete die Botschaft eng mit Adolf Eichmann zusammen und Abetz zeichnete die Zustimmung zum Abtransport der Juden nach Auschwitz ab.281

Die Dienstagsrunde in Eptings Institut machte Schule, ab 1941 traf sich eine Dienstagsrunde für die ‘Judenfrage’, in der SS, Militärverwaltung und Botschaft eng zusammenarbeiteten. (283)

Historiker wie Conze kommen zum Schluss, dass Otto Abetz und seine Mitarbeiter nicht nur eine aktive, sondern eine treibende Kraft der Judenverfolgung bildeten und ihre Rolle in der Shoah bisher unterschätzt wurde.287

Tatsächlich wirken frühe Aktionen der deutschen Botschaft in Frankreich – zum Beispiel das Kollektivausbürgerungsverfahren von Juden – wie Blaupausen für das Regime in Berlin.

Werner Best

Der anfängliche Widerstand in der Militärverwaltung gegen Otto Abetz ging bald deutlich zurück. Nach dem Treffen mit Hitler auf dem Berghof Anfang August 1940, wechselte zwei Wochen später einer der schlimmsten Gestapo-Führer in die Militärverwaltung in Paris.290 Werner Best war bis vor kurzem noch der dritte Mann nach Himmler und Heydrich, der nach einem Konkurrenzkampf mit Heydrich das RSHA verließ, zur Wehrmacht ging und so als neuer Verwaltungschef nach Paris kam. Von juristischen Finten der Militärverwaltung ließ sich dieser Mann nicht abschrecken.

Oben: Werner Best rechts neben Reinhard Heydrich (links) 373

Der Jurist Werner Best selbst war es, der Willkür, Entrechtung und Entfesselung des Terrors der Organe des NS-Staates wie SS, Gestapo, SD organisatorisch, juristisch und ideologisch ausarbeitete 290. Jetzt war er Chef der Militärverwaltung in Paris und wurde zur treibenden Kraft mit Otto Abetz. Er verstand sich gut mit Abetz und seinen Leuten, man half sich nach dem Krieg, wieder Karriere zu machen (siehe nachfolgendes Kapitel). Eine der Thesen von Werner Best lautete, man könne ein Volk ruhig auslöschen, wenn man es nur gründlich mache.336 Sofort nutzte Otto Abetz seine Chance. Kurz nach der Ankunft von Werner Best, Mitte August 1940, traf sich Abetz mit ihm und legte ihm weitreichende Vorschläge vor, die auf Entfernung und Enteignung der Juden abzielten.352 Die übrige Militärverwaltung prüfte die Vorschläge und sträubte sich noch wie beim Kunstraub mit Verweis auf die Haager Landkriegsordnung, die eine generelle Vertreibung der Juden nicht erlaube, man müsse sich mit einer Einzelfallprüfung begnügen.369 Otto Abetz drängte darauf über Ribbentrop auf ‘antijüdische Sofortmaßnahmen’359c zur Entfernung der Juden und konnte sein Anliegen noch vor Ende des Monats von Hitler bestätigen lassen. 359d Werner Best ließ darauf Verwaltungsbeamte Verordnungen ausarbeiten. Abetz hatte seine Ziele am Ende weitgehend erreicht: Verordnungen über Rückkehrverbot der geflohenen Juden, Meldepflicht der verbliebenen Juden in Vorbereitung ihrer Vertreibung, Kennzeichnung jüdischer Geschäfte und bestellte Treuhänder für verlassene Betriebe traten am 27. September 1940 in Kraft 360. Die Arisierung wurde am 18. Oktober mit einer Verordnung des Militärbefehlshabers erreicht, die eine Ernennung von arischen Verwaltern für alle jüdische Betriebe vorsah, unabhängig davon, ob die Besitzer geflohen waren oder nicht.359e Stolz hält Abetz in seinem Tätigkeitsbericht 1940/41 fest, auch die Vichy-Regierung habe auf seinen Anstoß hin gehandelt.214b Ab 3. Oktober 1940 wertet Pétains Regierung Juden nicht mehr als Religionsgemeinschaft, sondern als Rasse, Juden werden von öffentlichen Ämtern, freien und künstlerischen Berufen ausgeschlossen.214d Karl Epting und seine Mitarbeiter verfolgten in den kommenden Jahren jüdische Autoren mit Zensur.

Ausweis eines siebenjährigen, jüdischen Mädchens, ausgestellt Dezember 1940. (375)

unten: Deportation einer jüdischen Familie 1943 in Marseille

(Photo : Musée du Vieux Marseille)

 

Eine der ersten großen Deportationen in der Geschichte des Holocaust fand Ende Oktober 1940 nach Frankreich statt: Juden aus Baden (der Heimat von Otto Abetz) und Südpfalz wurden in ein KZ in Südfrankreich verschleppt und sollten später nach Madagaskar abgeschoben werden (was dann nie umgesetzt wurde, viele endeten später in Vernichtungslagern im Osten). 353b

Eines der größten KZ in Südfrankreich mit 600 Hektar bei Rivaltes lag etwas südlich von Heilbronns heutiger Partnerstadt Beziers (die Stadt hat heute leider wieder große Probleme mit Rechtsradikalismus).

Juden aus Altersheimen in Mannheim, Karlsruhe, Ludwigshafen und anderen Orten wurden in plombierten Zügen in das KZ in Südfrankreich deportiert, man schleppte die Alten auch auf Pritschen und Liegen weg, der älteste Deportierte war 97 Jahre alt und kam aus Karlsruhe. Die Opfer bekamen eine Frist zwischen 15 Minuten und 2 Stunden vor der Abholung. Einige Opfer nutzen diese Frist für den Freitod.353b

Otto Abetz war in dieser Zeit treibende Kraft bei dem Ausbürgerungsprozess von deutschen Juden in Frankreich, die er Oktober 1940 begann.353

Seine Umsetzung eines „Kollektivausbürgerungsverfahrens“ ist der Entwicklung voraus, erst über ein Jahr später, im November 1941, tritt in Deutschland eine Verordnung zur automatischen Ausbürgerung und Enteignung von Juden in Kraft, um die Deportationen zu beschleunigen, 353 ausgearbeitet von Hans Globke,402 später Kanzler Adenauers engster Mitarbeiter, der nach dem Krieg viele Altnazis wieder in Amt und Würden brachte.

Bis zum September 1941 blieb Hitler noch bei der Haltung, Deportationen der deutschen Juden erst nach Kriegsende in Angriff zu nehmen. Abetz preschte vor.

Karl Epting unterstützte ihn mit der Veranstaltung rassistischer, rassenhygienischer Vorträge und Publikationen . Epting fühlte sich mit seinem  ‘Kulturinstitut’ für alles zuständig.

 

Rassenhygieniker Otmar von Verschuer und Josef Mengele

Ende 1940 knüpfte Epting Kontakt zu einem der schlimmsten Rassenhygienikern der NS-Zeit, lud ihn zum Vortrag nach Paris ein, förderte und publizierte ihn: Otmar von Verschuer war Mentor von Josef Mengele. Verschuer brachte seinen Lieblingsschüler Mengele erst dazu, sich mit ‘Rassenhygiene’ zu beschäftigen. Gemeinsam erstellten sie Gutachten zu rassenhygienischen Zwangssterilisationen und in Prozessen zur sogenannten ‘Rassenschande’ nach Nürnberger Gesetzen. 337c Später schickte Mengele hunderte Präparate ermordeter Häftlinge aus dem KZ Auschwitz an das Institut von Verschuer in Berlin.337

Auf Nachfrage aus dem Berliner Institut nach entsprechenden Präparaten tötete Mengele Kinder mit der Giftspritze um schickte ihre Augen als Präparate ans Institut von Verschuer. 337b SS-Arzt Mengele infizierte im KZ Auschwitz-Birkenau Menschen „verschiedener geographischer Herkunft“ mit Krankheitserregern und sandte die Proben an Verschuer nach Berlin. Verschuer half Mengele nach dem Krieg gegen juristische Verfolgung . Januar 1941 hielt Otmar von Verschuer seinen Vortrag in Karl Eptings Institut über ‘Vererbungslehre und rassische Gesetzgebung in Deutschland’. 350

Die Rede lässt sich heute noch in Karl Eptings Buch „État et Santé“ 390 nachlesen. Zeitsprünge verfügt über einen Originaldruck und wertet ihn erstmals ausführlich aus:

Karl Epting betont im Vorwort die Nationalsozialistische Revolution in der Rassenhygiene.

Verschuer führt in seiner Rede in die Rassenideologie ein und benennt Ziele: nicht nur bei Schwachsinnigen, auch bei Erbmängeln wie Gehörlosigkeit sei Sterilisation wünschenswert, um diese Menschen von der Fortpflanzung auszuschließen.

Der Nationalsozialistische Staat überlasse die Fortpflanzung nicht mehr dem Einzelnen. Im deutschen Volkskörper würden jetzt Rassenfremde und Erbkranke von der Fortpflanzung ausgeschlossen 390b.

Bei der eigenen Rasse sei nicht nur Erbgesundheit, sondern auch Intelligenz ein Kriterium, ob die Fortpflanzung zu favorisieren sei.

Rassentrennung sollte neben Heiratsverboten konsequent in allen gesellschaftlichen Bereichen umgesetzt werden: Wohnungen, Schulen, Berufe, Armee, Wirtschaft. Die Politik gebe jetzt die Möglichkeit, entschieden zu handeln. 390c

Einen Monat nach dem Vortrag in Eptings Institut gab es im Februar 1941 in Frankreich schon 40000 internierte Juden . 214c

Doch Hitler blieb noch viele Monate bei seiner Haltung, erst nach dem Krieg mit den großen Deportationen zu beginnen.

Anfang September 1941 waren die Internierungslager in Frankreich voll und der zuständige Botschaftsmitarbeiter Zeitschel bat Otto Abetz, bei Hitler und Himmler auf Deportation in den Osten zu drängen, damit wieder Platz für neue jüdische Gefangene geschaffen werden könne 359 . Ein Schreiben an seinen Chef Abetz spiegelt wieder, wie in dieser Zeit bereits radikale Vorschläge im Sprachgebrauch sind: Man solle doch 6 bis 7 Millionen Juden sterilisieren, „die in unserer Hand sind“ und die dem „Untergang geweiht seien“, gab ihm sein Judenreferent schriftlich mit auf den Weg 288-b.

Die Sterilisation und gewaltsame ‘Entfernung’ propagierte Epting ja öffentlich mit seinen rassenhygienischen Vortragsprogrammen und Publikationen, die deutsche Botschaft hatte bereits im Juli 1941 die Ausstellung “Der ewige Jude” in der französischen Version eröffnet 380.

Abetz war zwischen dem 16. und 24. September 1941 im Führerhauptquartier, wie Lambauer berichtet.359 Es sind die Tage, in denen Hitler die Weichen für den Holocaust stellte – der Beginn der großen Deportationen in den Osten.

Am 16. September sprach Abetz mit Hitler. Die Akten des Auswärtigen Amtes halten fest, wie Hitler gegenüber Otto Abetz den Krieg im Osten mit aller Brutalität und ohne jede diplomatische Zurückhaltung beschreibt, die sonst Akten des Auswärtigen Amtes kennzeichnen: das „Giftnest Petersburg“ werde vom Erdboden verschwinden, alles Asiatische bis zum Ural hinausgejagt.413

Abetz fand für den Vorschlag zum Beginn der Deportationen in den Osten bei der Führungsriege im Hauptquartier ein offenes Ohr. Schon einen Tag später, am 17. September folgte die Wendung Hitlers, Befehl zum Beginn der großen Deportationen statt die bisherige Aufschiebung auf die Zeit nach dem Krieg, endgültige Aufgabe aller anderen Pläne einer späteren Massenabschiebung in ferne Länder.367

Adolf Eichmann sagte später vor Gericht aus, damit sei das „Madagaskarprojekt durch den deutschen Botschafter in Paris, Abetz, [ …] endgültig zu Grabe getragen“, ja sogar „torpediert“ worden, wie Barbara Lambauer zitiert.259b

Am 18. September gingen die Befehle zum Start der großen Deportationen aus dem Hauptquartier, insbesondere zum Beginn der Deportationen deutscher Juden.367

Himmler versicherte Abetz noch bei seinem Aufenthalt im Hauptquartier in diesen Tagen, dass auch die Züge von Frankreich in die KZ im Osten rollen werden, sobald es die Transportkapazitäten zulassen.259

„In der gesamten Judenfrage“, in der eigentlich die SS federführend sei, “wurde der politische Sektor ausschließlich von der Botschaft betreut“, schrieb Botschaftsmitarbeiter Zeitschel 1941 nicht ohne selbstgefälligem Stolz. An die SS und Militärverwaltung gingen „entsprechende Weisungen“. 277

Man muss sich hier auf keine bestimmte Historikermeinung festlegen, ob Abetz und seine Mitarbeiter hier nur eine aktive Rolle oder teils auch treibende Kraft bildeten. Für die aktive Rolle gibt es genug Belege, mit der die Nachkriegsapologetik unhaltbar wird.381

Oktober 1941 sprach Carl Schmitt im Deutschen Institut.279-2 “Der Wille des Führers ist Gesetz” war ein prägender Satz dieses Staatsrechtlers, mit dem er Juristen des Terrors wie Werner Best und Friedrich Grimm unterstützte. Epting war ihm eng verbunden, bis in die Nachkriegszeit, als er sich persönlich um die weitere Publikation seiner Werke kümmerte und dort Ideen für seine eigenen Publikationen fand.406

Unten: die Ausstellung “Der ewige Jude” in französischer Version in Paris, organisiert von der deutschen Botschaft.

Plakat am Ausstellungsgebäude 379

 

Eine besondere Geschichte hatte auch der Film ‘Jud Süß’ in Frankreich. Ein Heilbronner Schüler des Karlsgymnasiums spielte darin eine Hauptrolle: Ufa-Star Eugen Klöpfer liest das Todesurteil (wegen Rassenschande) aus einem alten Gesetzbuch vor und verkündet nach der Hinrichtung theatralisch den Judenbann in Württemberg.

“Triumphaler Erfolg” meldet das Plakat und listet die Zuschauerzahlen nach Filmstart in Frankreich auf.

In Marseille kam es nach der Vorführung des Films zu antisemitischen Ausschreitungen.

 

1942 drängte Otto Abetz auf die schnelle Verteilung der 400.000 Judensterne in Frankreich.

Foto Filles Reisz, Archiv Beate und Serge Klarsfeld, Dokumentarfilm “Die Kinder kamen nicht zurück”

Karl Epting forderte 1942 die Militärverwaltung auf, die jüdischen Kinder von den anderen Schülern abzusondern.275

unten: jüdische Kinder kommen im französischen Zwischenlager Drancy an, Endstation war meist Auschwitz. Zeichnung des Gefangenen Georges Horan Koiransky.

Memorial de la Shoah

Gegen den Abtransport von 40.000 Juden nach Auschwitz habe er „keine Bedenken“ telegrafiert Abetz am 2.7.1942 (281)

unten: Razzia zur Massenverhaftung von Juden in Marseille Januar 1943, Verladung der Gefangenen in Güterwaggons.

Bundesarchiv_Bild_101I-027-1476-24A CC- BA CY 3.0

Ein Heilbronner half noch im KZ unter Lebensgefahr, einen 3-jährigen jüdischen Jungen zu retten: Walter Vielhauer. Die Geschichte des Jungen wurde mit dem Titel Nackt unter Wölfen als Roman und Verfilmungen bekannt. Vielhauer erlebte nach 1945 die Entnazifizierung in Heilbronn als Farce, wie er im Interview berichtet und beschreibt, wie der  Adenauererlaß ab 1950 gegen Kommunisten  im öffentlichen Dienst vorging- – Karriere machte in der Stadt dagegen Karl Epting.

 

Dr. Karl Epting: ein Glücksfall für die Schule?

Zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2005 hielt das Heilbronner Gymnasium noch eine Feierstunde für ihn ab.

In der Festschrift des Theodor-Heuss-Gymnasiums aus dem Jahr 2000 mit dem Titel “Wandel und Kontinuität” wird Karl Epting als Glücksfall für die Schule, als Mann von Welt porträtiert, der „Tout Paris“ kannte, mit prominenten Kontakten in Kultur und Politik – der sich unter Hitler für die Völkerverständigung engagiert haben möchte, mit Ernst Jünger speiste und von Arno Breker gelobt worden sei. „Nicht wenige französische Schriftsteller gewann er zu Freunden“, schreibt das Gymnasium und zählt dann fragwürdige Freunde aus dem braunen Sumpf auf. Fiel niemand auf, dass etwas mit diesen prominenten Freunden nicht stimmt?  Die antisemitischen Autoren Céline, Drieu la Rochelle, Brasillach, die den Faschismus in Frankreich begrüßten?

 

Arno Breker rechts vorn neben Adolf Hitler am 23. Juni in Paris (242) Bundesarchiv CC BY SA 3.0

 

Robert Brasillach

Eptings Freund Robert Brasillach, “den man heute wieder zu würdigen beginnt” wie das Gymnasium schreibt, forderte in seiner antisemitischen Zeitschrift: “Wir müssen uns die Juden ein für allemal vom Hals schaffen und dürfen auch keine Kinder behalten”. 206

Eine Textprobe aus der Feder von Brasillach: ”Viele sprechen angesichts des Faschismus von kollektiver Hysterie, von germanischer Irrationalität und sehen in Hitler einen Hass verbreitenden Tribun. Das ist falsch . . . Bei ihm geht es nicht um Hass, sondern um Liebe, nicht um Politik, sondern in sakralen Zeremonien um eine Religion zu Ehren eines neuen Gottes, um den machtvollen Geist der Nation, den der Führer verkörpert, er, der Reine, der Einfache, der Freund und unbesiegbare Befreier . . . Jetzt beginnt eine neue Zeitrechnung!” 246

‘Die Welt’ schrieb 1997 über den Freund des Oberstudiendirektors: “Unbelehrbar bis zum Ende pries Brasillach Hitler noch aus seiner Todeszelle und empfahl eine verstärkte Rassenpropaganda” 246. Ist es wirklich ein Autor, “den man heute wieder zu würdigen beginnt”, wie das Gymnasium im Jahr 2000 veröffentlicht ?

Drieu la Rochelle

Der zweite prominente Freund des Rektors, den die Festschrift nennt, Drieu la Rochelle, war ab 1934 Parteigänger des französischen Faschismus 207 Dieser Autor des “Heroismus” werde ebenfalls gerade wieder in seinen “Qualitäten neu entdeckt”, verkündet das Heilbronner Gymnasium im Jahr 2000.

‘Die Welt’ zitiert den Autor kurz vor seinem Tod: “Ich war Faschist und bleibe es. Ich könnte nicht sein ohne diesen Traum von der Wiederkehr des Männlichen und Asketischen . . . Nur halb verwirklicht, bedeutet er das letzte Sichaufbäumen in Europa von alldem, was ich liebe, er bedeutet einen bestimmten körperlichen Gestus, eine bestimmte aristokratische Haltung im Geistigen . . .” 246

Céline und Ernst Jünger

Die Festschrift des Heilbronner Gymnasiums hebt die Freundschaft des Rektors mit dem prominenten Autoren Louis Ferdinand Céline hervor (einem fanatischen Antisemiten), die noch viele Jahre nach dem Krieg angedauert habe; führt den berühmten Autor Ernst Jünger auf, der Epting in seinen Tagebüchern erwähnt – nicht aber die Berichte darin, wie sein Freund Céline fordert, Juden abzuschlachten und ‘keinen übrig zu lassen’. 205 Als der Faschismus unterging, verhalf Epting seinem Freund Céline mehrmals zur Flucht, wie die ZEIT in einem erschütternden Portrait Célines 1994 berichtet. 236

Hat am Gymnasium niemand einmal genauer die Tagebücher Jüngers nachgelesen ? Alle Textstellen zu Epting, seinem Institut und Céline sind gespenstisch.

Als Ernst Jünger das Deutsche Institut von Epting Dezember 1941 zum ersten Mal im Tagebuch erwähnt, beschreibt er einen manischen Céline, der zwei Stunden lang wütet, dass er die Juden ausrotten will, beschreibt an ihm wörtlich den „Genuss am Töten“ und den „Trieb zum Massenmord“. 293 Karl Epting präsentierte zwei Tage zuvor einen der schlimmsten Rassenhygieniker in seinem Institut, Eugen Fischer.342-344, 350

Rassenhygieniker Eugen Fischer

Fischer organisierte 1937 die (auch damals illegale) Sterilisierung von 400 Kindern, die sogenannten „Rheinlandbastarde“ 332 und hatte Einfluss auf das Euthanasieprogramm T4 , der Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen. 331

Eugen Fischer, geboren in Karlsruhe, gründete bereits 1910 eine Ortsgruppe der rassenhygienischen Gesellschaft in Freiburg,331 wo er später neben Heidegger lehrte, mit dem er ein Leben lang befreundet war 389. Neben seinem Lehrstuhl für Anthropologie in Freiburg war er 1927 bis 1942 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin, das er mit begründete. Mengeles Mentor Verschuer wurde sein Nachfolger. Bei der Bücherverbrennung 1933 trat Fischer neben Goebbels als Redner auf. Er wurde Generalarzt für rassenbiologische Fragen, Richter am Erbgesundheitsgericht und hatte weitere rassistische Aufgaben und Ämter inne.331

Seine Rede in Karl Eptings Institut über “Rasse und deutsche Rassengesetzgebung” vom 5. Dezember 1941 lässt sich heute im Buch nachlesen, das Epting herausgab, Zeitsprünge im Original vorliegt und erstmals ausführlich daraus zitiert.390d Fischer war ein besonders dogmatischer Rassist.343 Die Geschichte der Zivilisationen sei vor allem eine Geschichte der Rassen, Intelligenz und jede kulturelle Errungenschaft eine rassische Leistung. Da Frankreich es zugelassen habe, von schwarzem Blut “infiltriert“ zu werden, sei es kulturell degeneriert.

Epting und Abetz waren von Fischer offensichtlich so begeistert, dass die Botschaft ihn sogar als Wunschkandidaten für die Präsidentschaft von Eptings Institut ins Spiel brachte 346, und Epting es bedauerte, dass er vor dem Krieg in Frankreich mit diesem Autor wie seinen anderen rassistischen Referenten auf Ablehnung gestoßen sei. 345

Was Eugen Fischer hier bei seinem Gastgeber Epting einen Monat vor der Wannseekonferenz von sich gab, erinnert streckenweise an eine Sportpalastrede des Rassismus, die sich Stufe für Stufe steigert:

Nach einer rassistischen Vorrede heizt er die Stimmung vor dem Gewaltaufruf mit rhetorischen Fragen an: man könne doch kein einziges, künstlerisches Werk benennen, das von einem Neger komme und bemerkenswert wäre, es gäbe unter Negern „keinen einzigen Denker, keinen einzigen Musiker, Maler oder schwarzen Staatsmann von großem Wert“. Wenn es in den USA inzwischen dennoch „schwarze Universitäten“ gäbe, würde das nur zeigen, dass bei Mulatten und andere Mischlingen das weiße Erbe nicht ganz verloren gegangen sei. Die Rassenmischung sei eine schreckliche Gefahr.390e

Eigentlich lässt sich dieser Rassismus kaum noch steigern. Doch dann kommt Rassenhygieniker Fischer in Eptings Institut zum „globalen Problem. Wir sprechen hier vom jüdischen Problem“. Es würde den Rahmen des Vortrags sprengen, auszuführen, in welchem Maß die jüdische Rasse minderwertiger sei. Doch Fischer sprengt den Rahmen: bei einer„so monströsen Mentalität“ wie die des “bolschewistischen Juden” könne man nur noch “von einer anderen Spezie” (Tierart) sprechen, so der Mediziner. 390f

Das ganze Volk habe “das absolute Recht und die Pflicht, diesen Einfluss zu zerstören”, notfalls mit Gewalt. Das nationalsozialistische Reich sei hier der erste Staat, der Konsequenzen aus den biologischen Tatsachen gezogen habe, mit einer Vielzahl von Gesetzen und Maßnahmen, bis zur Siedlungspolitik. „Die demografische Politik Deutschlands möchte die Erbgesundheit und Rassenreinheit erhalten“.390g

Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Ein Monat später, Januar 1942, fand die Wannseekonferenz statt. Im Februar fordert Epting, die jüdischen Kinder in den Schulen von den anderen zu trennen 275. Ende März werden über 1000 Juden aus Paris nach Auschwitz gebracht, gefördert von Karl Eptings Dienstelle. Epting versucht dann Anfang April, Rassenkunde den Franzosen auch in Kriegsgefangenenlagern einzutrichtern 275-2 “Die Vorträge können nicht primitiv genug sein”, schreibt er dazu ans Außenministerium. 275-2 Eine Woche später speist Epting mit Ernst Jünger, Anfang April 1942, zusammen mit einem Politiker, der die Deportationen unterstützt: Benoist-Méchin sagt am Tisch „daß bald in Frankreich Blut fließen müsse“, wie Jünger notiert und beschreibt wörtlich den „dämonischen Charakter“ des Todeshelfers am Tisch. 294 Benoist-Méchan ist auch auf dem Foto neben Epting zu sehen, beide im Gespräch mit SS-Arzt Conti.

Otto Abetz drängte auf die schnelle Verteilung der 400.000 Judensterne und eine Umbildung der Regierung in Vichy, um die Deportationen voranzubringen. Karl Epting brachte sein Buch mit allen führenden ‘Rassenhygienikern’ heraus, die er zu Vorträgen geladen hatte 342. Die Züge in die KZ und Vernichtungslager rollten jetzt unaufhaltsam.

Das Propagandaplakat oben aus dieser Zeit verkündet: “Die Juden töten in der Dunkelheit. Markiert sie, um sie zu erkennen!” Unten: Im Straßenbild von Paris war im Sommer 1942 der Judenstern zu sehen.

ADN-ZB . zwei jüdische Frauen in Paris.3627-42

Im Mai 1942, als Adolf Eichmann und Reinhard Heydrich nach Paris kamen, um mit Abetz und den anderen vor Ort die Deportationen zu beschleunigen, ließen sich Epting und Abetz mit der großen Retrospektive von Arno Breker als Höhepunkt ihrer Kulturarbeit feiern – Göring und Albert Speer als Sondergäste.

375

Ab Sommer 1942 wurden Zehntausende in Massenverhaftungen und Deportationen nach Auschwitz und andere Vernichtungslager gebracht.

Epting und das braune Nachkriegsnetzwerk

Die Festschrift seines Gymnasiums führt im Jahr 2000 zur Entlastung ihres langjährigen Rektors den Künstler Arno Breker in der Reihe ‘unverdächtiger Zeugen’ auf, zusammen mit seinem langjährigen Weggefährten, dem Bundestagsabgeordneten Achenbach (FDP) – der jedoch selbst tief in die Verbrechen in Frankreich verstrickt war.

Unten: Arno Breker mit Adolf Hitler in Paris, Juni 1940

wiki, pd, 245

Ernst Achenbach

Der FDP-Abgeordnete Ernst Achenbach war ehemals Stahlhelm-Mitglied, später Mitglied der NSDAP, kam 1940 mit Karl Epting und dem Juristen Friedrich Grimm in Ribbentrops Dienststelle nach Paris. Achenbach war für die Deportation von tausenden Juden aus Frankreich mit verantwortlich 209. Nach dem Krieg vertrat er die Witwe Ribbentrops als Anwalt, nahm den berüchtigten Gestapomann Werner Best in seine Kanzlei auf und setzte sich mit ihm für eine allgemeine Amnestie für Verbrechen in der Nazizeit ein, gegen Strafverfolgung, insbesondere bei Verbrechen der Verfolgung und Deportation von Juden in Frankreich, als Anwalt und Bundestagsabgeordneter, jahrzehntelang, einflussreich und oft erfolgreich, bis Beate und Serge Klarsfeld ab 1971 begannen, die alten Dokumente zu veröffentlichen und schließlich der Skandal unter Helmut Schmidt 1975 dem ein Ende bereitete (siehe auch Dokumentarfilm der ARD „Hitlers Eliten nach 45“ , Film hier267). 211, 301

Werner Best unterschrieb nach dem Krieg noch jahrelang eidesstattliche Versicherungen zur Entlastung hunderter alter Gestapoleute, damit sie eine Rückkehr in den Beamtendienst einklagen konnten oder Entschädigung erhielten – nach Artikel 133 des Grundgesetzes, der eigentlich zum Schutz von Naziopfern geschaffen wurde.336b Werner Best berief sich auf den Befehlsnotstand – doch er selbst hatte als Jurist in der Nazizeit entscheidend den ‘rechtlichen’ Rahmen zur völligen Entrechtung und Terrorwillkür konstruiert, als rechte Hand Himmlers und Heydrichs. 290

Der von Epting propagierte Rassenhygieniker Verschuer machte nach dem Krieg weiter Karriere und setzte sich für Josef Mengele ein, mit einer eidesstattlichen Erklärung 331 . Mengele ging 1949 nach Argentinien, kam aber 1956 zum Skiurlaub in die Schweiz zurück und ließ sich von Deutschland offiziell einen neuen Pass ausstellen, da bis dato noch kein Haftbefehl vorlag – das Netzwerk der alten Kameraden funktionierte in den Anfangsjahren der Bundesrepublik.337 Rassenhygieniker Eugen Fischer wurde 1952 Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Anthropologie und von der CDU-Landesregierung unterstützt, die auch Epting wieder in Amt und Würden brachte (dazu im Artikel später mehr).

In der Mitte Rektor Prof. Eugen Fischer , 1934 Bundesarchiv , Scherl (CC BY CA 3.0)

 

Untergang und wundersame Auferstehung

Wie waren die letzten Jahre der Besatzungszeit für Epting und Abetz verlaufen? Nach der Breker-Ausstellung Mai 1942 bröckelte bereits ihre Macht in Paris. Konkurrenzkampf mit einem Hardliner, der Ribbentrop beerben wollte und der weitere Kriegsverlauf trübten ihre Perspektiven. Viele Mitarbeiter mussten an die Front, Werner Best wechselte als Statthalter nach Dänemark, Epting und Abetz kehrten nach zeitweiliger Abberufung 1943 an ihre alten Schalthebel in Paris zurück, um den langsamen Zerfall ihrer Besatzerherrlichkeit zu verwalten, die mit Geißelerschießungen und Deportationen langsam jeden Rückhalt in der Bevölkerung verlor. 1944 flüchtete Epting mit den abziehenden Truppen und den schlimmsten Kollaborateuren nach Deutschland.

Epting war 1949 nach drei Jahren Gefangenschaft mit Freispruch entlassen worden, es fanden sich Franzosen, die für ihn aussagten, schreibt das Gymnasium, nicht nur Kollaborateure. Der Historiker Michels bemängelt diese Biographie nach Selbstdarstellungen Eptings, weist auf den fehlenden kritischen Apparat hin.278-4 Wieder auf freiem Fuß, veröffentlichte Karl Epting als Verlagsleiter im Greven-Verlag die ‘Memoiren’ seines Freundes Otto Abetz, der zu 20 Jahren Haft verurteilt war und noch im Gefängnis saß. Ebenso wie sein Weggefährte Achenbach, der bald in der FDP Karriere machte und Werner Best unterstützte, arbeiteten sie an der Freilassung von Otto Abetz, was schon 1952 gelang. Die Justiz war in den Anfangsjahren der Aufarbeitung nicht immer wach, das zeigt der Fall Werner Best, zeitweilig Militärverwalter in Paris, an den sich die französische Justiz nicht einmal erinnern konnte und auf die Auslieferung verzichtete.

Viele von Kurt Georg Kiesingers alten NS-Weggefährten machten wieder Karriere, teils mit Unterstützung von Achenbach. 412

Einer der berüchtigsten Fälle von Altnazis in hohen Ämtern war Hans Globke, der zum engsten Mitarbeiter von Kanzler Adenauer wurde. Die Liste der Verstrickung im III. Reich, wie die Machtfülle nach dem Krieg, ist hier besonders groß.

Hans Globke

Globke entwickelte schon vor der Machtergreifung antisemitischen Verordnungen, arbeitete nach 1933 am Ermächtigungsgesetz mit, war 1935 an den Nürnberger Rassengesetzen beteiligt und schrieb 1941 die Verordnung zur Massenenteignung und -ausbürgerung für die Deportation und Vernichtung (11. Verordnung des Reichsbürgergesetzes vom 25.11.1941)397,für die Otto Abetz ein Jahr zuvor eine Blaupause geliefert hatte.

pd

Hans Globke war auch an der Konzeption zum Eindruck „J“ in den jüdischen Pässen beteiligt 400 und verfasste das Namensgesetz vom 5. Januar 1938 401.Danach mussten Juden einen zweiten Vornamen hinzufügen, wie z.B. „Sara“ bei Frauen.

Stadtarchiv Kassel

Adolf Eichmann nahm hier wie bei Otto Abetz ausführlich Stellung zu Globke, verwies auf ihn als den Urheber der Verordnungen, die er ausführte.397 Deutschland lieferte Waffen an Israel, um Adenauers Staatsminister Globke aus dem Eichmann-Prozess herauszuhalten, berichtet Bevers und der WDR, die Stellungnahme Eichmanns verschwand im Bundesarchiv, bis es Bevers und dem WDR gelang, sie auszugraben (Dokumentarfilm in voller Länge hier).395

Hans Globke war als Staatssekretär Adenauers im Kanzleramt die rechte Hand und engster Vertrauter in allen Geheimhaltungsstufen, mit einer Fülle von Schlüsselaufgaben. Er machte Personalvorschläge, brachte viele Altnazis in Amt und Würden, war an der Umwandlung der Organisation Gehlen mit vielen Ehemaligen der SS, SD und Gestapo in den BND beteiligt (Gehlen blieb bis 1968 Präsident des BND). Globke war in Gladio involviert, verwaltete die graue Kasse der Industriespenden (Reptilienfond), koordinierte für Adenauer die Landesverbände und zog für Adenauer als Kanzlermacher Kiesingers 1966 die Fäden. Er war der erste, der dem düpierten Barzel mitteilte, das alles auf Kiesinger als neuer Kanzler zulaufe. Kiesinger regierte dann als einziger Bundeskanzler ohne eigenes Bundestagsmandat. 395, 397, 405

Friedrich Grimm

Zum wichtigen Personal dieses rechten Netzwerks , der für Heilbronn auch im Zusammenhang mit der Verfolgung der Familie Gumbel von Bedeutung ist, gehört noch der Jurist Friedrich Grimm, der mit Epting zum engsten Kreis von Otto Abetz beim Einmarsch in Paris gehörte.

Friedrich Grimm, Bundesarchiv 119-1231, Edmund Heines 1927, CC BY-SA 3.0

Grimm hatte Herschel Grynszpan verfolgt, der den Anlass für die Pogromnacht 1938 lieferte, in der auch in Heilbronn die Synagoge brannte. Grimm vertrat die Anklage im Reichstagsbrand-Prozess 1933 217. Nach dem Krieg forderte Friedrich Grimm in einer Denkschrift, die Generalamnestie für NS-Täter „müsse so total und radikal sein wie der Krieg total war“304. Er half Werner Best mit einem Gutachten, vertrat die Altnazis in der FDP (Naumann-Kreis) 315 und arbeitete gemeinsam mit Achenbach an einer Generalamnestie für NS-Verbrecher. Friedrich Grimm publizierte teils im rechtsradikalen Grabert-Verlag. 305

Friedrich Grimm unterstützte bereits in den 20er Jahren Fememörder, sorgte für ihre Amnestie und regte nach der Machtergreifung beim Richter des Volksgerichtshofs Freisler eine Entschädigung der Fememörder an, die Freisler als Helden feierte.217 u. 221 Grimm hatte als einflussreicher Theoretiker des politischen Mordes den Terror mit dem Staatsnotstand begründet, wie es Werner Best später in den gesetzlichen Rahmen der Terrorherrschaft aufnahm. Julius Gumbel, der in den 20er Jahren intensiv über die Fememorde forschte und die Nachlässigkeit der Justiz anprangerte, war verwandt und verbunden mit der Heilbronner Familie Gumbel, die sich seit Generationen für Demokratie, Toleranz und gegen Militarismus engagierte und in der NS-Zeit in Heilbronn schweren Verfolgungen ausgesetzt war. 230 ‘Zeitsprünge’ widmet der Familie Gumbel ein eigenes Kapitel (hier)

Nach 1945 gab es keine Familie Gumbel mehr in Heilbronn, alle ermordet oder geflohen und Karl Epting kam in die Stadt, um hier Karriere zu machen. Er kannte die Verfolgung der Familie Gumbel: Emil Julius Gumbel, bis 1932 Professor in Heidelberg, war als politisch aktiver Emigrant in Frankreich schon vor der Besatzung ihr prominenter Gegner. 284

Was war aus dem 3-jährigen, jüdischen Kind geworden, das Walter Vielhauer im KZ gerettet hatte? Als Erwachsener versuchte Stefan J. Zweig in der Nachkriegszeit vergeblich, Entschädigung für seinen Vater zu bekommen, der mit ihm im KZ war, man ließ sie wie viele andere NS-Opfer in den Behörden der Bundesrepublik auflaufen.433 Unter anderem wurden sie als Polen abgelehnt, Entschädigung würde vorrangig an Deutsche geleistet, nach Auslegung des § 131 eben auch oft den Tätern geholfen.

Ein SPD-Minister in Stuttgart, den Vielhauer vom KZ Heuberg kannte, unterstützte bald wieder die Verfolgung von Kommunisten, bei NS-Vergangenheit war man nachsichtig. Vielhauer war fassungslos.

Die neue Regierung von Ministerpräsident Müller (1953-58), der später an Kiesinger übergab, setzte sich für den Rassenhygieniker Eugen Fischer ein, gab Fischer seine Hochschulrechte als emeritierter Ordinarius zurück und sicherte ihm die Ruhestandsbezüge. Der Rassenhygieniker konnte danach vier seiner Schüler, die in der NS-Zeit stark belastet waren, Karrieren an Universitäten verschaffen 416.

Der CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg unterstützte leider auch die schlimmsten Fälle der Verurteilten des Massenmordes der Euthanasieprogramme (T4), die tausenden Menschen im Südwesten das Leben kosteten (siehe NS-Tötungsanstalt Grafeneck). So der Fall Ludwig Sprauer, der Tötungslisten erstellte, Kinder mit Luminol ermorden ließ und selbst bei Vergasungen dabei war. Zu lebenslanger Haft verurteilt, kam er bald auf freien Fuß, die Landesregierung bestätigte die Aussetzung der Strafe und genehmigte Sprauer eine monatliche Unterhaltszahlung, die über dem Durchschnittsgehalt dieser Zeit lag.414

Das restaurative Klima der Nachkriegszeit erreicht die Schulpolitik

1947 musste ein vorbelasteter Kultminister noch zurücktreten, 1953 kam er mit der CDU wieder an die Spitze des Ministeriums: der umstrittene Kultminister Wilhelm Simpfendörfer (1953-58) hatte selbst noch im Reichstag für das Ermächtigungsgesetz von Adolf Hitler gestimmt, mit einer strammen Meldung: “Deutsche Männer und Frauen! Der Volksdienst bejaht…”417c – was ihn 1947 noch das Amt kostete. 1953 war er an der Macht zurück. Er werde am Gymnasium die „geistige Elite“ schützen, wehrte er Kritik ab, der zufolge 90% der Schüler kein Gymnasium besuchen konnten. „Jede Besatzungsmacht sucht ihrer Zone das Bildungsideal aufzuzwingen, das in ihrem Heimatstaat maßgebend war. Glücklicherweise haben wir erkannt, daß der Wiederaufbau unseres Erziehungswesens nicht nach den Vorstellungen und Befehlen der Siegermächte erfolgen durfte“417

Eptings Nachkriegskarriere bis zum Schulrektor fällt in dieses restaurative Nachkriegsklima.  Es begann hoffnungsvoll mit Theodor Heuss als Kultminister in Baden-Württemberg, bliebe in den Anfangsjahren politisch wechselvoll, wurde dann bald restaurativer. Wann genau fand Epting zurück in den Schuldienst? Ehemalige Schüler nennen einen Zeitraum um 1953.  Ab 1960 wurde er dann Rektor in Heilbronn.

Er prägte Schule in Heilbronn

In seiner Anfangszeit als Lehrer in Stuttgart-Vaihingen mag Karl Epting noch sehr um Anpassung bemüht gewesen sein, doch auch hier berichtet ein ehemaliger Schüler, der ihn ab 1954 als Lehrer erlebte, wie Epting einen Schüler ohrfeigte, bis die Nase blutete. In Heilbronn berichten Schüler später von cholerischen Anfällen des Rektors und Grotesken wie seinem gescheiterten Versuch, mit einem Verbot gegen Jeanshosen vorzugehen. 469 Rektor Epting schickte einer Schülerin die Polizei ins Haus, weil sie sich samstags einmal ärztlich entschuldigen ließ. Selbst den Arzt ließ der Rektor nicht unbehelligt (die Unterrichtsbefreiung an Samstagen war übrigens vor 1933 ein Privileg jüdischer Schüler, die aus religiösen Gründen für den jüdischen Sabbat freigestellt werden konnten). Die damals betroffene Schülerin ist heute Verlegerin des Distelverlages, Marion von Hagen, die „Zeitsprünge“ unterstützt.

Es erinnert an das Helsinki-Syndrom, wenn so viele im Schulbetrieb dennoch lange versuchten, ein ehrfürchtiges Bild des Rektors zu bewahren, sich der Mythos einer belesenen, intellektuellen Kapazität bildete, die seine überlieferten, rechtslastigen Schriften jedoch nicht wirklich belegen können. Wen man da vor sich hatte, war in all den Jahren kaum zu übersehen. Schon die Schüler in Stuttgart-Vaihingen stießen auf einen Bericht, wie Epting bei den Durchsuchungen der Schlösser in Frankreich in der Besatzungszeit das Original des Versailler Vertrages fand und es stolz Hitler bringen wollte. Darauf von seinen Schülern  angesprochen, distanzierte sich Epting von seiner Vergangenheit, er habe sich „verrannt“. 469b Sie spürten sein Bemühen in diesen Anfangsjahren, sich anzupassen, ein ehemaliger Schüler aus Stuttgart erlebte ihn in der Anspannung „ständiger Selbstoptimierung“.

Anders klingt es dann in der Schülerzeitung des Heilbronner Gymnasiums im September 1969: das Rektorenzimmer unter Epting wird als Hauptquartier beschrieben, aus dem Befehle kommen, noch fest im “Mythos der patriarchalischen Stellung des Schulleiters” verankert. Bei Eptings Abgang wünscht sich die Schülerzeitung  der neue Rektor möge die Schule vom “Dogmatismus und fragwürdiger Ideologie” befreien, “vom undemokratischen, anachronistischen Elitedenken”.248 u. 469

„Er prägte das THG“, titelte die Heilbronner Stimme wohlwollend im Jahr 2005 zum hundertsten Geburtstag Eptings, als eine Feierstunde ihm zu Ehren in seinem Gymnasium abgehalten wurde. Karl Epting prägte nachhaltig autoritäre Schule in Heilbronn und sein Nachlass birgt noch heute Sprengstoff.

1958 wurde Kiesinger Ministerpräsident in Stuttgart

1959 wurde Epting zum Gymnasialprofessor in Stuttgart-Vaihingen ernannt.

Herbst 1960 bestätigte  Kiesinger persönlich  Eptings Beförderung zum  Rektor in Heilbronn.

Beide waren NSDAP Mitglieder, die in der Propagandaabteilung des Außenministeriums Karriere machten. Beide arbeiteten in Abteilungen, die sich auch mit antisemitischer Hetze beschäftigten. Kiesinger kannte Eptings Vorgeschichte gut, Epting war damals viel prominenter als er.

Januar 1961 kam Kiesinger nach Heilbronn, um über „Eliten in der Demokratie“ zu sprechen.

Kiesinger warnte vor der Bedrohung durch die egalitäre Massendemokratie 405, der Notwendigkeit der (alten) Eliten und war 1966 fast am Ziel: Filbinger löste ihn in Stuttgart ab, Kiesinger wurde Bundeskanzler und forderte in seiner Regierungserklärung die Abschaffung des Verhältniswahlrechts 403, damit für die Zukunft keine Koalitionen mehr notwendig sind.

Berliner Wahlplakat der CDU, 1967, Konrad Adenauer Stiftung, CC BY SA 3.0

Vaterland und Bismarck war das große Jahresthema, zu dem Rektor Epting 1965 in der Jahresabschlussfeier seiner Heilbronner Schule sprach. Ein Jahr später forderte er die Pflicht für das Volk ein, forderte im Schlußsatz Opferbereitschaft.

An den alten Gymnasien der Stadt gärte es. Als Rektor Epting 1967 bis 69 versuchte, kritische Schüler zu verfolgen und entfernen zu lassen und auch im Gymnasium an der Bismarckstraße Rektor Franz Speck durchgriff, schrieben es die Schüler über Nacht in großen Graffiti an die Wand beider Schulen, wie die Stadtchronik berichtet: “Die autoritäre Schule ist eine Brutstätte des Faschismus” und vieles mehr.355 Vieles der verdrängten Geschichte (auch die des Rektors Epting) war den Schülern damals gar nicht bekannt, ihre Protestaktionen entsprangen häufig nur einem Bauchgefühl der Unzufriedenheit mit dem autoritären, elitären Erbe.

Mit Pickelhauben und Kostümen zogen im Januar 1968 an die 200 Schüler in einem satirischen Kaiser-Wilhelm-Marsch zum alten Kaiser-Wilhelmdenkmal, um das alte Obrigkeitsdenken aufs Korn zu nehmen.

Im April 1968 kamen nochmals Kiesinger und Filbinger nach Heilbronn.

Hauptstaatsarchiv Stgt-Nr-J153-Nr-2189

Einen Monat später, Mai 1968, wurden die Notstandsgesetze verabschiedet. Laut Lexikoneintrag zum Gesetz unterlag der innere Notstand keiner parlamentarischer Kontrolle und bedurfte keiner formellen Verkündung396. Nach Protesten wurde das Widerstandsrecht ergänzt.

Kiesinger konnte sich mit seinem zweiten Projekt, dem Mehrheitswahlrecht nicht durchsetzen, die sozialliberale Koalition wurde möglich, die Amtszeiten von Kiesinger und Epting endeten beide 1969.

* * *

Stern Magazin: “…machen Sie die 68er für den Werteverfall verantwortlich?”

Kurt Rebmann: “Ja (…) Denken Sie an die (…) gewaltfreie Erziehung. Das Ergebnis ist eine stark gestiegene Jugendkriminalität. Bei den Griechen galt der Satz: »Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen.« “(Stern, 11.6.2001)

Wandel versus Stillstand

Seit den 70er Jahren kam in Heilbronn Bewegung in die Schullandschaft, es entstanden Alternativen.

Mit dem Mönchseegymnasium wurde ein musisches Gymnasium in Heilbronn eröffnet. Die Waldorfschule Heilbronn wurde Ende der 70er gegründet. Das Justinus-Kerner-Gymnasium, eine frühe Ausgliederung der Nachkriegszeit 254, startete vor wenigen Jahren ebenfalls einen musischen Zug. Der Andrang zu diesen Schulen ist heute groß.

Die Unruhen am altsprachlichen Gymnasium gingen erst mit Eptings Abgang 1969 zurück, der jüngste Oberstudiendirektor des Landes wurde damals zum Generationenwechsel nach Heilbronn geschickt. 388

Mit dem noch unter Epting avancierten Franz Speck, der 1967 das benachbarte Robert-Mayer-Gymnasium als Rektor für eine jahrzehntelange Ära übernahm, kamen erst noch die Protestwellen an das ehemalige Realgymnasium.

Als die Schüler über das Dritte Reich sprechen wollten und dies abgeblockt wurde, sprangen die Schüler aus Protest buchstäblich aus dem Fenster, berichtet die Heilbronner Stimme aus einer Erinnerungsstunde des Stadtarchivs mit Zeitzeugen 253.

Ein Zeitzeuge, den das Stadtarchiv im Juli 2017 aufs Podium geladen hatte, beschrieb Rektor Speck als “Zeitbombe”: unberechenbar, für Ausbrüche gefürchtet – der zum Schluss aber auf die Schüler zuging 250.

Nachdem Rektor Speck eine Vollversammlung der Schüler 1976 verbot, zogen 400 Schüler demonstrierend zum Verlagsgebäude der Heilbronner Stimme und überreichten eine Resolution.220 S.51

Ein Höhepunkt der Proteste lag wohl in den 70er Jahren. Filbinger war Ministerpräsident und langsam wurde seine NS-Zeit publik.

1983 konfiszierte Rektor Speck ein Titelblatt der Schülerzeitung, das kritisch zu Atomwaffen auf der Waldheide in Stadtnähe Stellung bezog. Die Schüler antworteten: “Vor 38 Jahren wurde unsere Schule im Krieg zerstört” und forderten ihr Recht ein, sich kritisch zu Atomwaffen vor der Haustür äußern zu dürfen.

Anfang 1985 explodierten nahe der Stadt Pershingraketen (ohne Sprengkopf), drei Soldaten starben. Die Stadt nahm jetzt ihren ganzen Mut zusammen und benannte darauf den Kaiser-Wilhelmplatz in Friedensplatz um. Moltkestraße und Bismarckstraße wurden beibehalten.

Nicht alle Schüler wollten Teil dieser Protestwelle sein. Thomas Strobl, heute stellvertretender Ministerpräsident, lehnte als Schüler in der Bismarckstraße der 70er Jahre den „von Sozialisten provozierten Kampf“ an der Schule ab 321, trat der Jungen Union bei, später als Student einer schlagenden Verbindung. Thomas Strobls Umgang mit der NS-Zeit sorgte später mehr als einmal für Pressewirbel. 322-323

Mit dem Säbel in der Hand zog dann Bismarck 1995 als Heldenstatue in Schulnähe um. An der alten, zentralen Stelle in der Stadt war das problematische Erbe nicht mehr gewünscht. Dieses Denkmal einer autoritären Ära schien hier neben dem Gymnasium mit seinem einschlägigen Ruf niemand zu stören – mehr noch: man baute 1995 direkt neben der Schule ein großes,  der Bismarck-Dynastie gewidmetes Areal, das nach den Kindern Bismarcks benannt ist: Komplex  Herbert von Bismarck und Marie von Bismarck direkt neben der Schule, daneben der Bau Wilhelm von Bismarck und das Heldendenkmal.434

Genau in diesem Jahr wurde vom SDR ein Dokumentarfilm über eine Schülerin des Gymnasiums an der Bismarckstraße gedreht, den man an der Schule nicht zeigen wollte, wie der Regisseur gegenüber Zeitsprünge berichtet. Filmtitel: „Was es heißt, ein Emigrant zu sein – schwierige Begegnung mit Heilbronn“. Die Emigrantin Friedel Katz (geborene Krämer) begegnet nach 57 Jahren ihren alten Klassenkameraden wieder, die sich  im III. Reich anpassten. Friedel Katz und der Regisseur stellen die Frage, was habt ihr damals getan? Manche Mitschüler wollen nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden und versuchen, vor der Kamera korrigierend einzugreifen, mit begrenztem Erfolg:

Regisseur: „Waren Sie bei der SS?“

Mitschüler: „Bitte sagen Sie nicht SS! Ich betone Waffen-SS, denn wir waren nämlich nur gute Soldaten, die Elitetruppe, gell. Ich persönlich war rein befehlsmäßig als Ausbilder zur Waffen-SS gekommen.“

Ein ehemaliger SA-Mann unter den alten Mitschülern im Film weist darauf hin, dass selbst die katholische Kirche vom gottbegnadeten Führer sprach, ja alle von Hitler begeistert gewesen seien.

„Wir waren ja im besten Sinne national“, fasst ein Mitschüler zusammen.

Gegen die jüdische Mitschülerin hatte natürlich niemand etwas.

„Gegen die sogenannten Kleinjuden haben wir überhaupt nichts gehabt, wir waren damals nur gegen die großen Verbrecher, die uns damals in den Abgrund gehetzt haben…“

Der Geschichtsunterricht sei damals hervorragend gewesen und ein Mitschüler berichtet, wie 1939 die Polen Bauernhöfe in Deutschland überfallen und angezündet hätten, sieben Wochen vor Ausbruch des 2. Weltkrieges.

Auf Anregung von Zeitsprünge ist der Film heute neu editiert wieder erhältlich (hier)

Eptings langer Schatten

Karl Epting blieb im Ruhestand  einflussreich, hielt Vorträge (Lions-Club 1972), blieb im Rotary Club geehrt 361, veröffentlichte Ruhestand 1977 das Buch “Gedanken eines Konservativen”, das Widerhall in seiner Schule fand, wie in ihrer Festschrift aus dem Jahr 2000 nachzulesen ist. Einige Kerngedanken: Demokratie darf angezweifelt werden, Menschenrechte sind weniger wichtig als Pflichten, Hierarchie und Autorität müssen erhalten bleiben.265 Den Text trug Epting bereits 1967, als er noch Rektor war, im Heilbronner Rotary-Club mit Beifall der örtlichen Honoratioren vor.

Sein Gegner ist der Geist der Aufklärung, wie der Rektor a.D. im Buch von 1977 selbst betont. Es gäbe heute keine konservative Gegenkraft mehr gegen die Zerstörung, die die französische Revolution und Aufklärung gebracht habe, “angesichts der beispiellosen Verwüstung, die von den Bewegungen des Jakobinismus, Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus und zuletzt des Freudianismus angerichtet wurde”.

“Anarchie ist das zwangsläufige Endergebnis der jakobinischen Parole der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit”, wie ‘Gammler’, ‘Hippies’ und ‘Orgien’ der Gegenwart zeigen würden. In der autoritären Gesellschaft, die er für notwendig hält, ist das ‘irdische und göttliche Vaterbild’ noch ‘in unauflösbarer Wechselbeziehung’, geleitet von der ‘Vorsehung’. 265-2

Vieles erinnert an seine Texte im Dritten Reich, so für den DAAD 1939, nur dass damals der offene Antisemitismus hinzukam: „Das Weltjudentum” würde sich an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit klammern, um seine zu Macht erhalten und auf Frankreichs “völkischen Untergang hinzielen”.278-5

Zu Eptings kruden Thesen seines Buches von 1977, die in der Schule nachwirkten, gehört auch diese: Hitler habe den falschen Idealismus der Aufklärung widerlegt, der Mensch sei nicht das reine Vernunftwesen und stellt seinen ‘archaischen Humanismus’ der Mythen und Mysterien entgegen, Volk, Raum, tausendjährige Geschichte.

Wie Eptings Geist hier an der Schule nachwirkt und irrlichtert, lässt sich in der Festschrift des Gymnasiums aus dem Jahr 2000 nachlesen: auch sein Nachfolger Rainer Blessing lässt die Frage nicht aus, ob Hitler die Aufklärung widerlegt habe und beantwortet sie mit der These, die Biologie zeige der Aufklärung ihre Grenzen auf. Rainer Blessing stellt in Frage, ob der homo sapiens mit der Aufklärung kompatibel ist, denn er sei „in praxi unfähig zu einem ‘ethischen Kosmopolitismus’ “, einen Begriff des Biologen Hans Mohr zitierend.317

Rolf Hackenbracht geht noch einige Schritte weiter. Im seinem anschließenden Aufsatz in der Festschrift, “Was eigentlich heißt es, wenn wir von unserem Gymnasium als einem humanistischen sprechen?”, wird auf der ersten Seite Epting zitiert und später noch mehrmals, darunter wörtlich: “Es muß wieder offenbar werden, daß der Mensch der Aufklärung (…) in dreihundert Jahren auf dieser Erde beispiellose Verwüstung angerichtet hat, wie es in der Menschheitsgeschichte nie zuvor beobachtet wurde”, daher auch “seine Werte und Werke, selbst die Demokratie – sehr wohl angezweifelt werden können“. Hackenbracht untersucht danach “Regeln für einen Menschenpark“ von Sloterdeijk, spricht über “Lektion und Selektion“, “Lesen und Auslesen“, die darin behandelt werden und folgert: “Zugeordnet und ausgegrenzt wird allerorten und zu allen Zeiten, in Familie und Nachbarschaft, Volk und Staat…”, und “so verwundert es auch nicht, daß wir bei den alten Griechen diese Differenzierungs- und Abgrenzungsprozesse ebenfalls wiederfinden“, die sich von den Barbaren abgrenzten. „Seiner Natur nach war der Grieche zur Herrschaft über die Barbaren bestimmt”, zitiert er Friedrich Lübker. Er fragt in der Festschrift: „Wie werden die Regeln für den Menschenpark zukünftig lauten, wie festgelegt und angewendet werden? Das war immer schon eine Frage für Pädagogen und Politiker (…) und daß in unseren Tagen zwischen Philosophen und Molekularbiologen der Diskurs eröffnet wird im Hinblick auf die genetische Beschaffenheit und Veränderbarkeit des Menschen, macht die Aktualität der Themenfrage deutlich.“ 318

Hackenbracht, eigentlich Brückenbauer zwischen Schüler und autoritärer Schulleitung, ist an diesem Ufer mit einem Bein in den Sumpf geraten.

Karl Epting wird im Buch von 1977, das hier zitiert wird, noch viel konkreter: der “Traum vom Übermenschen” sei im Bereich des Machbaren, der einen erheblichen Eingriff in die Fortpflanzung erfordere. Der konservative Mensch werde diese neuen Techniken “mit Dankbarkeit” nutzen , “mit deren Hilfe er seine Ordnung festigt”. Es sei “kein Zufall, dass das konservative Denken heute bei der Biologie und Anthropologie” beginne, schreibt er schon im Vorwort. Epting beruft sich auf Biologen und Anthropologen, die hier einschlägig in Erscheinung traten, teils wie er tief im III. Reich verstrickt waren. 328

Macht, Elite, Menschenzüchtung: eine vergessene Rede Kiesingers

Einige Themen Eptings (bis hin zur Umzüchtung des Menschen) finden sich auch in einem vergessenen Vortrag von Kurt Georg Kiesinger wieder, über „Elite in der Demokratie“. Der erstaunliche Text lässt sich heute in einer Publikation der Technischen Hochschule Stuttgart nachlesen, wo Kiesinger 1964 dazu sprach.412

Wie Epting, baut Kiesinger seinen Text über Stufen auf, bis sich der Irrsinn ganz entfaltet. Kiesinger beginnt mit Platons Vision eines Elitestaates. Es gelte, ein Bündnis aus „Macht und Geist“ wiederherzustellen, das „männliche Gesinnung“ erfordere. Die Einheit von „Führung und Elite“, wie sie auch im autoritären Staat im Mittelalter selbstverständlich gewesen sei, bleibe bis heute das Anliegen. Doch in der Demokratie kämen jetzt auch zweifelhafte Kräfte hoch, denn die Auslese in der Demokratie sei ‘zweifelhaft’. Wer jetzt aber gleich den Untergang des Abendlandes befürchtet, dem bietet Kiesinger als Politiker ‘mit dem Blick aufs Ganze’ einen Ausweg, der es in sich hat: die ‘Umzüchtung’ des Menschen, hier im wörtlichen Zitat: „Wie steht es nun mit diesem Bündnis von Macht und Geist? (…) Können uns vielleicht Naturwissenschaft und Technik, die großen Sieger unserer Zeit, die so dringend nötige, geistige Hilfe leisten? (…) Es ist unserer Zeit vorbehalten geblieben (…) eine biologische Ingenieurskunst, also die künstliche Umzüchtung des Menschen, als die einzig mögliche Rettung vor den Gefahren der vom Menschen selbst geschaffenen Welt zu sehen (…) ich wollte nur zum Schluß dieser Betrachtungen über die Elite Ihre Aufmerksamkeit auf diesen desparaten Ausweg lenken.“

Sloterdeijks Provokation Jahrzehnte später war demnach alles andere als originell.

Kiesinger zitiert dazu passend noch Raymond Aras: „totalitäre Staaten organisierten den Enthusiasmus, die Demokratie organisiere die Kritik“ und schließt mit Goethe-Versen für den mannhaften Mut zum Handeln.

Wie ist eine solche Rede nur möglich, ohne dass es zu Proteststürmen kommt? Im Stil der Sonntagsrede mit den üblichen seichten Stellen neben den Untiefen fiel es niemandem auf. Es war kein Wahlkampfauftritt, sondern eine Rede vor Studenten einer technischen Hochschule zur Immatrikulationsfeier, aus der Sicht Kiesingers die zukünftige Elite, Rhetorik für (kommende) Führungskräfte. Er war klug genug, sich mit etwas Humor abzusichern, doch seine Rede ist nicht nur ein Scherz, mit der er versucht, diese Themen wieder salonfähig zu machen.

Neben Schnittmengen zwischen Epting und Kiesinger bleiben deutliche Unterschiede der beiden Charaktere: vor 1940 mied Kiesinger die NS-Karriere, im Gegensatz zu Epting, nach 1945 nahm Kiesinger die Gewaltenteilung in sein Elitekonzept auf, während Epting seinem Metternich treu blieb.

Als Karl Epting 1979 starb, schrieb ihm die Heilbronner Stimme einen freundlichen und der Rotary-Club einen euphorischen Nachruf. Sind im Rotary Club nicht die Spitzen der Stadt? Die Rektoren der Gymnasien, die Spitze der Heilbronner Stimme, des Stadtarchivs? Wurden diese Stellen in Heilbronn in der Vergangenheit häufig konservativ besetzt und war dies eine Ursache, dass der Fall jahrzehntelang nicht aufgearbeitet wurde?

Sprengung des Turms der Friedenskirche vor der schule 1947, Fotograf unbekannt, StHn (später 1952 folgte die entgültige Sprengung).

Die vom Krieg beschädigte Friedenskirche vor dem Gymnasium an der Bismarckstraße wurde 1952 gesprengt und abgerissen, das Kriegsdenkmal mit Soldaten (Bild unten) blieb bis heute vor dem Robert-Mayer-Gymnasium stehen. Wer hier täglich ist, wird blind dafür und sieht es schon nicht mehr.

Inschrift: „Das Landwehr Inf. Regiment seinen Gefallenen 1914-1918, Kriegsdenkmal gegenüber dem Schuleingang.

unten: Robert-Mayer-Gymnasium mit Vorplatz im Jahr 2018

Foto jp

Der Tradition verpflichtet

Die Schullandschaft in Heilbronn ist historisch gewachsen. Veränderungen kommen langsam, vieles bleibt, wie es ist.

Die Heilbronner Stimme zitiert 2015 die Schulbürgermeisterin, am Gymnasium an der Bismarckstraße würde bekanntlich “gnadenlos ausgesiebt”. 218

Unter dem Titel “Absturz” wird dabei die “Abschulung” in Heilbronner Gymnasien behandelt und eine Statistik gezeigt, die eine hohe Absprungrate von fast 50 % am Robert-Mayer-Gymnasium aufweist, die nach Eintritt der 5. Klasse nicht bis zum Abitur bleiben (mit einigem Abstand gefolgt vom Nachbargymnasium Theodor-Heuss-Gymnasium, dem es geschichtlich verbunden ist). Ursachen für die hohe Absprungrate sucht die Schule nicht in ihrer eigenen Geschichte, sondern nennt im selben Artikel “Tablet, PC und Smartphone” als eine Ursache, die vom disziplinierten Lernen ablenke.218

Der Artikel von 2014 erinnert an einen Bericht von 1970 zum gleichen Thema. Selbst die Antwort des Rektors ähnelt der 44 Jahre zuvor, als Rektor Speck in der Presse die Massenmedien als negativen Einfluss auf die Schüler nannte.

Daher ändert sich jetzt etwas anderes: die Schülerzahlen gehen seit 10 Jahren drastisch zurück, sind um knapp 40 % gesunken, 2018 ist ein neuer Negativrekord erreicht.

 

 

Foto jp

Das Heldendenkmal bei der Schule

“Gymnasium Heilbronn! Deine Mauern sind ein Stück der Beute”, verkündete Rektor Pressel 1880 stolz im Schulbericht, denn ‘Kriegsentschädigungen’ aus Bismarcks Krieg 1870/71 sollen den Bau des Karlsgymnasiums ermöglicht haben.234

oben: Bismarck schulmeistert das Parlament, zeitgenössische Karikatur von 1870 362

Bernhard Müller, Haushistoriker des Gymnasiums an der Bismarckstraße, nahm Bismarck in einem Vortrag noch als Friedenspolitiker komplexer Bündnisse und ehrlichen Makler in Schutz. 354

Unten: Bismarck teilt das koloniale Afrika auf (Berliner Konferenz 1884), gründet dabei das deutsche Kolonialreich und seinen fragwürdigen Ruf als ‘ehrlicher Makler’.

Karikatur der franz. Zeitschrift L’Illustration 1884

‚Friedenspolitiker‘ Bismarck führte Krieg gegen Dänemark, Österreich, Frankreich und mehrere deutsche Kleinstaaten.

Unten: in der englischen Karikatur setzt ‘Schoolmaster’ Bismarck  durch, dass Österreich in Bosnien-Herzegowina einmarschieren kann. Englische Karikatur zum Berliner Kongreß von 1878.

Karikatur von John Tenniel im ‘Punch’

unten: die neue Vorkriegszeit beginnt schon unter Bismarck, macht die bismarcktreue Presse mit dieser Karikatur von 1887 selbstbewusst deutlich.

Karikatur 1887 von Wilhelm Scholz im bismarcktreuen Kladderadatsch, Foto jp

Das Bismarck-Heldendenkmal als Symbol des preußischen Militarismus war nach dem Krieg nicht mehr zeitgemäß an der ursprünglichen, zentralen Aufstellung in Heilbronn und  wurde 1995 in die Nähe des Gymnasiums an der Bismarckstraße entsorgt, wo sich niemand daran störte.251 Heute ist die Rückseite des Bismarckdenkmals immer noch übersät mit Einschusslöchern und Spuren der Bombensplitter aus dem Zweiten Weltkrieg, als alles um das Standbild herum in Schutt und Asche fiel, nur die Vorderseite wirkt aufgehübscht.

Foto jp

 

Würdigung von Antisemiten neben der Schule

1995 wurde das ganze Areal neben dem Gymnasium der Dynastie Bismarck gewidmet, den Kindern und Erben Otto von Bismarcks, wie das Schild am neuen ‘Bismarckpark’ zeigt. Sohn Herbert von Bismarck war ein ausgesprochener Antisemit (noch viel stärker als sein Vater), der Kaiser Wilhelm II. in dieser Hinsicht stark beeinflusste.471

Das Schild am ‘Bismarckpark’ neben der Schule zeigt, wie der Park der Dynastie Bismarck gewidmet ist. Sohn Herbert von Bismarck, nach dem ein Komplex gegenüber der Schule benannt ist, war ein ausgesprochener Antisemit (noch stärker als sein Vater), der Kaiser Wilhelm II. in dieser Hin­sicht stark beeinflusste.471

Foto jp

Wie unpassend jedoch der Bismarck-Kult hier ist, macht die weitere Geschichte des Ortes deutlich. Bismarck ist hier so aufgestellt, dass der Blut-und-Eisen-Kanzler direkt auf die Stelle des ehemaligen ‘Judenhauses‘ im III. Reich starrt, deren zahlreiche frühere Bewohner vertrieben oder ermordet wurden. Den vielen Verfolgten, die zwangsweise hier lebten, wird bis heute an diesem Ort nicht gedacht.

Bismarckstraße 3a  –  ein Ort der Verfolgung

Hier in der Bismarckstraße 3a befand sich ursprünglich ein Haus der jüdischen Gemeinde, in der die Rabbiner lebten. Hier wohnte auch 1922-1929 der Rabbinersohn Ezra BenGershom. Im III. Reich wurde sein Elternhaus schließlich ein ‚Judenhaus‘, in das die Nazis Zwangseinweisungen von Juden vor den Deportationen vornahmen. 439 Besonders schlimm wütete man hier in der Reichskristallnacht. Franke berichtet hier von einer unbeschreiblichen, sinnlosen Verwüstung in der Bismarckstraße 3a. Der Mitbegründer der Heilbronner Volksbank, Otto Igersheimer, musste hier zeitweise leben und zu seiner Erniedrigung die Deportation der anderen jüdischen Gemeindemitglieder überwachen, bis er selbst nach Auschwitz kam und ermordet wurde.438

Unten die ermittelte Liste der Verfolgten, die mit der Bismarckstraße 3a verbunden sind439.

Deportiert und ermordet in Auschwitz

Otto Igersheimer

Bertha Sternfeld geb. Igersheimer

Emil Obenheimer

Lina Obenheimer

Deportiert und ermordet in Riga

Rebekka Simsohn

Hedwig Wallerstein

Rosalie Wallerstein

Ziel der Deportation unbekannt

Sophie Kauffmann

deportiert nach Schloß Eschenau, Haigerloch, später vermutlich deportiert nach Theresienstadt, weitere Todesumstände und Ort unbekannt

Sofie Sara Reis

Deportiert nach Izbica, Durchgangstation zu den Vernichtungslagern, in denen die Deportierten zu Tode kamen

Simon Schlesinger

Ida Sara Schlesinger

Salomon Vollweiler

Clara SaraVollweiler

Regine Krips (Stolperstein)

deportiert nach Dellmensingen

Hermann Grünbaum

1934 ausgewandert nach Palästina

Abraham Feuerlicht

Esther Horowitz

Löser Horrowitz

Max Horrowitz

Heinrich Horrowitz

Hermann-Josef Horrowitz

Rahel Horrowitz

Rosa Horrowitz

Selma Horrowitz

1939 nach England ausgewandert

Flora Reis geb. Aron (Stolperstein)

Nur zwei wurden mit einem Stolperstein gewürdigt, denn Stolpersteine gibt es nur am letzten freiwilligen Wohnort, was bei einer Zwangseinweisung in ein “Judenhaus” der NS-Zeit nicht der Fall war. Die Stadt sollte eine andere Form finden, an diesem Ort zu gedenken (Zeitsprünge macht dazu konkrete Vorschläge, siehe hier).

Das Bismarckdenkmal ist hier deplatziert.

Otto von Bismarck sprach sich 1847 dagegen aus, dass Juden öffentliche Ämter bekleiden dürfen. In der Rede führte er aus: „Ich gestehe ein, dass ich voller Vorurteile stecke, ich habe sie … mit der Muttermilch eingesogen … Ich teile die Empfindung (dass Juden nicht Beamte werden dürfen) mit der Masse der niederen Schichten des Volkes und schäme mich dieser Gesellschaft nicht.“ 1869 gab er dem Antrag der Demokraten zur Aufhebung der Diskriminierung im preußischen Landtag nach, doch Bismarcks persönliche Einstellung zu jüdischen Mitbürgern blieb stark belastet.436

„Otto von Bismarck war weniger lautstark in seinem Antisemitismus als sein Sohn, neigte aber dazu, jede Eigenschaft, die er bedauerte, mit jüdisch gleichzusetzen oder sich Juden als Opfer seiner (…) Schimpfkanonaden auszusuchen“, berichtet der Sammelband „Juden im Wilheminischen  Reich“ von 1976.

Kriegsdenkmal gegenüber dem Schuleingang Bismarckstr. 10, Heilbronn, Foto jp

Seit bald 100 Jahren mit Handgranate vor der Schule: Soldaten mit Stahlhelm, den Eingang der Schule fest im Blick. Nichts erinnert hier an Kriegsgegner vor Ort und den Widerstand im III. Reich, wie Karl Kaiser oder Walter Bauer, die hier zur Schule gingen, nichts an vertriebene und verfolgte Schüler wie Friedel Krämer oder Luise Bronner, die hier 1931/32 Abitur machten.

Wandel wäre möglich, und ein erster kleiner Anfang ist gemacht: als 1985 der Kaiser-Wilhelmsplatz vor der Schule in Friedensplatz umbenannt wurde, in Erinnerung an die zerstörte Friedenskirche, gewöhnte man sich schnell daran und ist heute froh, den alten Namen los zu sein. Von Bismarck und Moltke, Soldaten mit Stahlhelm könnte man sich ebenso schnell verabschieden. Das Kriegerdenkmal gehört auf einen Soldatenfriedhof. Auch Bismarck sollte zu seinem Kaiser umziehen, der bereits im alten Friedhof steht, nicht am historisch falschen Ort bleiben.

Entwurf eines Mahnmals

Für die Bismarckstraße 3a macht Zeitsprünge einen Vorschlag für ein schlichtes, gut sichtbares Mahnmal: eine schmale, hohe Spiegelstele mit den Namen der Verfolgten im Spiegelglas. Bismarck blickt dann durch die Namen der Verfolgten ins eigene Spiegelbild. Bis man ihn erlöst und auf dem alten Friedhof den Ruhestand gönnt. Je nach Perspektive sieht man die Schule am ehemaligen Kaiser-Wilhelmplatz im Spiegel.

Die Geschichte der alten Denkmäler in Heilbronn wird in einem eigenen Kapitel “Zeichen setzen” behandelt. In einem weiteren Kapitel gibt es konkrete Vorschläge für ein anderes Erinnern.

 

Beginn der Aufarbeitung

Ende der 80er Jahre wurde noch unter Rektor Speck eine erste, kritische Geschichtslese der NS-Zeit am Gymnasium an der Bismarckstraße begonnen – noch ohne Erwähnung von Karl Kaiser, Friedel Krämer, Luise Bronner 94. Dennoch ist dieser Anfang einer Aufarbeitung, dank der Initiative einzelner Lehrer verdienstvoll, genannt werden unter anderem Emigranten wie die bekannten Autoren Victoria Wolff und Willi Schaber, sowie der jüdische Schüler Arthur Reis. Seit 2002 wird ein Schülerpreis im Namen von Victoria Wolff vergeben.

2007 setzte ein Arbeitskreis Geschichte mit Hilfe des Fördervereins der Schule die Aufarbeitung in einer weiteren Publikation zur Schule im 20. Jahrhundert fort220. Doch auch in dieser Publikation erinnert man sich statt Schüler des Widerstandes wie Karl Kaiser an einen Gerhard Kaiser, SS-Leibstandarte Adolf-Hitler, mit großem Portrait in Stahlhelm und SS-Runen, als guter Kamerad und “großer Idealist” im Rundbuch der Klasse 1940/41 beschrieben. “Hoffentlich geht es bald ins Feindesland”, schrieb Gerhard Kaiser 1940. Wenige Monate später war er tot.

Zur Ära Speck deutet sich in der Publikation vorsichtig ein kritischer Rückblick an.

Es gibt bis heute viele engagierte Lehrer, Eltern, Schüler an den Heilbronner Schulen, Schulen die einer Aufarbeitung offen gegenüber stehen. Und noch vieles, das aufgearbeitet und verändert werden sollte.

2018 ist ein passendes Jubiläumsjahr: vor 100 Jahren machte Karl Kaiser Abitur an der Bismarckstraße. 100 Jahre nach Kriegsende 1918 sollten die Soldaten mit Handgranate vor der Schule endlich abrüsten.

„Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“ nennen sich heute viele Schulen, so auch Heilbronner Schulen. Schule sollte Kritikfähigkeit fördern, nicht Anpassung und Karrieren von Jasagern.

Eine der Lehren aus der Geschichte: Geschlossene Welten, manchmal auch Schulen, können zu Treibhäusern grausamer Rituale und Unmenschlichkeit werden. Anpassung in der Gruppe kann blind machen. Der Geist einer Schule steckt ihr noch lange in den Knochen, in Stil, Haltung, Ritualen, Umgangsformen, gewachsenen Profilen, Gruppendynamik. Es braucht Mut zum Aufbruch, zur Veränderung – manchmal auch den Mut, allein den ersten Schritt zu machen – gegen den Strom zu schwimmen oder auch einfach: einen Ort zu verlassen, der sich nicht verändert.

Die Geschichte der beiden Schüler Karl Kaiser und Victoria Wolff erzählt davon – siehe die gleichnamigen Kapitel dazu.

Karl und Sascha Kaiser   –   Victoria Wolff

(Nachtrag: nachdem die Studie am 12.Juli 2018 in der Galerie Oberwelt e.V. in Stuttgart und am 19. Juli im sozialen Zentrum Käthe öffentlich vorgestellt wurde, entdeckten schließlich auch die Gymnasien das Thema, wie der Bericht vom  21. August 2018 in der Stuttgarter Zeitung zeigt).

Quelle: rs

 

 

Vom KZ in einer Schule ins Salzbergwerk

Im Salzbergwerk Kochendorf bei Heilbronn waren auch KZ-Häftlinge für Rüstungsbetriebe im Einsatz. Unter den Häftlingen befand sich ein Künstler, der mit einem fotografischen Gedächtnis Bilder der Erfahrungen der KZ-Häftlinge anfertigte. 326

Eines seiner Bilder zeigt, wie die Häftlinge zuvor im KZ Sandhofen bei Mannheim, das in einem Schulgebäude eingerichtet war, die Prügelstrafe über sich ergehen lassen müssen- die Wärter lassen hier eine Strafe ausführen, die an die Prügelstrafe ihrer eigenen Schulzeit erinnert.

Mieczyslaw Wisniewski, MARCHIVUM, Mannheim

Hier schließt sich der Kreis. Die Spurensuche begann in der Kaiserzeit mit Schülern, die von der Prügelstrafe geprägt wurden. Rituale der Erniedrigung können sich über Generationen fortpflanzen.

In den fünfziger Jahren wurde die Prügelstrafe in der Erziehung zunächst sogar noch verschärft, aus Gründen der Gleichberechtigung durfte jetzt auch die Frau Gewalt anwenden. Erst in den 70er Jahren wurde der Paragraph der Prügelstrafe abgeschafft, in Bayern erst in den 80er Jahren. 325 Doch es gibt nicht nur physische Gewalt – für Karl Epting und viele andere war Schule Rückzugsort für autoritäre und manipulative Herrschaft, unter der Glasglocke der Anstalt erhalten sich lange alte Strukturen, strahlen uralte Rituale der Erniedrigung noch lange auf Geist und Stil des Hauses aus.

 

______________

 

1958 besuchte Theodor Heuss Heilbronn, um den Neubau seines alten Gymnasiums zu eröffnen, das bald Karl Epting übernehmen sollte. Hier begrüßen Heilbronner das Staatsoberhaupt, wie sie es gelernt haben.

29.3.1958, Hermann Eisenmenger, Stadtarchiv Heilbronn, HSt Archiv

Die Schule seines Namens war bis 1958 im Robert-Mayer-Gymnasium untergebracht, bekam dann einen eigenen Neubau.

Unten: ein Heilbronner Polizist salutiert Theodor Heuss.

29.3.1958, Hermann Eisenmenger, Stadtarchiv Heilbronn, HSt Archiv

29.3.1958, Hermann Eisenmenger, Stadtarchiv Heilbronn, HSt Archiv

oben: Kriegsopfer am Rande der Neueröffnung des Theodor-Heuss-Gymnasiums. Zwei Jahre später zog Karl Epting als Rektor ein. Unter der Fassade der Moderne blieben noch lange Nachwirkungen der Geschichte.

Weitere Kapitel

Einge Fragen bleiben offen  –  Speer, Epting und die Kunstraub

Theodor HeussMoltkekaserneFriedenskirche

Persönlichkeiten aus dem Heilbronner Widerstand

Walter Vielhauer

Hellmut Riegraf

frühe Demokraten und Kriegsgegner in Heilbronn

Ludwig Pfau

Zeichen setzen (Hegelmaier vs. Pfau)

 

 

Quellen

Fußnoten und Quellen (siehe auch Quellenangaben zur Hauptseite hier)

Bessere Lesbarkeit: die Quellen in einem zweiten Browserfenster öffnen, so kann zwischen Text und Fußnoten gewechselt werden.

(87) aus “Warum die Synagogen brannten” von Martin Uwe Schmidt u.a., 1993, Brief von Thekla Sänger vom 1. Mai, im Schweizer Exil an Verwandte geschrieben und 1950 dem Stadtarchiv geschenkt. Der erste Teil des Briefes ist bei Franke abgedruckt S. 214-216

(92) zitiert nach “Das war das 20 Jhd. in Heilbronn” von Uwe Jacobi, Wartberg Verlag, 2001

(93) Zeitzeugenbericht: u.a. Rolf Wacker

(94)- (95) 100 Jahre Robert-Mayer-Gymnasium, 1989, Hrsg. Robert-Mayer-Gymnasium, Auflage 2000

(96) Biographie von Gottlieb Löffler , Ulrich Kull: Gottlieb Löffler – ein schwäbischer Maler. In Ludwigsburger Geschichtsblätter 34/1982

(97) (98) Karl Epting

(99) Rede des Bundespräsidenten Theodor Heuss 1950 zur Einweihung des Theodor-Heuss-Gymnasiums, zitiert in ‘Heilbronn – so war das Leben in der alten Stadt’, Heilbronn 1981.

201: . LAPI Roger Viollet, Image nr 1410-13, Invent. Number LAP 4536, World war II. Conference on health organization in Germany, by the doctor Conti, the Reich secretary of State. The doctor Karl Epting, director of the German Institute, Jacques Benoist-Méchin, State secretary of the Council Presidency and the doctor Conti, from left to right. Paris, Maison de la chimie conference centre, September 1941.

202: unter dem Pseudonym Matthias Schwabe verfasste Karl Epting im III. Reich Propagandaschriften. “Die französische Schule im Dienste der Volksverhetzung“, das Buch wird heute von rechten Verlagen nachgedruckt (siehe auch hier). Siehe auch wikipedia

203: Spiegel Artikel 23.9.1953, Rubrik Internationales, Diplomatie, “Der Rudolf von Athen”

Zitat Ausschnitt:

“Da brachten zwei schwere Mercedeswagen unverhoffte Gäste: Einige höhere deutsche Offiziere und ein elegant gekleideter Zivilist baten um Einblick in die Archive. Graf de Robien, Chef der Personalabteilung des Quai d’Orsay, erkannte in dem geheimnisvollen Zivilisten den Direktor des deutschen Kultur-Instituts in Paris, Dr. Karl Epting, wieder. Er ahnte Schlimmes.
Die Herren verlangten nach den von Frankreich unterschriebenen Verträgen. Epting: “Könnten Sie uns zum Beispiel den Versailler Vertrag zeigen?” Graf de Robien hatte diese Frage erwartet. Sie sollte ihm Gelegenheit geben, in dieser Stunde der Demütigung ein letztes Mal über den Sieger zu triumphieren. “Ich bedauere”, sagte er mit eisiger Stimme. “Auf Anweisung der Regierung habe ich ihn mit dem Westfälischen Friedensvertrag wenige Tage vor dem Waffenstillstand nach Bordeaux geschickt.”
Epting verzog keine Miene. Er äußerte den Wunsch, die Besichtigung fortzusetzen. Die Lektüre des Vertrages von Troyes, der dem König von England das Recht auf den Titel eines Königs von Frankreich einräumte, schien ihn zu fesseln. “Und was ist dies hier?”, fragte er, indem er auf einen kleinen Koffer wies. Man beeilte sich, seine Neugierde zu befriedigen: Der Koffer enthielt ein großes, in weißes Leder gebundenes Buch. Es war der ‘Vertrag von Versailles’.”
Zitat Ende

205 : siehe u.a. Zusammenfassung von Briefstellen (Die Zeit 1/2010, 30. Dezember 2009, S. 47) zeigt den radikalen antisemitischen Furor des Autors bis zu seinem Lebensende. 1941 schrieb er Cocteau: „Rassenvernunft übertrifft bei mir Kunstvernunft oder Freundschaftsvernunft. Sind Sie … Antisemit? Darauf kommt alles an.“ – In den 1960er Jahren interessierte er sich für Belege, dass es „nirgendwo in Deutschland“ Gaskammern gegeben habe, und bat seinen Briefadressaten Hermann Bickler, einen führenden Nazi aus dem Elsaß, um weitere Beweise. siehe Fußnote 7 in Wikipedia in der Biographie von Céline

206: u.a. siehe Elisabeth Edl: Im düsteren Licht der Erinnerung. Nachwort, in: Patrick Modiano: Place de l’Etoile. Hanser, München 2010, S. 175f, Fußnote 3 in der Biographie von Robert Brasillach auf Wikipedia

207: siehe u.a. Dominique Desanti: Drieu La Rochelle : du dandy au nazi. Flammarion, Paris, 1992, ISBN 2-08-066835-8 , Biographie von Pierre Drieu la Rochelle auf Wikipedia

209: Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann: Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. München 2010, S. 19. und Biographie von Achenbach auf Wikipedia

210: ebenda, S. 19 zur Beteiligung an Deportationen.

Zur Zusammenarbeit mit Werner Best für die Generalamnestie für NS-Täter siehe Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 10.

Zum Einfluß auf das Straffreiheitsgesetz gemeinsam mit Best siehe Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996, S. 106 und S. 109

Witwe Ribbentrop als Klientin siehe Unterredung (PDF) mit Robert Kempner am 19. August 1947

siehe Biographie von Achenbach auf Wikipedia

 

211

Heilbronner Stimme, 7.6.2005, “Er prägte das THG” Feierstunde für den ehemaligen Direktor Karl Epting

“Vor 100 Jahren wurde Karl Epting in Ghana geboren. Nach seiner Schulzeit in Basel und Korntal besuchte er die evangelisch-theologischen Seminare in Schöntal und Urach. 1924 bis 1928 studierte er Romanistik, Germanistik und Geschichte in Tübingen, Dijon und München. In diesen Jahren empfing Karl Epting eine starke Prägung durch die Jugendbewegung.

1928 und 1929 machte er Staatsexamen und wurde in Germanistik promoviert. 1929 bis 1934 war Epting für das Tübinger Studentenwerk, später in Genf für das Weltstudentenwerk tätig. 1934 bis 1939 leitete er in Paris die Zweigstelle des deutschen Akademischen Austauschdienstes, arbeitete 1939 bis 1940 in der Deutschen Informationsstelle des Auswärtigen Amtes und war von 1940 bis 1944 Direktor des Deutschen Instituts in Paris. In dieser Zeit erfolgte auch seine Habilitation. Von 1947 bis 1949 dauerte seine Untersuchungshaft im französischen Gefängnis; sein Prozess endete mit einem Freispruch. Zwei Jahre lang stand Epting einem Kölner Verlag vor und trat 1952 in den Höheren Schuldienst ein.

Von 1960 bis 1969 leitete er das Theodor-Heuss-Gymnasium Heilbronn. Er hat seine Schule nachhaltig geprägt. Mit aller Kraft hat er sich darum bemüht, die drohende Aushöhlung des humanistischen Gymnasiums aufzuhalten, und zugleich immer betont, dass den Naturwissenschaften auch am THG eine herausragende Bedeutung zukomme.”

Auf Karl Eptings Initiative wurde 1963 der Verein der Freunde des Theodor-Heuss-Gymnasiums Heilbronn gegründet. Neben seiner Schuleitertätigkeit veröffentlichte Karl Epting eine Vielzahl von wissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen.”

 

212

“Wandel und Kontinuität, 50 Jahre Theodor Heuss-Gymnasium” aus dem Jahr 2000 sowie “350 Jahre Gymnasium – Lateinschule, Gymnasium, Karlsgynmasium, Theodor Heuss Gymnasium”, Festschrift 1971, beide Herausgeber Theodor-Heuss-Gymnasium. Der Artikel über Epting in der Festschrift aus dem Jahr 2000 ist ein Nachdruck aus der Festschrift von 1971, jedoch nicht als solcher ausgewiesen. Die nachfolgenden Aufsätze zeigen die Aktualität des nachhaltigen Einflusses. Die Feierstunde für Epting an der Schule im Jahr 2005 lässt dem Bericht der Heilbronner Stimme nach ebenfalls darauf schließen. Mit der Schlagzeile der Zeitung “Er prägte das THG” wird der nachhaltige Einfluss deutlich.

Eckhard Michels schreibt dazu im Buch “Das Deutsche Institut in Paris 1940-44” Seite 9, Fußnote 8: “Über Epting gibt es zwei biographische Skizzen. Beide genügen den wissenschaftlichen Anforderungen nicht: Eugen Wedemann , Karl Epting in: 350 Jahre Gymnasium in Heilbronn 1971, S. 141-152 entstand nach Auskünften Eptings und besitzt keinen kritischen Apparat (…)”

 

214: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? Otto Abetz und die deutsche Frankreichpolitik 1930-1942 , Roland Ray, Institut für Zeitgeschichte, Oldenbourg Verlag, 2000

 

214b

ebenda, Seite 356/357 Abetz vermeldet in seinem Tätigkeitsbericht für 1940/41, die Vichy-Regierung habe auf seinen Anstoß die antijüdischen Gesetze erlassen (Ray S.357)

214c

ebenda, Seite 362

“Am 28. Februar erläuterte Dannecker seine Pläne Abetz , Achenbach und Zeitschel, wobei er Judenamt, und Konzentrationslager ohne Umschweife verknüpfte. 130(…)

“…aufgrund des Vichy-Gesetzes vom 4.Oktober 1940 bereits 40000 Juden inhaftiert worden seien.”

214d, ebenda, Seite 357

214e ebenda Seite 341, mit Verweis auf Fußnote 4 Abetz an Militärbefehlshaber von Paris, 1.7.1940, Internationales Militärtribunal, RF-1334 abgedruckt ebenda, S. 219

214g ebenda, Seite 315 mit Verweis auf Kiesinger-Memoiren “Dunkle und helle Jahre”, Seite 223

216 Heilbronner Stimme, 8.4.2017, “Es ist einfach anders”

217 siehe u.a. Bernhard Sauer: Schwarze Reichswehr und Fememorde. Eine Milieustudie zum Rechtsradikalismus in der Weimarer Republik. Metropol-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936411-06-9, S. 281–287.

Friedrich Grimm Biographie auf wikipedia sowie Erwähnung in der Biographie von Karl Epting

 

218 “Der Absturz”, Gertrud Schubert, 19.6.2015, Heilbronner Stimme

219 Jahresbericht 1889-90 Königliche Realanstalt Nachdruck 1989, Original Stadtarchiv

220 Das Robert-Mayer-Gymnasium im Spiegel des 20. Jahrhunderts, Hrsg. Arbeitskreis Schulgeschichte in Verbindung mit dem Förderverein des Robert-Mayer-Gymnasiums

230 Emil Julius Gumbel

„Ich wusste, was ich tat“. Emil Julius Gumbel und der rechte Terror in der Weimarer Republik.Dietrich Heither, PapyRossa Verlag, Köln 2016.

Der „Fall Gumbel“ und die Heidelberger Universität. 1924–32. Christian Jansen, Heidelberg 1981, Digitale Ausgabe (2012).

Emil Julius Gumbel. Portrait eines Zivilisten. Christian Jansen, Das Wunderhorn, Heidelberg 1991

Emil J. Gumbel. Weimar German Pacifist and Professor.Arthur by D. Brenner. Studies in Central European Histories 22, Brill u. a. 2001

231

Das väterliche Züchtigungsrecht bestand in der Bundesrepublik Deutschland bis zum 1. Juli 1958, als das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft trat, da das allein väterliche Züchtigungsrecht einen Verstoß gegen den speziellen Gleichberechtigungsgrundsatz von Mann und Frau in Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz (GG) darstellte.

Seit 1958 bestand das elterliche Züchtigungsrecht als im damaligen § 1626 BGB verankertes Gewohnheitsrecht weiter und schloss damit beide Elternteile (allgemeiner die Erziehungsberechtigten des Kindes) ein.

siehe Geschichte der Körperstrafe auf Wikipedia

232 siehe u.a.

Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Universität Hamburg, Dissertation im FB Medizin, 2007, S. 241. Archiv Universität Hamburg (PDF; 7,0 MB)

Conti, Leonardo. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann (Hrsg.): Ärzte-Lexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2006, ISBN 3-540-29584-4, S. 84 f.

Ernst-Alfred Leyh: „Gesundheitsführung“, „Volksschicksal“, „Wehrkraft“. Leonardo Conti (1900–1945) und die Ideologisierung der Medizin unter der NS-Diktatur. (PDF) Diss. med. dent [Masch. Man.], Med. Fak. Univ. Heidelberg 2002

Biographie von Leonardo Conti auf Wikipedia

233 Seite 299 und 300 in ” ‘Deutsche Geisteswissenschaft’ im Zweite Weltkrieg, Die ‘Aktion Rittersbusch’ 1940-1945″ von Frank Rutger Hausmann. Dritte, erweiterte Ausgabe, Synchron Verlag, Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg 2007

234 Schulbericht 1880 zitiert aus (94)-(95) 100 Jahre Robert-Mayer-Gymnasium, 1989, Seite 41

235 aus “Das war mein Heilbronn. Aus einem zerrissenen Bilderbuch von Fritz Wolf”, zitiert in 100 Jahre Robert-Mayer-Gymnasium, 1989, Seite 16

236 aus der ZEIT , Artikel “Eines Lebens Reise ans Ende der Nacht” 27,5.1994, Autor Benjamin Korn

240 (siehe auch 202) aus: “Die französische Schule im Dienste der Volksverhetzung” von Matthias Schwabe (Pseudonym von Karl Epting), Veröffentlichungen des Deutschen Instituts für Außenpolitische Forschung 1940, Faksimile Nachdruck 1996 vom Institut für ganzheitliche Forschung, Reihe: Materialien zur Geschichtsforschung, Heft 3, Hrsg. Roland Bohlinger (Kritische Beurteilung des Verlages siehe hier).

241 (siehe auch 94 und 220) Der ehemalige Rektor des Robert-Mayer-Gymnasiums Winfried Fischer erzählte in der ‘Wissenspause’, einer Veranstaltungsreihe des Stadtarchivs (Bericht der Heilbronner Stimme 8.7.2017 ‘Als die Lehrer noch echte Männer waren’ von Gertrud Schubert), dass die Geschlechtertrennung Tradition war und selbst in den großen Pausen darauf geachtet wurde, das Jungen und Mädchen der benachbarten Schulen nicht aufeinander trafen (dazu wurden zeitversetzte große Pausen am Robert-Mayer-Gymnasium und damals benachbarten Justinus-Kerner-Gymnasium eingerichtet).

242 Bundesarchiv, Bild 183-H28708 / CC-BY-SA Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat. Zentralbild II. Weltkrieg 1939 – 45 Nach der Besetzung Frankreichs durch die faschistische deutsche Wehrmacht im Juni 1940 besucht Adolf Hitler Paris. UBz: Adolf Hitler mit seiner Begleitung nach der Besichtigung des Eiffelturms. vlnr: SS-Gruppenführer Wolff, [Architekt Hermann Giesler], dahinter Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, SA-Gruppenführer Wilhelm Brückner, Reichsminister Albert Speer, Adolf Hitler, dahinter Reichsminister Martin Bormann, [Bildhauer Arno Breker], Reichspressechef Staatssekretär Otto Dietrich. 5527-40

243 Holzschnitt von Hans Gerner 1922, Sonntags-Zeitung, Nr. 52, gemeinfrei, siehe auch hier

244 Holzschnitt von Hans Gerner 1924, Sonntags-Zeitung Nr. 38, gemeinfrei, siehe auch hier

245 Arno Breker und Adolf Hitler in Paris am 23. Juni 1940, wikipedia, public domain.

246 aus dem Artikel “Unbelehrbar bis in den Tod”, 9.7.1997, Hans E. Lex, Die Welt, Axel Springer Verlag

247 die Welt über Arnold Breker (28.10.2011)

248 aus der Schülerzeitung des THG 9/1969: das Rektorenzimmer unter Epting wird von Schülern als Hauptquartier beschrieben, aus dem Befehle kommen, noch fest im “Mythos der patriarchalischen Stellung des Schulleiters” verankert. Bei Eptings Abgang wünscht sich die Schülerzeitung im September 1969, der neue Rektor möge die Schule vom “Dogmatismus und fragwürdiger Ideologie” befreien, “vom undemokratischen, anachronistischen Elitedenken”.

250 Rektor Franz Speck, der das Robert-Mayer-Gymnasium von den 60er Jahren bis 90er Jahren prägte, wird in einer Erinnerungsstunde des Stadtarchivs am 14.7.2017 zu den Schulen in den 60er Jahren von Zeitzeugen als “Zeitbombe” beschrieben, autoritär und unberechenbar, der am Schluss auch auf Schüler zuging.

aus der Veranstaltungsreihe, Wissenspause, Stadtarchiv Heilbronn Freitag, 14. Juli
1968er Bewegung: Provokation oder Aufbruch?
Mit Dr. Rolf Hackenbracht und Heinz-Erich Ohnezat

Das Zitat stammt von Heinz Erich Ohnezat, in den 60er Jahren Schüler am Robert-Mayer-Gymnasium.

 

252 Engagierte Heilbronner forderten schon 1900 ein Denkmal für Ludwig Pfau, der sich für Demokratie und Völkerverständigung einsetzte, siehe hier

http://www.ludwig-pfau.de/index.php/ludwig-pfau/38-biographisches/521-ein-ludwig-pfau-denkmal-in-heilbronn

254 Das Justinus-Kerner-Gymnasium Heilbronn wurde 1956 vom Robert-Mayer-Gymnasium ausgegliedert, zunächst in räumlicher Nähe zur alten Schule, später mit einem Schulneubau Umzug in den Stadtteil Sontheim.

 

258 Helmut Sauter berichtet auf der Seite “Junge Senioren – Wissenswertes weitergeben” mit dem Titel “Der Bismarck-Mythos blühte auch in Heilbronn” über einen Vortrag von Bernhard Müller

259 Frankfurter Zeitung Nr. 89, 31. März 1900, Seite 1-2, kleines Feuilleton hier http://www.ludwig-pfau.de/index.php/ludwig-pfau/38-biographisches/521-ein-ludwig-pfau-denkmal-in-heilbronn

260 “Anstrengung, Ausdauer, Disziplin” : Leitbild des Robert-Mayer-Gymnasiums 2017 /18 http://www.rmg-heilbronn.de/schulprofil/leitlinien/paedagogische-grundsaetze und Srceenshot im archiv Zeitsprünge

261, Theodor Heuss, Reden an die Jugend, 1956, Wunderlich Verlag

262 Theodor Heuss, Vorspiele des Lebens, Jugenderinnerungen, Wunderlich Verlag

Theodor Heuss konnte sich als Schüler erstaunliche Freiheiten leisten, im Hintergrund geschützt durch seinen einflussreichen Vater, der ein gutes Verhältnis zum nationalkonservativen Bürgermeister Hegelmeier hatte. Bei der Einschulung schrie er wie am Spieß, berichtet Heuss stolz, bis er einen Lehrer bekam, von dem er wusste, dass er die Schüler nicht schlägt. Als Jahre später ein Lehrer ihn schlagen wollte, packte der junge Heuss den Lehrer bei den Handgelenken und sagte: “Das ist bei uns nicht Mode”. Das Lehrerkollegium wollte ihn vom Abitur ausschließen und verdammte den Schüler einstimmig, doch wagten sie es am Ende nicht, ihn von der Prüfung auszuschließen. Anders erging es einem Schulkameraden von Heuss aus armer Familie, der sich erschoss, als er nicht versetzt wurde. Heuss saß kurz danach an seinem Totenbett seines Freundes.

 

263 Hitlers Kunsthändler – Hildebrand Gurlitt 1895 – 1956, die Biographie, Meike Hoffmann und Nicola Kuhn, C.H. Beck, München 2016, Seite 193, 207-2011

264, siehe oben, Seite 207-211

265 Gedanken eines Konservativen, Karl Epting, Hohenstaufen Verlag, 1977

265-2 ebenda, Epting zitiert dazu Saint Martin, der Herrscher als ‘Verwalter der Vorsehung’

266 Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? Autor Roland Ray, Institut für Zeitgeschichte, Oldenbourg Verlag München 2000

266b Tatsächlich nannte der Führerbefehl zunächst nur Sicherstellung und Erfassung, jedoch keinen Abtransport der Kunstwerke.

267 Hitlers Eliten nach 45 , Episode 4: Juristen – Freispruch in eigener Sache, ARD/ SWR, Buch und Regie Sabine Mieder 2002

Passagen über die Schlüsselfigur Ernst Achenbach ab Sendeminute 10:00 und 34:10

Beate Klarsfeld fand 1971 Dokumente, die Ernst Achenbach schwer belasten und die tiefe Verstrickung der deutschen Botschaft in die Judendeportation zeigt. Im selben Jahr veröffentlichte das Heilbronner Gymnasium ihre Festschrift, in der Epting und Achenbach gewürdigt werden, nachgedruckt in der Festschrift im Jahr Jahr 2000.

268 Artikel über Ernst Achenbach in der WAZ vom 27.1.2011: NS-Vergangenheit holt FDP in Essen heim.

269 Das deutsche Institut in Paris 1940-44, Autor Eckard Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

270

Zur Mitwirkung von Karl Epting an der Zensurliste Otto siehe u.a. Eckard Michels S269-271

Ein detaillierter Entwurf nannte Überwachung der Verlage und Hochschulen als Teil der Aufgaben des Deutschen Instituts, wie es sich Abetz absegnen ließ.
Die “Aufzeichnung über die Begründung eines deutschen Kulturinstitutes in Paris” vom 20.7.1940 stellt ein detailliertes Organisationskonzept auf und nennt unter den gewünschten Aufgaben auch die „Überwachung“ in den Bereichen Verlage und Hochschulen, wie es dann auch von Hitler bestätigt wurde. Zehn Tage später datiert ist die Denkschrift von Otto Abetz ” Politische Arbeit in Frankreich”. Am 3. August 1940, eben zum Botschafter ernannt, brachte Otto Abetz schließlich auf dem Berghof Adolf Hitler direkt seine Anliegen vor. Im September konnte Epting bereits sein Institut eröffnen, mit dem im Entwurf vom 20. Juli gewünschten Machtbefugnissen. Im Oktober wurde die erste Fassung der Zensurliste fertig (Liste Otto), im Winter ging es mit der Verfolgung der Hochschullehrer weiter.
Michels führt in seinem Buch unter anderem auch auf, dass Hitler die Aufrechterhaltung einer gewissen liberalen Fassade im besetzten Frankreich wünschte, Abetz seine Arbeit darauf abstimmte.

siehe: das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Seite 57-58

Seite 22 Zitat:
Er verschrieb sich dem völkischen Prinzip und lehnte den Glauben an eine übernationale Welt und ein darauf basierendes gegenseitiges Verstehen ab.
Quelle: Karl Epting, Internationale geistige Zusammenarbeit? In Hochschule und Ausland Bd. 12 1934 Heft eins Seite 30 bis 37, hier Seite 34

siehe: das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels

Die Zuständigkeit zur Zensur lag teils bei der Propagandaabteilung und Gruppe Schrifttum, doch die „Liste Otto“ nach Otto Abetz benannt, wurde wesentlich von Epting, Abetz und ihren Mitarbeitern bestimmt. Die Propagandaabteilung hatte wesentlich mehr Personal und war für die tägliche Kleinarbeit zuständig, Vorzensur von monatlich 750 Artistikprogrammen, 150 Musikprogrammen, 60 Theaterstücken, 35 Museen, fast hundert Privatgalerien, wie Michels im Buch „Das Deutsche Institut in Paris“ beschreibt ( S. 119 bis 122).

siehe auch Zusammenfassung zur Zensurliste für das besetzte Frankreich, sogenannte Otto-Liste auf Wikipedia.

274

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, S. 126-127

(die erste, im Oktober 1940 erschienene „Liste Otto“ war von Bremer und Epting als Botschaftsvertretern, den Sonderführern Schulz und Heller für die Propagandaabteilung und einem Mann namens Müller vom SD ausgearbeitet worden).

275

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993,

Seite 127 bis 130, hier im vollständigen Zitat:

„Dabei war keineswegs nur die Propagandaabteilung die scharf durchgreifende und das französische Kulturleben drosselnde Institution, während die Botschaftsdienste mäßigend wirkten, wie Epting und Abetz nach dem Krieg unter Bezugnahme auf den Erlass des Propagandaministeriums über die Verlegung der französischen Modeindustrie (vgl. Kapitel 3.4) weiszumachen versuchen. So forderte das Deutsche Institut – d.h. vermutlich der mit Literaturfragen betraute Bremer mit Rückendeckung Eptings – im Dezember 1941 von der Propagandaabteilung, französische Autoren jüdischer Abstammung in die Otto-Liste aufzunehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur die Schriften aus Deutschland stammenden Juden durch die Liste Otte verboten worden. Die Propagandaabteilung war mit diesem Schritt grundsätzlich einverstanden, lehnte ihn aber wegen der praktischen Schwierigkeit, in Frankreich den „Ariernachweis“ vor allem bei bereits gestorbenen Autoren zu führen, ab und vermutete, das Deutsche Institut wohl die Gruppe zu einer halben Maßnahme anstiften, um sie dann bei einem Fehlschlag der Aktion desavouieren zu können (Fußnote: die Stellungnahme der gruppe Schrifttum der Propagandaabteilung vom 19.12.1941 zum Vorstoß des deutschen Instituts ist abgedruckt bei: Fouché, Bd. 1 S. 187). Doch das Deutsche Institut setzte sich trotz der Einwände der Propagandaabteilung schließlich durch, denn die (zweite) Liste Otto vom Juli 1942 verbot alle Bücher jüdischer Schriftsteller, wie auch Bücher, an denen Juden mitgearbeitet hatten. Für wissenschaftliche Werke behielt man sich Sondermaßnahmen vor. Aus dem Verkauf zurückzuziehen – das Wort „Verbot“ wurde nach Möglichkeit in den Listen vermieden – waren fort an ferner auch alle Biografien über Juden, selbst wenn sie von „arischen“ Autoren verfasst worden waren.

Beim Vorstoß des Deutschen Instituts war vermutlich Epting die treibende Kraft, da er sich während der Besatzungszeit als äußerst antisemitisch gebärdete. Dabei mag bei ihm nicht zuletzt der Gedanken eine Rolle gespielt haben, bestehende Vorbehalte seitens der Partei gegenüber Ihn mittels dieser Haltung aus dem Weg zu räumen. Es scheint ihm ein besonderes Anliegen gewesen zu sein, das französische Kulturleben vom jüdischen Einfluss zu reinigen bzw. die Franzosen hinsichtlich dieser Frage zu sensibilisieren. Dafür sprechen verschiedene Indizien: neben seiner bereits erwähnten Ablehnung der Konzertreise Cortots nach Deutschland wegen seiner jüdischen Frau (vgl. Kapitel 3.4) ist ein zweites Beispiel Sacha Gutry, der für die Propagandaabteilung einen Ariernachweis erbringen musste und sich darüber lustig machte. Wegen seines mangelnden Ernstes in dieser Frage griff Epting ihn heftig an, so dass die Botschaft ihn vor Epting sogar in Schutz nehmen musste (AN-3W358 Aussage Feihl vom 1.9.1946). Im Februar 1942 forderte Epting erfolglos, da als undurchführbar angesehen, von der Militärverwaltung die Absonderung jüdischer Schulkinder im besetzten Frankreich von den nichtjüdischen französischen Schülern, da Erstere potentielle Träger deutschfeindlicher Propaganda in der Schule seien. 373 Céline wiederum wurde von Epting unter anderem wegen seines Antisemitismus hervorgehoben:
“Die moderne Zivilisation ist den Juden hörig. Céline stellt dies in 100 Variationen und Beispielen immer wieder fest. Seine Argumente sind für Deutsche nicht neu. Für Frankreich bedeutet sein Antisemitismus den äußersten Widerstand, der gegen die herrschenden Mächte in den dreißiger Jahren geleistet werden konnte. Zu einer Zeit, als das Judentum im Schatten der Logen und Kirchen in Frankreich unbeschränkt herrschte, als der kämpferische Philosemitismus zu einer Form der französischen Selbstbehauptung gegen das neue Europa geworden war, bedeutete der schonungslose Antisemitismus Célines einen Akt des Mutes” (Karl Epting, Louis-Ferdinand Céline, in: Deutschland – Frankreich, Heft 2/1942’S.47-58’hier 54f.)

Fußnote 373 bei Michels: AN AJ40/564 Notiz Rilkes von Gruppe 4 “Schule und Kultur” der Militärverwaltung vom 18.2.1942

275-2

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

(Fortsetzung zu 275)

In einem Brief an Friedrich Bran, dem Leiter des Frankreichkomitees im AA, das für die deutsche Propaganda unter den französischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen verantwortlich zeichnete, sprach (Epting) sich etwa für die Durchführung von Vorträgen in den französischen Kriegsgefangenenlagern zu “Volkstumsfragen” aus:
“Die Vorträge können nicht primitiv genug sein, da den Franzosen jeder Begriff des Volkstums verloren gegangen ist. Es ist für die späteren geistigen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich entscheidend, dass die Kriegsgefangenen mit einer klaren Einsicht in die deutschen Auffassungen über Volkstum und Rasse zurückkehren.”
Außerdem sollen die deutsche rassepolitische Gesetzgebung bekannt gemacht werden, denn “der Rassebegriff ist derjenige Begriff, der bisher in der französischen öffentlichen Meinung am wenigsten aufgenommen wurde”. (PA-KultPol R67052 Epting an Bran 1.4.1942)
Auch in seinen Memoiren verfiel Epting in die Begrifflichkeit des Dritten Reiches, sprach von “jüdisch” und “arisch”, vom “jüdischen Problem” und sah das Judentum als eine sich bewusst konstituierende geistige Kraft an: “Der deutsche Geist hatte sich mehr als einmal gegen die Wendung zu kehren, die vom Judentum her der deutschen Entwicklung gegeben werden sollte”. (Vgl Epting, Generation der Mitte,S.88-91,Zitat S. 90 )

276

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 134 mit Verweis auf AN-AJ40/563 Lagebericht der Gruppe 4 vom 18.11.-124.11.1940

277 aus: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers, Roland Ray, S. 361 mit Fußnote 123: Jahresbilanz Zeitschel vom 13.6.1941; PA/AA, Botschaft Paris 1321

277b ebenda, Zitat zu „Freibeuter“ Seite 344, dazu Quellenangabe Anmerkung 24, Metternich, ‘Über meine Tätigkeit“, pag. 11ff.

Kunstraubaktionen von Abetz und Epting als Ganzes Seite 240 ff.

277c ebenda, Seite 251, Auszug:

„In Absprache mit Rosenbergs Leuten wurden vielmehr mindestens 74 in den Katalogen nicht vermerkt die Positionen ins Hausinventar der Botschaft ‘übernommen und damit in Reichsgesetz überführt’63, darunter befanden sich Gemälde und Zeichnungen von Renoir, Fragonard und Degas, verschiedene Meister des 18. Jahrhunderts, acht Sessel Stil Louis XVI., alte Brüsseler Tapisserien und ein wertvoller Schreibtisch mit Aufsatz, einst ein Geschenk der französischen Regierung an Fürsten Metternich, nach Recherchen des Auswärtigen Amts von Baron Edmond de Rothschild für umgerechnet 660.000 Reichsmark erworben, jetzt von Abetz genutzt. Dass die Botschaft das edle, in Fachpublikationen erwähnte Stück lediglich auf 5000 Reichsmark taxierte, könnte ein Indiz für betrügerische Absichten sein, beruhte aber vielleicht auch schlicht auf Banausentum. Die Verwaltungsabteilung des AA wies mit spöttischen Unterton darauf hin, dass Herr Botschafter Abetz den Aufsatz des Schreibtisches entfernt hat und verkehrt vor dem selben sitzt, um das Licht von links zu haben; der Schreibtisch wird daher in seiner gegenwärtigen Aufstellung als Torso (…) 64.
25 Gemälde und Zeichnungen aus dem Botschaftsdepot wurden „zur Ausstattung des Auswärtigen Amts und des Hauses des Herrn Reichsaußenministers in Betracht gezogen und nach Berlin geschickt, mehrere Fragonards, Bouchers, Watteaus und Utrillos wechselten auf diese Weise von der Seine an die Spree65. Ein Schreiben Luthers belegt, dass 15 Gemälde in AA verblieben; verschmäht und nach Paris zurück geschickt wurden unter anderem ein Degas und ein Monet 66. Weitere 26 Bilder entarteter Maler – darunter 14 Braques und sieben Picassos – hat die Botschaft „für den Umtausch gegen künstlerisch wertvolle Werke“ auf dem Kunstmarkt einbehalten. Im August 1941 drängteLegationsrat Zeitschel, die wild expressionistischen Bilder schleunigst abzustoßen, ehe der Einsatzstab Rosenberg den Markt mit seinen ungleich größeren Beständen überschwemme 68.(…) „

277d ebenda, Seite 353

Auszug:

„Dass die Botschaft bei Gelegenheit auch dann noch jüdischem Kunst Besitz nachjagten, als Rosenberg diesen Auftrag bereits an sich gerissen hatte, dokumentiert der Raub der nahe Bordeaux versteckten Bilder Paul Rosenbergs, im Urteil Kurz’ die wohl wertvollste Privatsammlung moderner französischer Maler überhaupt 79. Gleich von zwei Seiten wurde sie im Herbst 1940 an die deutschen verraten. Karl Epting zahlte einem gewissen Jurschewitz 65.000 Franc – „gewissermaßen als Judaslohn“ – für eine Adresse 80. Auch der Comte de Lestang und sein Komplize Yves Perdoux lieferten entscheidende Informationen, die zur Aushebung des Depots führten. Sie verlangten 10 % Provision und schätzten die Sammlung auf 2 Milliarden Franc – in Zeitschels Augen eine Unverschämtheit, kam doch ein deutscher Fachmann allenfalls auf 3,4 Millionen 81. Das vereitele „jegliche vernünftige Zusammenarbeit“, rüffelte der Legationsrat die beiden Spitzel. Sie schwenkten nach längerem Feilschen in etwa auf die deutschen Vorstellungen ein. Bei einer Besichtigung der beschlagnahmten Sammlung forderten Sie als Bezahlung zwei Pissaros und ein Aktbild von Renoir. Zeitschel empfahl statt des letzten Objekts einen dritten „doppelt so wertvollen“ Pissaro; da dieser Jude sei, „nehme ich an, dass in Deutschland für diese Bilder kein Interesse besteht“28. Ein Teil der umfangreichen Beute wurde an den Einsatzstab Rosenberg abgetreten, der „entartete“ Rest zu Tauschzwecken in der Rue de Lille gehortet 83.

mit Anmerkung 79 Kurz Kunstraub, S.145

Anmerkung 80 Zeitschel, Aufzeichnungen für Schleier, 24.11.1941; CDJC, V-106

Anmerkung 81 Zeitschel, Aufzeichnung für Abetz, 27.11.1940,CDJC, V-98, Eine beigefügte Schätzliste enthält 21 Bilder von Picasso, 20 von Braque, sechs Matisse, vier renoir und etliches mehr.

Anmerkung 82 Zeitschel, Aufzeichnung für Abetz, 28. November, CDJC, V-104

277e ebenda Seite 354, Auszug:
„Begehrlichkeiten wecken auch die von 1942 an im großen Stil betriebene Beschlagnahme jüdischer Wohnungseinrichtungen, zunächst im besetzten Teil Frankreichs. Von Rosenbergs Leuten ausgeräumt, wurden Tausende Tonnen Möbel an Besatzungstruppen in Osten und ausgebombte Familien im Reich verteilt. In die Vorbereitungen dieser „M-Aktion“ schaltete sich Otto Abetz, gerade auf Reisen, mit dem telegraphisch übermittelten Ratschlag ein, die Vichy-Regierung vorab besser nicht einzuweihen, „weil formaljuristisch keine Rechtsgrundlage für Maßnahmen vorhanden. Empfehle geschichtliche Berechtigung (…) in dem vom nationalsozialistischen Deutschland gegen die Juden geführten Krieg dadurch zu begründen, dass Verwendung beschlagnahmte Einrichtungen zu Gunsten Wiederaufbaus der größten vom jüdischen Bolschewismus zerstörten Gebiete in geplanter Presseveröffentlichung Militärbefehlshabers stark hervorgehoben wird.“84 Legationsrat Zeitschel regte eine Sammelbestellung des Botschafterpersonals für jüdisches Mobiliar an, sobald es registriert und zum Reichseigentum erklärt sei85.

dazu Anmerkung 84: Abetz (z.Zt. Sonderzug) an Botschaft in Paris, 31.1.1942; ADAP, EI, S.346,Anm. 6. Zuvor Schleier an Auswärtiges Amt, 30. Januar, ebenda, Nr 187, Ausführlich zur „M-Aktion“ Kurz,Kunstraub, S221 ff.

Anmerkung 85: Zeitschel für Kanzler Gerigk, 12.3.1942; CDJC, V-119

278

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, S.24

278-2

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 31, Fußnote 77, AN-F7, (police Génerale) Bd. 15307, Rapport sur l’organisation de la propagande allemande de 1933 à 1939 vom September 1945

278-3

Als junger Faschist war Karl Epting im (noch) freien Frankreich der frühen 30er Jahre zunächst fehl am Platz.

Paris entwickelte sich nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland schnell zur Hauptstadt der Emigranten, die sich in Frankreich dafür einsetzten, über die Diktatur in ihrer Heimat aufzuklären. Es waren dann auch Emigranten, die ein deutsches Institut in Paris gründeten, das sich kritisch mit dem Faschismus auseinandersetzte. Epting als überzeugter Vertreter des Faschismus in Paris versuchte ab 1934, eine Gegenöffentlichkeit zu organisieren, ein eigenes deutsches Institut aufzubauen, das für das Hitler-Regime wirbt.

Epting konnte die Leitung der Zweigstelle des DAAD in Paris übernehmen und baute diese soweit es möglich war, zu einen solchen Institut aus, wie Michel dokumentiert, bis er mit der Besetzung Frankreichs 1940, gefördert von Ribbentrop und Hitler, die offizielle Gründung seines deutschen Instituts verwirklichen konnte. 278

Bereits 1937 schrieb Epting, sein Haus in Paris halte “unter allen Umständen an einer ausgesprochen deutschen, rein nationalsozialistischen Linie fest“ 279

278-4

siehe u.a. folgende Publikation des DAAD: Matthias Schwabe, Die französische Auslandspropaganda: Ihre Grundlagen und Voraussetzungen. Kulturpolitische Schriftenreihe des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Band 2; Verlag Herbert Stubenrauch 1939 Berlin

278/5

Zitat aus dem Buch 278-4 Karl Epting unter seinem Pseudonym Matthias Schwabe, Die französische Auslandspropaganda

Seite 19, Kapitel Judaismus

„Das moderne jüdische Denken ist ein Kind der französischen Revolution. Es hätte nie eine Judenfrage im modernen Sinne gegeben, wenn sich in der Welt nicht die Begriffe des Individuums und seine abstrakte Freiheit von jeder organischen Bindung durchgesetzt hätten. Das Judentum ist dem französischen Denken deshalb aufs Tiefste verpflichtet. Umgekehrt hätten sich die Ideen der französischen Revolution vielleicht nicht in dieser Weise durchgesetzt, wenn sie nicht von einer Rasse aufgenommen worden wären, die mit allen Mitteln nach der Freiheit strebte. Jedenfalls besteht zwischen der Herrschaft des französischen Universalismus und der Herrschaft des Weltjudentums einen Kausalzusammenhang, der aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft weist. Das Weltjudentum kann, wenn es seine Macht behalten will, die von der französischen Revolution geprägten Werte des Individuums, der individuellen Freiheit, der Gleichheit, der universalen Brüderlichkeit nicht aufgeben. (…) Der jüdische Universalismus ist geistig gesehen eine Doktrinäre Verflachung des französischen Denkens, wie jedes Denken, dass von der völkischen Grundlage sich löst, verflachen muß.“

sowie weiterführender Text im Buch

279

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 26, dazu Fußnote 60: Tätigkeitsbericht der Zweigstelle vom 1.10.1937- bis 30.9.1938, Zitat 5.10.1938

279-2 ebenda, Seite 249, Vortrag Carl Schmitt am 16.10.1941, aus der Liste der Vorträge im deutschen Institut mit Name und Datum.

279-3 ebenda

Januar 1942 wurde im Karl Eptings Institut in Paris die neue Abteilung einer kunsthistorischen Forschungsstelle gegründet, in der Göring einen Berater und Agenten für Raubkunst fand, wie Michels berichtet.

Die neue Abteilung des Instituts wurde in Kooperation der Botschaft und des Instituts mit dem Reichsministerium für Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung sowie der Kunstschutzabteilung der Militärverwaltung geschaffen, die einen Referenten als Mitarbeiter der neuen Abteilung des Instituts stellte, der den Kunstraub unterstützte (Hermann Bunjes), ganz im Gegensatz zu den eigentlichen Intentionen von Wolff Graf von Metternich also mehr der Praxis von Epting und Abetz entsprach. Diese hatten sich die kulturpolitische Leitung der neuen Abteilung bei der Gründung zusichern lassen.

Zitat aus dem Buch Seite 93-94:

„Neben der wissenschaftlichen Arbeit betätigte sich Bunjes aber auch als kunsthistorische Berater und Agent Görings in Paris, der diesen bei seinen Besuchen in der französischen Hauptstadt über die zu beschlagnahmenden Kunstwerke und die Frage des ob Transportes nach Deutschland beriet. Bunjes war damit das ‘schwarze Schaf’ des Referates Kunstschutz der Militärverwaltung. Im Gegensatz zu den anderen Mitarbeitern dieses Referates unter Graf Wolff Metternich, die eine völkerrechtswidrige Wegnahme französischer Kunstschätze durch die Botschaft, den Einsatzstab Rosenberg und Göring zu verhindern trachteten (…), leistete er dem Kunstraub durch sein Wissen Vorschub 262. Dabei richteten sich Görings und Bunjes Blicke 1942/43 insbesondere auf den sogenannten Baseler Alter, den Heinrich der Zweite 1020 der Baseler Kathedrale gestiftet hatte und der im 19. Jahrhundert vom Louvre erworben worden war, und auf den Genter Altar von Jan von Eyck, den die belgische Regierung 1940 der französischen zu Verwahrung übergeben hatte (..) Die deutschen Forderungen nach den beiden Altären fand bei Erziehungsminister Abel Bonnard, einem überzeugten Kollaborateur, dem auch die Direction des Beaux-Arts unterstand, Gehör. Er wollte die beiden Altäre Deutschland als Zeichen guten Willens überlassen. Man stellte ihm dafür die Entlassung französischer Deutschlehrer aus der deutschen Kriegsgefangenschaft in Aussicht. Allerdings kam es aufgrund der Kriegsentwicklungen nicht mehr zum Abtransport der Kunstwerke. Dazu Fußnoten: 262 Vergleiche grundsätzlich Bargatsky, Bericht über die Wegnahme. Bunjes als ‘schwarzes Schaf’ der Militärverwaltung: Walter Bargatsky, Hotel Majestic. Ein Deutscher im besetzten Frankreich, Freiburg/Basel/Wien 1987, S. 71 und 74 (…)
263 AN – 3W82 (Procés Bonnard) und F17/13368.

280

„Auch im Kriege schweigen die Musen nicht – Die deutschen wissenschaftlichen Institute im Ausland“, Frank Rutger Hausmann, Vandenhoeck & Ruprecht, 2002

Zur Ausstattung des Deutschen Institutes in Paris: „Epting wurde mit Finanzmitteln überreich bedacht“

281

„Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?“ Roland Ray, Studien zur Zeitgeschichte, Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band 59, Oldenbourg Verlag München 2000, S. 364

Ab Seite 355 beschreibt Roland Ray ausführlich Otto Abetz und die deutsche Botschaft als eine aktive und teils treibende Kraft der Judenverfolgung in Frankreich.

282

Jürg Altwegg, „Der Mythos der Resistance bröckelt“ 20.3.1981 Wochenzeitung die ZEIT:

„In wöchentlichen Sitzungen (…) legte Abetz die redaktionellen Richtlinien fest — ziemlich direkt wurden etwa 50 Zeitungen und Zeitschriften überwacht. Der gesamte Vertrieb war in deutscher Hand. Mehrere Organe hatten es vorgezogen, ihr Erscheinen einzustellen, andere waren in die Vichy-Provinzen umgezogen, wo die Zensur zuweilen weniger scharf gehandhabt wurde. So wurde Paris in kürzester Zeit germanophil.“

„Die Presse wurde nicht durch Terrormaßnahmen, sondern mit den subtileren Mitteln der Verführung und Korruption ‘gleichgeschaltet’. Zudem überwachten die Deutschen die einzige Nachrichtenagentur, über die alle Informationen kamen.“

Siehe auch 311 Eckard Michels, Seite 116 bis 130. Michels beschreibt die weitreichenden Vollmachten von Abetz und die Kompetenzüberschneidungen mit Goebbels, der später an Einfluss gewann.

282b ebenda

„In einem Verhör durch die amerikanische Armee gab Schleier nach dem Krieg an, Abetz hätte für die kulturelle Propaganda eine Milliarde Francs ausgeben können. In seiner Aufzählung der “subventionierten” Institutionen finden sich Zeitungen, vor allem aber Theater und politische Gruppierungen. Die Presse wurde nicht durch Terrormaßnahmen, sondern mit den subtileren Mitteln der Verführung und Korruption “gleichgeschaltet”.“

283

aus Akten der SS und Militärverwaltung, die Klarsfeld veröffentlichte, zitiert nach dem Buch „Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?“ Roland Ray Studien zur Zeitgeschichte, Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band, Oldenbourg Verlag München 2000, Seite 361 und Fußnote 125 daraus, “ Judenfrage in Frankreich und ihre Behandlung“, pag.26f.; IMT, RF-1207, Aktenvermerk Storz (Militärverwaltung), 10.6.1941; AN, AJ 40/548, Aufzeichnung Dannecker vom 22.2.1942, abgedruckt Klarsfeld, Vichy-Auschwitz, S. 371 ff.

Um die in den Quellen genannte Dienstagsrunde im Deutschen Institut mit einem Schwerpunkt Zensur und der späteren Dienstagsrunde zur Judenfrage genauer zu unterscheiden, hier erweiterte Hinweise zur Quellenlage: Bei Michels „Deutsches Institut“ S. 127 Hinweis auf die Dienstagsrunde in Eptings Deutschen Institut, demgegenüber bei Klarsfeld „Vichy – Auschwitz“ Erwähnung der Dienstagsrunde zur Judenfrage in mehreren Dokumenten, der Ortshinweis ist hier nur indirekt angedeutet, so z.B. Prozessakten zu Abetz in einem Brief von Zeitschel vom 11.3.1942 (Klarsfeld „Vichy Auschwitz“ S. 375) die Erwähnung „der üblichen Dienstagstreffen beim SD“.

284

„Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 30

Schließlich als neu ernannter Botschafter bei Hitler auf dem Berghof persönlich für die Machtbefugnisse seines Freundes Eptings einsetzte (3.8.1940).

Zu Karl Eptings Aufgaben in Paris gehörten neben Razzien gegen jüdische Kunsthändler auch Kunstraubzüge in Schlössern und Museen. Er besorgte dem Kunstsammler Gurlitt, der bald danach Sonderbeauftragter für das Führermuseum wurde, das Visum und die Raubkunst. Auftraggeber von Gurlitt war unter anderem das Propagandaministerium, wie Epting 1943 schrieb 264.

285

„Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?“ Roland Ray, Studien zur Zeitgeschichte, Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band 59, Oldenbourg Verlag München 2000, S. 341

286

das Deutsche Institut in Paris 1940-1944 von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, S.31 mit Fußnote 77, AN-F7 (police Générale ) Bd. 15307, Rapport sur l’organisation de la propagande allemande d 1933 à 1939 vom September 1945.

287

Aufzeichnung, 21. August 1941 für Herrn Botschafter, bei: Serge Klarsfeld: Vichy – Auschwitz, Neuauflage 2007, S. 390 (CDJC V-8)

sowie Süddeutsche Zeitung, 10. Dezember 2010, Seite 13
Unser Buch hat den Nerv getroffen
Diplomaten im Nationalsozialismus: die unabhängige Historikerkommission antwortet ihren Kritikern, von Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Mosche Zimmermann

Der Wikipedia-Artikel zu Carltheo Zeitschel zitiert aus 10 und 11 wie folgt:

“Die Unabhängige Historikerkommission – Auswärtiges Amt stellte in „Das Amt“ 2010 und im Echo auf das Buch klar, dass die Rolle der Pariser Botschaft und des AA beim Vorantreiben der Shoah bisher unterschätzt wurde. Zeitschel gab Abetz bereits im Spätsommer 1941 ein Memorandum mit auf den Weg nach Berlin, in dem er vorschlug, die Vernichtung oder Sterilisierung der europäischen Juden vorzunehmen, mit dem Ziel, dass sie “über 33 v. H. ihrer Misboche” durch diese Maßnahmen verlieren.”[10][11]

In Berlin traf Abetz mit diesem Memorandum mit Ribbentrop und Hitler zusammen, und zwar unmittelbar vor Hitlers Beschluss zur Deportation von Juden aus Deutschland.

288

Ebenda (Klarsfeld/ Conze) sowie

Roland Ray: Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers? Otto Abetz und die deutsche Frankreichpolitik 1930–1942. München 2000, ISBN 3-486-56495-1, biografische Daten zu Zeitschel dort S. 371

Das Amt und die Vergangenheit: Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes und Mosche Zimmermann, Blessing, München, 2010

Auszug bei Conze: “spätestens seit den wichtigen Arbeiten von Christian Gerlach und Peter Klein ist die zentrale Bedeutung der Septembermitte 1941 für die Radikalisierung und Dynamisierung der Lösung der Judenfrage klar. Wir wissen, dass der Entscheidung Hitlers vom 17. September 1941 zur Deportation der deutschen Juden unter anderem eine Besprechung mit Otto Abetz, dem Botschafter in Paris und mit Ribbentrop vorausging. Auch ein Treffen Ribbentrops mit Heinrich Himmler fand am 17. September 1941 statt. In welche Richtung die Vorstellungen von Abetz bei seinem Treffen mit Hitler am 16. September 1941 gingen, können wir den Aufzeichnungen seines Pariser Juden Referenten Carltheo Zeitschel entnehmen, die dem Botschafter vor dessen Treffen beim Reichsminister und beim Führer vorliegt) Als Reaktion auf ‘Germany Must Perish’, das Buch eines amerikanischen Juden, das die deutsche Botschaft in Washington bei seinem Erscheinen 1940 Joseph Goebbels zugeschickt hatte, schlug Zeitschel vor, “die Vernichtung oder Sterilisierung der europäischen Juden” vorzunehmen, so dass sie “über 33 v. H. Ihrer Misboche durch diese Maßnahmen verlieren”. Zeitschel war ein Beamter des Auswärtigen Amtes, nicht des Reichssicherheitshauptamtes.
Auch ohne ein Protokoll der Unterredungen zeigt die Sequenz der Ereignisse eindeutig, worum es ging und wie die Entscheidungsfindung verlief: unter wesentlicher Beteiligung des AA. Das seit dem 17. September 1941 das Ende des deutschen Judentums besiegelt war, ist offenkundig.”

288-b Serge Klarsfeld Vichy – Auschwitz. 1989, S. 390 (Dokument V-8).

290 Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989. 3. Auflage. Dietz, Bonn 1996, insbes. S. 150-164 u.d 247 ff. zu seiner prägenden Rolle ion der SS

291 „Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?“ Roland Ray, Studien zur Zeitgeschichte, Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, Band 59, Oldenbourg Verlag München 2000, Seite 342

293

Aus: Strahlungen, Ernst Jünger, erst Ausgabe 1949, Klett – Cotta, Stuttgart 1994, dritte Auflage 1998

Ernst Jünger, Tagebücher

Paris, 7. Dezember 1941
„Nachmittags im Deutschen Institut. Dort unter anderem (Céline), groß, knochig, stark, ein wenig plump, doch lebhaft in der Diskussion oder vielmehr ein Monolog. Er spricht mit dem in sich gekehrten Blick und manischen Augen, die wie aus Höhlen hervorleuchten. Er sieht nicht mehr nach rechts und links; man hat den Eindruck, dass er auf ein unbekanntes Ziel zu schreitet. (…) er sprach sein Befremden, sein Erstaunen darüber aus, dass wir Soldaten die Juden nicht erschießen, aufhängen, ausrotten – sein Erstaunen darüber, dass jemand, dem die Bajonette zur Verfügung stehen, nicht unbeschränkten Gebrauch von ihnen macht. (…) ‘wenn ich Bajonette hätte, ich würde wissen, was ich zu tun hätte’ (…) Es war mir lehrreich, ihn derart zwei Stunden wüten zu hören (…) Merkwürdig, wenn solche Geister von der Wissenschaft, der Biologie, sprechen (…) es wird ihnen ein reines Mittel, andere zu töten, daraus (…) sie geben sich dann dem Genuß des Tötens hin; und dieser Trieb zum Massenmorde war es , der sie von Anfang an dumpf und verworren vorwärts zwang.“

Im Tagebuch ist hier von Ernst Jünger ‘Merline’ genannt, im Personenregister zum Tagebuch wird dieser Name als Céline entschlüsselt, wie auch aus einem nachfolgenden Tagebucheintrag hervorgeht. Der richtige Name ist daher in Klammern in das Zitat eingesetzt.

Siehe auch Spiegel von 6.6.1994, „Ein lumpiges Leben
Zitat es Untertitels: Nach mehr als 40 Jahren lüftet der Schriftsteller Ernst Jünger ein Geheimnis: Hinter seinem Tagebuchporträt eines antisemitischen Franzosen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verbirgt sich der Autor Louis-Ferdinand Celine. Geniale Romane – und rassistische Tiraden hatten den zweifelhaften Ruhm Celines begründet.
Der Artikel enthält auch Auszüge aus dem Brief von Jünger an Helmut Krausser

294 ebenda, Ernst Jünger Tagebücher

Paris, 8. April 1942
„Essen bei Lapeyrouse mit Epting und (Jaques Benoist Méchin), dessen Gesicht stark an dämonischen Charakter gewonnen hat. Es hat die Heiterkeit verloren zu Gunsten der dunklen Leuchtkraft Luzifers. Er führt aus, dass bald in Frankreich Blut fließen müsse, und zwar gleich einen Aderlass,der den Patienten stärkt. Sorgfältig sei zu untersuchen, wem dieser Eingriff treffen müsse; was ihn betreffe so sei er sich über den Kreis, der dafür infrage komme, durchaus klar. Den Eindruck hatte ich freilich auch.“

Im Tagebuch wurde Benoist Méchin von Ernst Jünger ‘Gros-Meunier’ genannt, im Personenregister zum Tagebuch wird dieser Name als entschlüsselt, der richtige Name ist daher in Klammern in das Zitat eingesetzt. Méchin war ein französischer Kollaborateur mit politischen Aufgaben, der stark mit Hitler sympathisierte.
Für ihn war die Vichy-Regierung und Pétain nicht hitlerfreundlich genug. Er unterstützte Laval, der auf Drängen von Otto Abetz April 1942 erneut zum Ministerpräsidenten ernannt wurde. Laval unterstützte die Deportation von Juden.

Ein Foto zeigt Méchan bei einer Konferenz zwischen SS-Arzt Conti, der die Gaskammern erprobte, und Karl Epting.

Ende März wurden bereits über Tausend Juden aus Paris nach Ausschwitz gebracht, es folgten danach immer mehr.

Anfang April 1942, als Ernst Jünger den obigen Tagebucheintrag schrieb, drängte Otto Abetz die Regierung in Vichy, Laval als Ministerpräsidenten wieder einzusetzen, mit dem die Beschlüsse der Wannseekonferenz vom Januar und die Deportationen schneller umgesetzt werden können und trieb ab Mai die Umsetzung des Judensterns voran. Méchan gehörte zu den engeren Kollaborateuren mit politischen Aufgaben, die Abetz und Laval unterstützten (siehe Lambauer u.a.). Die Deportationen von Juden wurden in dieser Zeit auch immer wieder als Vergeltungsmaßnahmen ins Spiel gebracht.

294b

Am 18. Juli 1942 schreibt Ernst Jünger in sein Tagebuch:

“Gestern wurden hier Juden verhaftet, um deportiert zu werden – man trennte die Eltern zunächst von ihren Kindern, so daß das Jammern in den Straßen zu hören war.”

Am 22.April 1943 beschreibt Jünger nochmals Céline mit grausamen Anekdoten und Benoist-Méchin, den eine „dämonische Erregung“ verzehre und über den Genuß der Machtentfaltung philosophieren möchte.

 

295 Ernst Jünger Tagebücher

Paris, 8. Juli 1943
„Abends bei Doktor Epting; ich sah dort auch Marcel Déat und seine Frau. (…) Déat, den ich zum ersten Mal sah, zeigte Merkmale, die ich schon an verschiedenen Menschen beobachtete, doch denen ich einen bestimmten Namen noch nicht geben kann. Es handelt sich um einschneidende moralische Prozesse, die physiognomisch, und zwar vor allem an der Haut, sichtbar werden, in dem sie ihr bald einen pergamentenen, bald einen abgebrühten, auf jeden Fall aber vergröberten Charakter verleihen. Das Streben nach Macht um jeden Preis verhärtet den Menschen, zugleich wird er im dämonischen Bezirk angreifbar. Man spürt diese Aura; sie wurde mir besonders deutlich, als er mich nach dem Aufbruch in seinem Wagen nach Hause brachte. Auch ohne die beiden stämmigen Herren, die man den ganzen Abend nicht gesehen hatte und die sich nun neben dem Chauffeur sitzen, hätte ich gespürt, dass die Fahrt nicht unbedingt sicher war. Gefahr in schlechter Gesellschaft verliert den Reiz.“

Marcel Déat  war bereits vor dem Einmarsch der Deutschen rechtsextrem, forderte von seiner Regierung, Frankreich nach faschistischem Vorbild umzubauen.
Nach dem Einmarsch diente er sich den deutschen Besatzern an. Während der Besatzungszeit hatte er über eine Bildungsvereinigung großen Einfluss und versuchte, eine stärkere nationalsozialistische Beeinflussung in den Schulen durchzusetzen (siehe u.a. Paradoxe Biographien – Wirre politische Seitenwechsel im Frankreich der 30er Jahre von Alexander Emanuely, Context XXI, 7/2002 ).

Zusammenfassende Kommentierung zu Ernst Jünger

Die Haltung von Ernst Jünger blieb zwiespältig. Er war zuerst von Hitler beim Putsch 1923 begeistert, dann aber enttäuscht, als Hitler aus seiner Sicht ‘bürgerlich’ wurde und über den legalen Weg der Wahlen an die Macht kommen wollte. 341 Später zog sich Jünger auf die Rolle des kühlen Beobachters zurück. Im Zweifelsfall nahm er aber doch offen Partei – und zwar für die Täter, wie die Unterstützung für Abetz und Céline nach dem Krieg zeigte.

Bereits 1930 veröffentlichte Ernst Jünger als Herausgeber der Zeitschrift „die Kommenden“ mit Werner Lass in prominenter Aufmachung eine langen, antisemitischen Kampftext von Ernst Rohde (siehe Steffen Martus, „Ernst Jünger“ Verlag J.B. Metzler, Stuttgart /Weimar 2001, Seite 57)

296

Abetz als treibende Kraft der Verfolgung der französischen Juden, der zu baldigen Deportation drängt, auch in persönlichen Besuchen bei Hitler und Himmler wie im September 1941, wird von Barbara Lambauer in ihrem 800-Seitenwerk „Otto Abetz et les Francais“ ausführlich beschrieben.

Barbara Lambauer
Der deutsche Botschafter Otto Abetz und die Judenverfolgung in Frankreich (1940 – 1942)
Vierteljahrhefte für Zeitgeschichte 53. Jahrgang, Heft 2,2 1005, herausgegeben von Karl Dietrich Bracher und Hans Peter Schwarz und Horst Müller, Institut für Zeitgeschichte Oldenbourg.

Barbara Lambauer, „Otto Abetz et les Francais“, Verlag Fayard, 2001

297

Günther Haase
Kunstraub und Kunstschutz
Anton Lettenbauer Druckerei Hamburg
Georg OlmsVerlag Hildesheim, 1991, Copyright G. Hase 1991
Seite 78
“Über den Umfang der Beschlagnahmen in Frankreich gibt es, trotz teilweise chaotischer Verwaltung beim ERR, hinreichend Unterlagen, so dass darüber konkrete Aussagen möglich sind.
Die Beschlagnahmen des ERR in Frankreich beliefen sich auf nicht weniger als 21.903 Objekte aus 203 Sammlungen. Dabei entfielen auf die Sammlungen Rothschild allein 5009 Objekte (…) ”

298

Bernhard Brunner, Der Frankreich-Komplex, die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, Mai 2007, Copyright 2004 Wallstein Verlag, Göttingen:
Seite 42-43
“auch wenn er und seine Apologeten nach dem Krieg behaupteten, eine generell frankreichfreundliche Politik betrieben und in der ‘Judenfrage’ eine mäßigende Haltung angenommen zu haben, so besteht nach heutigem Wissensstand kein Zweifel daran, dass gerade Abetz und seine Mitarbeiter bei der Verfolgung der Juden eine treibende Rolle spielten.43 Die Botschaft verfügte mit Carltheo Zeitschel sogar über einen eigenen ‘Judenreferenten’,der als einer der Motoren der ‘Endlösung in Frankreich’ bezeichnet werden kann.44 (…)insgesamt waren nach staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nachweislich 25 Personen bei der Deutschen Botschaft in Paris mit der Judenfrage beschäftigt.45 in erster Linie ist hier Ernst Achenbach zu nennen, der im Nachkriegsdeutschland als Anwalt und Politiker eine breit angelegte Kampagne zur Amnestierung von NS-Verbrechen betrieb und so eine Schlüsselfigur der Wiedereingliederung ehemaliger NS – Größen wurde.”

 

299
Lynn H. Nicholas
Der Raub der Europa. Das Schicksal europäische Kunstwerke im Dritten Reich. Knaur Verlag, März 1907 und 90 Copyright 1995 für die deutschsprachliche Ausgabe Kindler Verlag, München, Originalausgabe ‘The Rape of Europe”, Alfred A. Knopf, New York, 1994

Das Wehrmachtskommando berief 1940 einen Zivilisten zum Kunstschutz in Frankreich. Seite 162-163:
“Die Leitung wurde dem angesehenen Kunsthistoriker Graf Franz Wolff-Metternich übertragen, der noch kurz zuvor als Kurator der Rheinprovinz tätig gewesen war. Dieser Nachkomme des berühmten gleichnamigen Staatsmannes, der die Neugestaltung Europas nach dem Sieg über Napoleon so nachhaltig mitgeprägt hatte, war ein frankophiler Mensch mit vielen Beziehungen in Frankreich.(…) er selbst blieb Zivilist und war nicht dem lokalen Kommandanten, sondern direkt dem Oberkommando unterstellt.
Der Schutz von Denkmälern und Kunstwerken war in den Richtlinien der Wehrmacht vorgesehen, und die Streitkräfte waren angewiesen, die Artikel der Haager Konvention aus dem Jahre 1907 zum Schutz von privat Eigentum einzuhalten.”

300
Lynn H. Nicholas
Der Raub der Europa. Das Schicksal europäische Kunstwerke im Dritten Reich. Knaur Verlag, März 1907 (siehe 299)
Abetz sandte seine Helfer aus und diese (Zitat Seite 169) “zwangen die Lagerverantwortlichen mit vorgehaltener Waffe, Kisten zu öffnen, und rissen in den Büros der obersten Museumsverwaltung die noch unvollständigen Listen aus den Akten.” Anmerkung 24, NA, RG 260 / 411 “Zusammenarbeit der Chefs der

Militärverwaltung(…)”, Bericht 13. September 1940

301

Bernhard Brunner
Der Frankreich – Komplex
Die nationalsozialistischen Verbrechen in Frankreich und die Justiz der Bundesrepublik Deutschland
Wallstein Verlag, Göttingen 2004, S.121
Zitat:
“Ähnlich dubios, wenn gleich wirkungsvoller waren die Bemühungen des von Achenbach gegründeten “vorbereitenden Ausschusses zur Herbeiführung einer Generalamnestie”, in dem sich auch Werner Best betätigte.63 Offenbach hatte sich schon für die Begnadigung des in Paris im Jahr 1949 zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilten ehemaligen Botschafters Otto Abetz eingesetzt. 64 Abetz hatte sich in einer apologetischen, alle heiklen Themen auslassenden Autobiografie in ein sehr mildes Licht gesetzt. Das Manuskript wurde als Kassiber aus dem Pariser Gefängnis Cherche-Midi geschmuggelt, Abetz’ ehemalige Mitarbeiter und Freunde sorgen für seine Verbreitung.65 Karl Epting veröffentlichte das Werk trotz alliierter Proteste in dem von ihm geleiteten Grabert-Verlag, Ernst Achenbach versah es mit einem Vorwort.”

Hinweise von Zeitsprünge Heilbronn: Zur genannten Autobiographie von Otto Abetz mit dem Vorwort von Achenbach konnte bisher folgender Titel als Originalausgabe von 1951 gefunden werden: „Das Offene Problem – ein Rückblick auf zwei Jahrzehnte deutscher Frankreichpolitik“, Otto Abetz, mit einer Einführung von Ernst Achenbach, Greven Verlag Köln. Eine Veröffentlichung im Grabert Verlag konnte bisher nicht belegt werden. Eptings Arbeit für den Greven-Verlag ist belegt. Bernhard Brunner ist hier möglicherweise eine Verwechslung von Greven-Verlag mit Grabert Verlag unterlaufen.

302

Minute 41:05 : Prozess gegen Otto Abetz – alte Wochenschau Auschnitt als Teil des Dokumentarfilms über die Deutsche Botschaft in Paris im Palais Beauharnais vom 19. Jhd. bis zur Gegenwart.

Das Palais Beauharnais

Regie: Lukas Schmid, Drehbuch:Lukas Schmid und Barbara Wackernagel-Jacobs
Produktion Carpe Diem Film & TV /Barbara Wackernagel-Jacobs, www.carpediem-filmproduktion.de

Ab Minute 40 folgt eine kurze Passage über die Episode im Dritten Reich.

Ab 40:10 die Ära Abetz

Ab 41:05 ein Bericht über den Prozess gegen Abetz

303

Die polnische Botschaft: während der deutschen Besatzung etablierte Epting hier sein Deutsches Institut. Der Dokumentarfilm über die polnische Botschaft der Gegenwart zeigt die repräsentativen historischen Gebäude

304

Zur erwähnten Denkschrift: Zitat und Daten bei Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. S. 209.

305

Bisher identifiziert wurde die folgende Publikation von Friedrich Grimms im Grabert-Verlag:

Unrecht im Rechtsstaat: Tatsachen und Dokumente zur politischen Justiz, dargestellt am Fall Naumann.“ Verlag der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung, 1957, Grabert Verlag.

Es können noch mehr Titel Grimms im Grabert-Verlag erschienen sein, teilweise publizierte er auch in anderen rechtsextremistischen Verlagen.

306

So wird April 1942 auf Drängen von Otto Abetz Laval,erneut Ministerpräsident. Laval unterstützte die Deportation von Juden. Siehe u.a. Biographie von Laval

307

Ulrike Hartung: Raubzüge in der Sowjetunion. Das Sonderkommando Künsberg 1941–1943. Herausgegeben von der Forschungsstelle Osteuropa. Edition Temmen, Bremen 1997

Anja Heuß: Die „Beuteorganisation“ des Auswärtigen Amtes. Das Sonderkommando Künsberg und der Kulturgutraub in der Sowjetunion. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 45, H. 4, 1997, ISSN 0042-5702, S. 535–556 (PDF).

Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann : Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik. Verlag Karl Blessing, München 2010S. 214 ff.

 

Biographie von Künsberg und Sonderkommando Kühnsberg

308

Friedrich Sieburg – Ästhet und Provokateur: Eine Biographie

von Harro Zimmermann , Wallstein Verlag 2015

‘Dabei ist Epting durchaus ein Hardliner und Scharfmacher, der Frankreich gelegentlich mit offener Gewalt droht, behauptet, das Land begünstige die “Emigranten als Hintermänner der antideutschen Propaganda, der Goethe für so deutsch hält wie ein “SA-Mann” und immer wieder den Heroismus der Nazis gegen das “zerstörte Ideal” der “abgeschotteten”und “übernationalen” französischen Kultur auszuspielen versucht.’

310

„Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 118

Michels beschreibt hier die typischen Kompetenzüberschneidungen und Konkurrenz zwischen Machtbereichen im NS-Staat, hier z.B. Goebbels und das Propagandaministerium einerseits, der deutschen Botschaft und Abetz vom Außenministerium andererseits.

311

„Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 116

Mit der Ernennung zum Botschafter am 3.8.1940 erhält Otto Abetz neben der ausschließlichen Behandlung aller politischen Fragen für beide französische Zonen die politische Leitung von Presse und Rundfunk, dazu Fußnote 330 ADAP Serie D Bd 3 Dokument 282 (Ribbentrop an Chef des OKW am 3.8.1940), S.334

Später konkurrierte die Propagandaabteilung von Goebbels, die in Frankreich z.B. die Vorzensur vieler Veranstaltungen des französischen Kulturlebens übernahm. Michels zitiert Goebbels , der einer seiner Offiziere wegen mangelnder Durchsetzungsfähigkeit gegenüber der Botschaft als „vollkommene Niete“ bezeichnet und erkennen lässt, dass sich Abetz und Epting ihren Einfluß bewahrten, was durch die fehlende Landeskunde von Goebbels Leuten begünstigt wurde. Epting beschreibt sie im Wesentlichen als Trottel (Seite 118). Später gewann Goebbels nach Michels wieder mehr Einfluß (Seite 119, Vgl Boelke S 31ff)

312

„Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993, Seite 58, mit Fußnote 152 Aufzeichnung über die Begründung eines deutschen Kulturinstituts in Paris vom 20.7.1940

313

zu den Dienstags-Treffen siehe Seite 126 in „Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

314

zu Eptings Vorstoß vom Dezember 1941, jüdische Autoren in französischer Sprache zu verbieten, siehe Seite 126 /127 in „Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944“ von Eckart Michels, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

315

Beate Baldow: Episode oder Gefahr? Die Naumann-Affäre. Diss. phil. FU Berlin, Berlin 2012 S. 313 ff.
Kristian Buchna: Nationale Sammlung an Rhein und Ruhr: Friedrich Middelhauve und die nordrhein-westfälische FDP 1945–1953 ,Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 101. Oldenbourg, München 2010
Günter J. Trittel: „Man kann ein Ideal nicht verraten …“. Werner Naumann – NS-Ideologie und politische Praxis in der frühen Bundesrepublik. Wallstein, Göttingen 2013

Siehe auch hier: Naumann-KreisErnst Achenbach, Werner Best, Friedrich Grimm

316

aus: Stimmt ! (Jugendmagazin der Heilbronner Stimme) Als die Oberschüler streikten, 24.4.2010 Autor: ger

 

317

aus: Wandel und Kontinuität – 50 Jahre Theodor Heuss Gymnasium – 380 Jahre Gymnasium, Festschrift des Gymnasiums aus dem Jahr 2000

Rainer Blessing: Über Bildung und Erziehung am Gymnasium, Seite 111

318 ebenda, Rolf Hackenbracht: Was eigentlich heißt es, wenn wir von unserem Gymnasium als einem humanistischen sprechen? , Seite 119

319

Schatzkammer Salzbergwerk, Seite 93-94, Christhard Schrenk, Stadtarchiv Heilbronn 1997

319-2

ebenda, Seite 93, Zitat:

“Die weiteren Untersuchungen zeigten, dass von den Beständen der Direktion der oberrheinischen Museen und der Kunsthalle Karlsruhe mehr als 150 Gemälde und fast 300 grafische Blätter illegal erworben worden waren 73. Am 11. Oktober 1945 gingen davon 101 Gemälde in 29 Kisten auf vier Lastwagen an die Kunst Sammelstelle Wiesbaden. (…) im Anschluss daran wurde begonnen, die zweite Wiesbadener Sendung vorzubereiten. Hierfür wurden insbesondere die Krefelder uns die Kölner Bestände durchsucht und dabei Gemälde von Auguste Renoir, Gustave Courbet, Claude Monet, Maurice Utrillo und anderen Meistern identifiziert, die 1941 in Frankreich erworben worden waren. Entsprechendes traf auf eine Sammlung (15 Kisten) von Marmor-Aufsätzen, Spiegeln, Vasen und Lampen zu, welche der Kölner Kunsthändler Georg Fahrbach in Frankreich gekauft hatte 76. Als gleichfalls unrechtmäßig wurden eine Kiste mit wertvollen Manuskripten und russischen Ikonen sowie Werke von Guido Reni, Jan Breugel, 77 und Peter Paul Rubens eingestuft.”
Anmerkungen dazu:
73 ein genaues Verzeichnis dieser Werke – Z. B. Aus dem ehemaligen Besitz von Siegfried Reiss – ist erhalten geblieben: HStA Stuttgart, RG 260 OMGWB 12/8-3/13 (3 of 6; 4 of 6)
74 StA Ludwigsburg, EL 402 Heilbronn lfd. Nr. 238, Berichte an MFA & A: Weekly MFA & A Report vom 18. Oktober 1945.
75 HStA Stuttgart, RG 260 OMGUS 3/438-1/11 (2 of 2): MFA & A Collecting Point Report for the Month of March, 28. März 1946

321

Das Robert-Mayer-Gymnasium im Spiegel des 20. Jahrhunderts, Bilder und Texte zur Geschichte der Anstalt, Dezember 2007, Heilbronn, Arbeitskreis Schulgeschichte in Verbindung mit dem Förderverein des Robert-Mayer-Gymnasiums, Seite 51

322

Als CDU-Generalsekretär gab Thomas Strobl ein Parteiliederbuch mit dem Panzerlied heraus, Landserromantik nach der Melodie eines alten SS-Gassenhauers, das später alle übersehen haben wollen. Als Proteste der Opposition laut wurden, das Heft aus dem Verkehr zu ziehen, antwortete Strobl, er wolle keine Bücherverbrennungen. Wie unpassend eine solche Replik in diesem Zusammenhang ist, lässt sich ermessen, wenn man einen Blick auf das ursprüngliche Panzerlied hier wirft , sowie der textkritische Vergleich mit der Version im CDU-Liederbuch hier.323 Ministerpräsident Oettinger ließ schließlich die Hefte einstampfen und Strobl entschuldigte sich. 322

siehe Süddeutsche Zeitung , 17.5.2010, „Oettinger, das Liederbuch und die Nazis“, © dpa/Bernward Loheide/AFP/vw

Frankfurter Rundschau, „Mein lieber Herr Gesangsverein“ von Gabriele Renz und Volker Schmidt, 3.4.2009

Spiegel , 3.4.2009, Oettingers Problem mit dem Wehrmachtslied, Veit Medick

323

aus: Jüdisches Leben online, Hagalil.com , 3.4.2009 Titel: „Lied.gut.“: Vor Dummheit geschützt? von David Gall

324

„Landschaft mit brennender Stadt“ von Herri Met de Bles aus dem Jahr 1500.

siehe Bosten Fine arts Museum, Eintrag zu „Landscape with burning city“, 1500, Informationen zur Provenance, http://www.mfa.org/collections/object/landscape-with-burning-city-32987

In den letzten Wochen des Dritten Reichs wollte Göring das Gemälde wie andere Teile seiner Sammlung nach Berchtesgaden bringen lassen, auf dem Weg wurden Teile der Transporte von Alliierten abgefangen, Teile gelten wegen Plünderungen u.a. als vermisst, ungeklärt auch die Odyssee dieses Gemäldes. Siegfried Aram will es von einem New Yorker Restaurator erhalten haben, auf Nachfrage soll er widersprüchliche Informationen zur Herkunft erhalten haben, die als fingiert (wörtlich “fabricated”) eingestuft werden, wie das Boston Fine Arts Museum mitteilt, in deren Sammlung sich das Gemälde ungeklärter Provenance derzeit befindet. 324

325

väterliches Züchtigungsrecht § 1626 BGB erweitert 1. Juli 1958 mit dem Gleichberechtigungsgesetz, siehe auch die Geschichte der Körperstrafe

326

Bilder des ehemaligen KZ-Häftlings Mieczyslaw Wisniewski, Gedenkstätte Sandhofen

 

327

Karl Epting, „Gedanken eines Konservativen“, 1977, Hohenstaufen-Verlag

Das gleichnamige Kapitel im Buch “Gedanken eines Konservativen” geht auf den gleichnamigen Vortrag zurück, den Karl Epting im Rotary-Club Heilbronn a. N. am 19.12.1967 hielt und in einer Publikation mit 30 Seiten erschien (Brackenheim, Kohl, 1968)

Zitate aus dem Buch

Im Vorwort macht Epting sein grundlegendes Ziel deutlich, “das aus der Aufklärung hervorgegangene Chaos wieder zu überwinden”. “Es ist nicht Zufall, dass das konservative Denken heute bei der Biologie und Anthropologie (….) beginnt”
Epting möchte konservativ “im radikaleren Sinn” sein, in den “heute tobenden Weltbürgerkrieg um die Grundwerte des Menschseins”.
In drastischen Worten schildert er den Schaden der Aufklärung: “angesichts der beispiellosen Verwüstung, die von den Bewegungen des Jakobinismus, Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus und zuletzt des Freudianismus angerichtet wurde”

Auf der ersten Seite zitiert Epting Julius Stahl, welche Übel und Zerstörungen Liberalismus und das konstitutionelle System gebracht habe und stellt die konservative Idee von Stahl gegenüber, ‘Göttliche Sanktion statt Volkssouveränität’ .
“Es gibt heute keine konservative Gegenkraft gegen die Revolution näher. Wir leben in einem durch und durch jakobinischen Zeitalter.”
„Es muß wieder offenbar werden, dass der Mensch die Aufklärung mit seinem Glauben an den Sieg des Intellekts und an den ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts nicht der Mensch schlechthin ist, dass seine Werte und Werke – selbst die parlamentarische Demokratie – sehr wohl angezweifelt werden können. Es muss ihm, der in 300 Jahren auf dieser Erde eine beispiellose Verwüstung angerichtet hat, wie sie in der Menschheitsgeschichte nie zuvor beobachtet wurde, ein anderes Menschenbild entgegengestellt werden.“

“Voraussetzung der Verwirklichung diesen neuen Traumes von Übermenschen wird allerdings sein, dass sich die Menschen, wie Müller sagt, ‘in ihrer Einstellung zu Fortpflanzung völlig umorientieren’ und dass sie bereit sind, sich selbst und ihre Nachkommen biotechnischen Manipulation auszusetzen, deren Intensität sich heute noch nicht vorstellen läßt.”
„Und dieses Leben, das zu befragen ist, hat seine feste Verortung in einem Volk, in einem Raum und in einer Zeit.
Der Mensch hat einen Anspruch auf sein Volk seine Heimat seine Geschichte, er hat einen Anspruch auf sein Vaterland (…)
Wir haben das Recht, uns auf unsere ganze 1000-jährige Geschichte zu berufen (…)
‘An einem Ross schätzt man nicht die Stärke, sondern die Rasse’ (…) und eines Tages wird man auch in Deutschland zu einer echten Stufung zurückkehren müssen (…)“

In einem nachfolgenden Kapitel über das Vaterbild beschreibt Epting Degenerationserscheinungen aus seiner Sicht:
„Gammler, Provos, Hippies, Kommunarden (…) Unappetitliche Happenings, prostitutionsähnliche sexuelle Schaustellungen (…) in zunehmendem Maße Orgien mit Rauschgift.“
Gefahr komme vom Dadaismus Expressionismus, Bronnen, Werfel, Toller, Sartre, Albert Camus, Marcuse, Freud, die das alte Vaterbild zerstören würden. Diese alte, patriarchale Ordnung gelte es zu erhalten.
„Das irdische und das göttliche Vaterbild stehen in unauflösbarer Wechselwirkung“ betont Epting.

 

328

siehe Karl Epting, „Gedanken eines Konservativen“, 1977

Auf der ersten Seite des Vorwortes schreibt Epting, konservatives Denken beginne heute bei der Biologie und Anthropologie, nennt darunter Illies, Gehlen, Lorenz.

1981 gehörte Illies zum kleinen Kreis der Erstunterzeichner des Heidelberger Manifestes, das unter dem Titel “Rassistische Klänge” von der Wochenzeitung die ZEIT am 8.2.1982 besprochen wurde und in der rechten Szene Bedeutung erlangte, siehe auch hier

Zu Gehlen siehe auch Gerwin Klinger, Kriterion, 1997, S. 26-47
Zucht und Leistung – Arnold Gehlens Anthropologie des NS-Führerstaates

Der Biologe Konrad Lorenz, auf den sich Epting beruft, war Mitarbeiter des rassepolitischen Amtes der NSDAP

siehe auch Konrad Lorenz

„Versagt diese Auslese, mißlingt die Ausmerzung der mit Ausfällen behafteten Elemente, so durchdringen diese den Volkskörper in biologisch ganz analoger Weise und aus ebenso analogen Ursachen wie die Zellen einer bösartigen Geschwulst“, mit den bekannten Folgen, „so müßte die Rassenpflege (…) auf eine noch schärfere Ausmerzung ethisch Minderwertiger bedacht sein, als sie es heute schon ist“, schreibt Lorenz 1940, als bereits die Nürnberger Gesetze erlassen und Millionen Menschen von Verfolgung und Krieg betroffen waren (Konrad Lorenz 1940 zitiert nach Zitiert nach Klaus Taschwer, Benedikt Föger: Konrad Lorenz. Biographie. Wien, 2003 S. 91)

„Die Verfallstypen durchsetzen Volk und Staat dank ihrer größeren Vermehrungsquote (…) in kürzester Zeit.“ Die Ausmerzung sei letztlich einfach zu bewerkstelligen, sobald sie erkannt sei: „Der rassische Gedanke als Grundlage unserer Staatsform hat schon unendlich viel in dieser Richtung geleistet.“

Konrad Lorenz: Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung. Zeitschrift für Tierpsychologie 5, 1943, S. 294.

Noch 1973 schreibt Lorenz, Tumore mit ‘asozialen Zellen’ seien eine passende Analogie zur menschlichen Gesellschaft. Manche Menschen würden zu „Parasiten der Gesellschaft“, was „auf genetischen Verfallserscheinungen“ beruhe, wie er befürchte. (Zitiert aus Taschwer/Föger 2003, S. 234. )

Noch 1988 beklagt Lorenz im Interview, daß „die Gangster sich unbegrenzt und sorglos weiter reproduzieren.“ (Konrad Lorenz in einem Gespräch anlässlich seines 85. Geburtstags, in: Natur, Nr. 11, München 1988)

Besonders rassistische Textstellen von 1940 fanden sich in einer Publikationsreihe, die vorwiegend von Lehrern gelesen wurde, wie die Badische Zeitung unter dem Titel “Konrad Lorenz in Nazi-Diensten” berichtet. Die Universität Salzburg gab 2014 eine Studie in Auftrag und widerrief 2015 die Ehrendoktorwürde für Konrad Lorenz.

Epting zitiert im ersten Kapitel im Weiteren noch Wissenschaftler, die sich mit der genetischen Manipulation des Menschen beschäftigt haben und einen radikalen Eingriff in die Fortpflanzung diskutieren.

Siehe ebenfalls Fußnote 327

 

 

 

329

Auf alten Plänen im Stadtarchiv ist zu sehen, dass die Heilbronner Kasernenanlage so groß war, um von der Karlstraße bis zur Bismarckstraße zu reichen, also die beiden Straßen der alten Gymnasien. Die Moltkestraße bildete die Mittelachse und Paradestraße, auf die der große, symmetrische Hauptbau mit seiner Stadt- und Schauseite ausgerichtet war. Stadtarchiv Heilbronn, Heuss-Datenbank A034-905, Plan der Gesamtanlage 1927.

Sie auch Kapitel Kaserne auf Zeitsprünge Heilbronn http://zeitsprünge-heilbronn.de

330 siehe Biografie Ottmar von Verschuer auf Wikipedia, Zitat daraus: In einer eidesstattlichen Erklärung an Otto Hahn, den von der britischen Militärregierung anerkannten Präsidenten der KWG, schrieb Verschuer am 10. Mai 1946 über Josef Mengele: „Ein Assistent meines früheren Frankfurter Instituts, Dr. M. … wurde gegen seinen Willen als Arzt an das Lazarett des Konzentrationslagers Auschwitz kommandiert; alle, die ihn kannten, bekamen zu erfahren, wie unglücklich er darüber war und wie er unermüdlich Versuche unternahm, ein ablösendes Kommando zur Front zu erreichen, leider vergeblich. Von seiner Arbeit ist nur bekannt geworden, daß er sich bemüht hat, den Kranken ein Arzt und Helfer zu sein.“ – Otmar Freiherr von Verschuer: Eidesstaatliche Erklärung (1946)[32]

 

331 Eugen Fischer

 

Niels C. Lösch: Rasse als Konstrukt. Leben und Werk Eugen Fischers. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1997, 2000

Peter Emil Becker: Zur Geschichte der Rassenhygiene. Reihe: Wege ins Dritte Reich, Band 1. Thieme, Stuttgart 1988

Peter Weingart, Jürgen Kroll, Kurt Bayertz: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt 2001

Sheila Faith Weiss: Humangenetik und Politik als wechselseitige Ressourcen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik im „Dritten Reich“. Reihe: Forschungsprogramm, Band 17. Max-Planck-Gesellschaft, Berlin 2004, PDF.

Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?. S. Fischer, Frankfurt 2003. Als Broschur 3. Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M. 2011, (S. 151f)

 

332 Rheinbastard

Götz Aly: Warum die Juden? Warum die Deutschen? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800–1933. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2012, S. 124.

 

333

Ein weiterer Autor Eptings war der Bakteriologe und Hygieniker Hans Reiter

Hans Reiter war Mitglied der SS, SA und NSDAP-Abgeordneter, Präsident des Reichsgesundheitsamtes, Obmann der Reichsfachschaft Hochschullehrer, Beirat für Rassenpolitik im Reichsinnenministerium, zeitweise auch in Paris, einschlägiger Autor über ‘Rassenhygiene’.

Nach dem Krieg wurde Hans Reiter für medizinische Experimente mit Häftlingen im KZ Buchenwald verurteilt. Für Reiter war der Arzt ein “biologischer Soldat”.(Berliner Universität in der NS Zeit, Rebecca Schaarschmidt, Seite 91)

Ab 1949 praktizierte er wieder als Arzt in Kassel.

siehe auch Ernst Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. 2. aktualisierte Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005

 

334

Karl Epting, Buchtitel: Etat et Santé , aus der Reihe Cahiers de L’Institute Allemand, Verlag Sorlot/Paris 1942, 141 S.,

Autoren: Ottmar von Verschuer, Leonardo Conti, Hans Reiter, Eugen Fischer, Arthur Scheunert.

Angaben bei WorldCat:

Publiés par Karl Epting.

par L. Conti. La Biologie dans la gestion de l’État / par Hans Reiter. L’Image héréditaire de l’homme / par Freiherr von Verschuer. Le Problème de la race et la législation raciale allemande / par Eugen Fischer. La Recherche et l’étude des vitamines au service de l’alimentation nationale / par Arthur Scheunert.

 

335

Foto von Eugen Fischer

Bundesarchiv, Bild 183-1998-0817-502 / CC-BY-SA 3.0

Es folgt die historische Originalbeschreibung, die das Bundesarchiv aus dokumentarischen Gründen übernommen hat (…) Berlin, Kundgebung an der Universität Scherl: Kundgebung der Studenten in der Neuen Aula der Universität gegen Prager Übergriffe. Während der Nationalhymnen. In der Mitte der Rektor Prof. [Eugen] Fischer, links der Führer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, Derichsweiler, rechts Prof. [Franz] Bachér. 1934.

 

336

Zitat von Werner Best “Vernichtung und Verdrängung fremden Volkstums widerspricht nach geschichtlichen Erfahrungen den Lebensgesetzen nicht, wenn sie vollständig geschieht“ aus Werner Best: Grossraumordnung und Grossraumverwaltung. In: Zeitschrift für Politik. 32, 1942, S. 406–412, zitiert nach: Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Beck, München 2009, S. 220.

Werner Best führt aus, “dass die Deutschen auch „ganze Völker dieses Großraums in ihrer gesamten lebenden Substanz vernichten bzw. sie aus dem beherrschten Großraum“entfernen könnten.

Werner Best (Anonymus): Herrenschicht oder Führungsvolk. In: Reich – Volksordnung – Lebensraum. Band 3, 1942, S. 12–139 (Der Aufsatz wurde mit anonymem Verfassernamen abgedruckt), zitiert nach Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989. 3. Auflage. Dietz, Bonn 1996, S. 288.

Zu den Herausgebern der Zeitschrift zählten (…) auch zwei Teilnehmer der Wannsee-Konferenz.

aus : Werner Best

 

 

336b

Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989. 3. Auflage. Dietz, Bonn 1996, S. 485ff.

 

337

Verschuer nahm Mengele zuerst 1937 in seinem Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene in Frankfurt am Main als Assistent auf. Ab 1942 wurde Verschuer Direktor am Kaiser-Wilhelm Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin. Mengele kam 1943 nach Auschwitz.

siehe Biographien von Josef Mengele und Ottmar von Verschuer und nachfolgende Quellen 337b

337b

aus Biographie von Josef Mengele Wikipdia

Einige Zeugen berichten von einer Vielzahl präparierter Augen, die Mengele offenbar auch nach Berlin an das KWI-A zur weiteren Untersuchung schickte. Die Experimente führte Mengele sowohl an Sinti-Kindern wie auch an jüdischen und nichtjüdischen Kindern durch, darunter auch Neugeborenen (Hans Hesse: Augen aus Auschwitz. Ein Lehrstück über nationalsozialistischen Rassenwahn und medizinische Forschungen. Der Fall Dr. Karin Magnussen. Essen 2001, S. 74–77; Kubica, Dr. Mengele, S. 407 f.; Massin, Mengele, S. 247.)

(…) Der Häftlingsarzt Iancu Vexler etwa bezeugt, dass Mengele ihn beauftragte, heterochrome Augen von Angehörigen einer Zigeunerfamilie nach deren Tod zu entnehmen, zu präparieren und nach Berlin zur Untersuchung zu schicken.

(…) Miklós Nyiszli berichtet außerdem von vier Zwillingspaaren, die Mengele am 27. Juni 1944 durch Injektion von Chloroform oder Phenol tötete und deren heterochrome Augen er präparieren ließ.(Massin, Mengele, S. 240.) SS-Oberscharführer Erich Mußfeldt , Kommandoführer des Sonderkommandos KZ Auschwitz-Birkenau, bestätigte dies bereits 1947.

„Als ich zum Dienst erschien, traf ich drei Häftlingsärzte beim Sezieren der Leichen dieser Kinder an. Ich fragte, was das für Leichen waren. Die Ärzte antworteten darauf, daß die Kinder von Mengele mit einer Giftinjektion getötet worden seien, weil sie Merkmale hatten, die Mengele im Zusammenhang mit seinen Forschungen besonders interessierten. Es ging vor allem um die Augenfarbe. Er hatte nämlich festgestellt, daß von den Zwillingspaaren jeder Zwilling ein blaues und ein graues Auge hatte. Bei der Sektion wurden die Augäpfel entfernt und als Ausstellungsstücke nach Berlin geschickt.”

– Erich Mußfeldt: Aussage vom 19. August 1947 (Völklein, Mengele, S. 150.)

 

 

337c

ebenda, Zitat

Besondere Bedeutung für Mengeles weitere Karriere gewann Verschuer. (…) Verschuer trat erst 1940 der NSDAP bei, ließ aber nie Zweifel daran, dass er die nationalsozialistische Rassenhygiene vorbehaltlos unterstützte. So arbeitete er nicht nur zur Vererbung von Krankheiten und deren Erbprognose, sondern gutachtete auch zu rassenhygienischen Zwangssterilisationen und in Prozessen zur sogenannten “Rassenschande” nach den Nürnberger Gesetzen. Mengele, den sein Institutskollege Hans Grebe nach dem Krieg als „Lieblingsschüler“ Verschuers beschrieb, arbeitete an solchen Gutachten mit bzw. erstellte eigene Gutachten.(Benno Müller-Hill: Tödliche Wissenschaft. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988, ISBN 3-499-15349-1, S. 39, 157 ff., zit. 158. Benzenhöfer, Bemerkungen, S. 229.)

Ende des Zitats aus der Biografie von Josef Mengele auf Wikipedia.

Weiteres Zitat aus dem selben Artikel:

“Im Sommer 1936 legte Mengele das medizinische Staatsexamen ab. Nach einem (…) Praktikum (…) trat er auf Empfehlung Mollisons 1937 eine Assistentenstelle[5] am Universitäts-Institut für erbbiologie und Rassenhygiene Frankfurt am Main an, das zu diesem Zeitpunkt von Otmar Freiherr von Verschuer geleitet wurde.[6] Mollison und Verschuer gelten als diejenigen, die Mengeles Interesse für Erbpathologische und rassenhygienische Themen weckten.”

Mengele promovierte dann 1938 zum zweiten Mal unter Verschuer

 

(5) Hans-Peter Kröner: Mengele, Josef. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, S. 969.

(6)Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt am Main 1997, S. 456 f.

 

 

340

Portrait von Otto Abetz, link memoires de guerre

341

Biographie von Ernst Jünger auf Wikipedia, daraus folgende Zitate:

(…) Weiter kommentiert er [im Stahlhelm Jahrbuch 1926] den gescheiterten Hitler-Putsch und die Neugründung der NSDAP:

„Nun, wir haben als Anhänger den plötzlichen Aufstieg dieser Partei erlebt, wir waren in den Novembertagen begeistert dabei, und wir haben den Fehlschlag für einen unerklärlichen Irrtum der Geschichte gehalten. […] Heute, wo wir schon wieder einen kleinen Abstand von den Ereignissen gewonnen haben, sehen wir, daß die Arbeit, die in dieser Partei geleistet wurde, nicht vergebens war.“[43]

Am 29. Januar 1926 sandte er Hitler sein Buch Feuer und Blut mit der Widmung „Dem nationalen Führer Adolf Hitler“, worauf dieser sich persönlich bei ihm bedankte.[44

(…)

Jünger lehnte die Entscheidung Hitlers, nicht auf revolutionärem Wege, sondern im legalen Marsch durch die Institutionen an die Macht zu gelangen, als Konzession an den verhassten „Parteienstaat“ ab.[58] Jedenfalls wandte er sich Ernst Niekisch zu, dessen „nationalbolschewistische“ Konzeption außerordentlich drastisch und strikt antibürgerlich war.[59]

(…)

[Ende der zwanziger Jahre] kam es auch zum offenen Bruch mit Hitler (…) [Ernst Jünger] vermutete, dass Hitler seinen Frieden mit dem Parlamentarismus gemacht habe und fühlte sich in seinem Verdacht bestärkt, dass der Nationalismus durch ein Bündnis mit den Bürgerlichen korrumpiert werde.[68]

Ende des Zitats.

(43) Ernst Jünger: Politische Publizistik 1919–1933. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Sven-Olaf Berggötz, Stuttgart 2001, S. 167–175, hier S. 180 f.

(44) Ernst Jünger: Schließt euch zusammen! In: Ders.: Politische Publizistik 1919–1933. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Sven-Olaf Berggötz, Stuttgart 2001, S. 214 f.

(58) Harro Segeberg: Revolutionärer Nationalismus. Ernst Jünger während der Weimarer Republik. In: Helmut Scheuer (Hrsg.): Dichter und ihre Nation. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1993, S. 327–342, hier S. 329. Zitiert nach Norbert Staub: Wagnis ohne Welt. Ernst Jüngers Schrift Das abenteuerliche Herz und ihr Kontext. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 247.

(59) Heimo Schwilk: Nachwort. In: Ders. (Hrsg.): Ernst Jünger. Leben und Werk in Bildern und Texten. Stuttgart 2010, S. 76.

(68) Zitiert bei Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Siedler, München 2007, S. 269.

 

342

L’antisémitisme de plume 1940-1944 von Pierre-André TAGUIEFF Berg International editeurs, 1999

 

343

Latin Eugenics in Comparative Perspective von Marius Turda,Aaron Gillette , Bloomsbury, London 2014, paperback version 2016 S.217-219

 

344

Human Genetics and Politics as Mutually Beneficial Resources: The Case of the Kaiser Wilhelm Institute for Anthropology, Human Heredity and Eugenics During the Third Reich* SHEILA FAITH WEISS School of Liberal Arts and Sciences Clarkson University Potsdam, NY, 13699-5750

Zitat

(…) in late 1941/early 1942 the German Institute in occupied Paris held a series of talks dealing with issues of health and racial hygiene. Verschuer gave a talk on ‘‘Human Genetics.’’96 Fischer, still director of the KWIA, decided to speak on ‘‘Race and German Racial Legislation.’’ Delivered in French, the goal of the talk was to win approval for Nazi racial policy. The speech, which included a detailed discussion of the Jewish problem, was held only weeks before the infamous Wannsee Conference would slate 165,000 Jews in occupied France for extermination. (….)

344b ebenda, Zitat

Of the numerous cases of research involving the exploitation of victims of concentration and extermination camps as well as euthanasia hospitals during the Third Reich, three definitively involved official members of the KWIA.107

(1) A research project, initiated by Verschuer in 1943 in association with Mengele to investigate ‘‘specific serum proteins.’’ Its aim appears to be to serve as part of larger project to come up with a new serological racial diagnosis that would augment or replace more laborious forms then used in racial and paternity expert testimonies. The blood serum was taken from ‘‘racially diverse individuals’’ in Auschwitz and sent back to Dahlem for peptide analysis by protein serum expert Günther Hillmann of the KWI for Biochemistry (…) 08 (2) Investigations into the genetics of eye pigmentation and iris structure initiated by Magnussen in collaboration with Mengele. Their purpose was to demonstrate the racially determined hereditary differences in iris structure – information that would also serve as the basis of a new ‘‘iris table’’ to replace the outdated ‘‘eye color table’’ used in racial diagnoses.109 Mengele sent at least eight pairs of heterochromatic eyes taken from Sinti families in Auschwitz to the KWIA; it is likely that Magnussen had previously examined, in Dahlem, 106 Sachse and Massin (2000), pp. 24–26. 107 Ibid. 108 Müller-Hill (2000), pp. 189–227. For an alternative interpretation, see Trunk (2003). Schmuhl (2004), appears to corroborate Trunk’s work. 109 Lösch (1997), p. 410; Massin (2003a), p. 251. SHEILA FAITH WEISS76 (…) some of the family members from whom these organs were later extracted before they were deported.110 It is all but certain that Mengele himself killed four pairs of twins from this family so that the eyes could be delivered to Magnussen for her research. (…) According to Miklos Nyiszli, a doctor and concentration camp prisoner at Auschwitz who was forced to work with Mengele, eight pairs of eyes were sent to the KWIA. Massin believes that the total number of pairs sent (not limited to Nyiszli’s account) is higher. Nyiszli (2001), Massin (2003a), p. 240, 243–244. I am grateful to Hans-Walter Schmuhl, who recently completed a book on the KWIA, for clarifying the number of eye pairs in Nyiszli’s account. 111 Klee (2001), p. 370. 112 Sachse and Massin (2000), pp. 36–37; Paul (1996), p. 26. 113 The Fischer quote is taken from Müller-Hill (1998), p. 66. HUMAN GENETICS AND POLITIC

345

Quality and Quantity: The Quest for Biological Regeneration in Twentieth-Century France (Cambridge Studies in the History of Medicine) ,William H. Schneider, Cambridge University Press 1990, Fußnote 2, 13-14, Zitat: see Epting “L’institut allemand francais” Ethnie francaise (1942)

 

346

Eckard Michels, Das Deutsche Institut 1940-44, S. 102, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

 

350

Eckard Michels, Das Deutsche Institut 1940-44, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

Liste der Vorträge im Deutschen Institut mit Datum auf Seite 249

29.1.1941 – Vortrag Otmar von Verschuer „ La doctrine moderne de l’héridité et la légalisation raciale allemande“ (siehe auch Fußnote 390)

9.5.1941 – Hans Reiter, „La biologie dans la gestion de l’état“

15.9.1941 – ‘Reichsgesundheitsführer’ Leonardo Conti, „Deutsche Gesundheitsführung“

5.12.1941 – Direktor des Kaiser-Wilhelm Instituts für Anthropologie Eugen Fischer “La race et la légalisation raciale allemande“

Der Tagebucheintrag von Ernst Jünger zu Céline im Deutschen Institut datiert auf den 7.Dezember 1941.

 

351

Eckard Michels, Das Deutsche Institut 1940-44, Franz Steiner Verlag Stuttgart, 1993

Der Vortrag von Leonardo Conti im Deutschen Institut war am 15. September 1941, wie Michels in seinem Buch über das Institut auf Seite 249 berichtet. Otto Abetz traf Hitler am 16. September 1941, am 17. September fiel die Entscheidung zur Endlösung (siehe hierzu Conze und Biographie von Otto Abetz auf wikipedia) sowie Curilla und Nazi Policy Browning, Cambridge University Press , 2000, siehe auch Fußnote 358 hier)

 

352

Das Amt und die Vergangenheit, deutsche Diplomaten im Dritten Reich und der Bundesrepublik, Autoren Eckhart Conze, Norbert Frei, Peter Heyes, Moshe Zimmermann

Blessing Verlag, 2. Auflage, München 2010

S.191-192

Kurz nach seiner Ernennung zum Botschafter in Frankreich wandte sich Abetz an Werner Best, Vertreter des RSHA bei der Militärverwaltung, und schlug vor, Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung zu ergreifen. „Der Botschafter Abetz“, so berichtete Best im August 1940, „habe angeregt, die Militärverwaltung in Frankreich möge a. anordnen, dass … keine Juden mehr in das besetzte Gebiete herein gelangen werden, b. die Entfernung aller Juden aus den besetzten Gebiet vorbereiten, c. prüfen, ob das jüdische Eigentum im besetzten Gebiet enteignet werden kann.“ 71 Nach seiner Besprechung mit Best bat Abetz um die Zustimmung des Auswärtigen Amtes zur Aufnahme von “antisemitischen Sofortmaßnahmen“. Zur Vorbereitung der Vertreibung der jüdischen Bevölkerung schlug er eine “Meldepflicht“ vor; bis zu ihrer Enteignung sollten jüdische Geschäfte gekennzeichnet sowie Treuhänder in die Geschäfte von geflüchteten Juden eingesetzt werden. Dass sich Abetz offensichtlich der Tatsache bewusst war, dass für die geplanten Maßnahmen jegliche Grundlage fehlte, schob er Sicherheitsgründe vor. 72 Mit Außenpolitik hatte das alles wenig zu tun, aber das kümmerte Abetz nicht (…)
Die von Otto Abetz initiierten Maßnahmen wurden eingeführt, noch bevor das Amt auf die Anfrage seines Botschafters geantwortet hatte, und umfassten alle Juden mit Ausnahme der amerikanischen Staatsbürger. 75

71 Best an Gruppe 1 der Militärverwaltung 19.8.1940 zitiert nach Poliakow /Wulf (1956), S. 103, vgl. Lambauaer (2005) S. 244 ff.
72 Abetz An Reichsaußenminister, 20. August 1940, in: Poliakov / Wulf (1956), S. 104.

siehe auch Barbara Lambauer, “Opportunistischer Antisemitismus”, S. 248

353

Das Amt und die Vergangenheit, deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, Autoren Eckhart Conze, Norbert Frei, Peter Heyes, Moshe Zimmermann

Blessing Verlag, 2. Auflage, München 2010

Zitat aus dem Buch, S. 179-180

„Die in juristischer Hinsicht folgenreichste Konsequenz der Auswanderung, nämlich die Ausbürgerung, wurde ebenfalls unter Mitarbeit des Auswärtigen Amtes in die Wege geleitet; erst die 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom November 1941 verfügte die automatische Ausbürgerung (…)

Wie bei anderen antijüdischen Maßnahmen war auch in diesem Fall Otto Abetz, der deutsche Botschafter in Paris, die treibende Kraft des Ausbürgerungsprozesses. Im Oktober 1940 wandte er sich an das Auswärtige Amt, um ein ‘Kollektivausbürgerungsverfahren’ für deutsche Juden im besetzten Frankreich einzuleiten.“

Deutsche Juden in Frankreich waren teils geflohen, teils auch nach Frankreich deportiert worden, wie das Buch weiter ausführt.

353b ebenda

S.181/182
Im Oktober 1940 wurden Juden aus Altersheimen in Mannheim, Karlsruhe, Ludwigshafen usw. nach Frankreich in plombierten Zügen in KZ in Südfrankreich deportiert, der älteste Deportierte war 97 Jahre alt und kam aus Karlsruhe. Die Opfer bekamen eine Frist zwischen 15 Minuten und 2 Stunden vor der Abholung. Einige Opfer nutzen diese Frist für den Selbstmord.

 

354 Bernhard Müller, “Der Bismarck-Mythos blüht auch in Heilbronn”, Junge Senioren in Heilbronn – Wissenswertes weitergeben.

Dem Bericht nach nimmt Bernhard Müller Bismarck als ‘ehrlichen Makler’ und ‘Friedenspolitiker’ gegen nationalistische Vereinnahmungen in Schutz:

“Der Bismarck-Mythos lebte insbesondere im und nach dem I. Weltkrieg und in der Nazi-Zeit auf, wenngleich Bismarcks Rolle als ehrlicher Makler des Ausgleichs (…) und Friedenspolitikers mit einem komplexen System von Bündnissen, hierzu nicht passen wollte”.

Bernhard Müller, langjähriger Studiendirektor und Fachleiter Geschichte, unterrichtete viele Jahre Geschichte am Gymnasium an der Bismarckstraße und hat wesentlich an der ersten Aufarbeitung der Schulgeschichte mitgewirkt, bei diesen Publikationen wertvolle Arbeit geleistet.

 

355 Stadtchronik Heilbronn 1964-69, Stadtarchiv Heilbronn, 2017

Chronikeintrag vom 6./7. Februar 1969 über die Graffiti am Theodor Heuss Gymnasium und Robert Mayer Gymansium

Chronikeintrag vom 1.März 1969 über die Erzwingungshaft für einen Schüler für das polizeiliche Verhör. Der Schüler war bereits vorher von der Schule relegiert (also ausgeschlossen) worden. An seiner Schule im Vorort tauchten Graffitis auf wie diese: “Hinter den Fassaden ein reaktionärer Laden!”

 

356

Zu Rainer Blessing: er wende sich gegen eine “überdrehte Demokratisierung” der Schule, zitiert ihn die Stadtchronik mit dem prägenden Satz zur Amtsnachfolge von Karl Epting.356

Stadtchronik Heilbronn 1964-69, Stadtarchiv Heilbronn, 2017

Chronikeintrag 8. September

 

357

Der Judenmord in Polen und die deutsche Ordnungspolizei 1939-1945, von Wolfgang Curilla , Verlag Ferdinand Schöningh 2011, Seite 78

 

358

Nazi Policy Browning, Cambridge University Press , 2000,

quoted in https://www.jewishgen.org/yizkor/belzec1/bel030.html#31

During a two-day conference (16th -17th September 1941) Hitler and Himmler decided to deport the Jews from the Greater German Reich to ghettos in Eastern Europe.

 

359

Barbara Lambauer, Opportunistischer Antisemitismus, Der deutsche Botschafter Otto Abetz und die Judenverfolgung in Frankreich (1940-1942), Viertelsjahrhefte zur Zeitgeschichte, Oldenburg, Jahrgang 53, 2005, Heft 2,

Zitat (Seite 248): Abetz verlangte darüber genauere Informationen von Zeitschel, der die Frage an Dannecker weitergab76. Zeitschel sprach von 10.000 Juden, als er den Botschafter vor dessen Abreise in das Führerhauptquartier nochmals daran erinnerte, dass er durch Ribbentrop bei Himmler ihre baldige Abschiebung in die „neubesetzten Ostgebiete” erwirken sollte, „damit wir die einzigsten kümmerlichen Lager […] freibekommen, um weitere Juden internieren zu können” . Zwischen dem 16. und dem 22. September war Abetz im Führerhauptquartier. Dabei hatte er Gelegenheit, sich selbst an den Reichsführer-SS zu wenden und diesem die Situation in Frankreich zu schildern. Himmler versprach ihm auch tatsächlich,dass die in Frankreich internierten Juden des besetzten Gebietes „nach dem Osten abgeschoben” werden könnten, sobald dies „die Transportmittel zulassen”. Zeitschel, der die Nachricht nach der Rückkehr von Abetz sogleich an Dannecker weiterleitete, forderte diesen auf, seinerseits „in dieser Richtung, in der es mir gelungen ist, die prinzipielle Einwilligung des Reichsführers zu erreichen, nicht locker zu lassen und alle paar Wochen einen Bericht nach Berlin loszulassen mit der dringenden Bitte, baldmöglichst die Juden vom besetzten Frankreich abzuschieben” 78 . Damit hatte also die Botschaft den ersten Schritt in Richtung Deportationen aus Frankreich unternommen, und zwar zu einem sehr frühen Zeitpunkt, gerade eben als die Deportationen deutscher und österreichischer Juden bis Ende des Jahres Richtung Osten beschlossen wurden. In keinem anderen besetzten Land in West- oder Nordeuropa kam es so früh zu diesem Schritt. Zitat Ende

359b

ebenda, Seite 259

Zitat: “Für Eichmann wurde damit übrigens das „Madagaskarprojekt durch den deutschen Botschafter in Paris, Abetz, [ …] endgültig zu Grabe getragen“, ja sogar „torpediert“, wie der SS-Mann nach 1945 aussagte. Gleichzeitig räumte er an anderer Stelle freilich ein, dass damit “die Befehlsgebung zur Deportation von Juden aus Frankreich erreicht” war: Die “Triebwellen” dazu kamen ihm zufolge eindeutig aus dem Auswärtigen Amt. 79

Fußnote 79 dazu: zitiert nach Wojak, Eichmann, S.147 S. 153 u.S.160

359c

ebenda, s: 248, siehe auch Conze, Ray, Michels und Michael Mayer

359d

ebenda, S. 250 mit Fußnote : Notiz von Werner Best vom 30.8.1940 in CDJC XXIV-5

359e

ebenda, S. 251

360

ebenda, S.251

Barbara Lambauer, Opportunistischer Antisemitismus, Der deutsche Botschafter Otto Abetz und die Judenverfolgung in Frankreich (1940-1942), Viertelsjahrhefte zur Zeitgeschichte, Oldenburg, Jahrgang 53, 2005, Heft 2

sowie hier

Roland Ray, Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?, S. 359

sowie hier

Michael Mayer, Abhandlung ‘Diplomaten im Krieg: Die deutsche Botschaft Paris und die NS- Unrechtspolitik in Frankreich’, aus: Das Auswärtige Amt in der NS-Diktatur, Johannes Hürter / Michael Mayer (Hrsg.), Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, De Gruyter Oldenbourg, S.182 27.9.1940 – antijüdische Verordnung der Militärverwaltung erscheint

 

362

Karikatur Bismarcks aus dem Figaro, Wien, 5. März 1870.

 

363

zitiert aus „Emil Beutinger“ von Bernard Müller, Arbeitskreis Geschichte, Heilbronn, 2017.

Zitat Seite 5:

„In einem Eintrag in seinem Tagebuch aus dem Jahr 1937 erwähnt Beutinger, dass wir „von unseren Lehrern nur als ‘Steißtrommlern’ und ‘Arschpaukern’ redeten, weil sie uns das, was wir nicht gleich begriffen, von der Rückseite mit Prügeln beibrachten.“ Kein Wunder, dass Beutinger und seine Klassenkameraden (…) diese „Bildungsstätte, eine Prügelanstalt“ möglichst schnell mit dem Einjährigen verlassen wollten: „ uns beherrschte nur ein Gedanke: raus aus der Schule !“

365

„Die Heilbronner Straßennamen“, Reiner Makowski, Herausgegeben von der Stadt Heilbronn, 1. Auflage 2005, Silberburg Verlag Tübingen.

Die Friedensstraße, die es seit 1871 gab, wurde 1948 in Gymnasiumstraße umbenannt.

Die Moltkestraße hieß 1947/48 kurze Zeit Friedrich-Ebert-Straße nach dem ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. Die Bismarckstraße hieß damals kurze Zeit Badenerstraße, der Kaiser-Wilhelmplatz “Platz der Republik”. Bereits 1948 wurden die Straßen und der Platz vor der Schule wieder auf ihre alten Namen umbenannt: Kaiser-Wilhelmplatz, Bismarckstraße, Moltkestraße.

366

Klaus W. Tofahrn, Chronologie des Dritten Reiches, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, Primus Verlag 2003 Frankfurt am Main

Seite 85, Eintrag 3.9.1941

367

am 17. September fiel die Entscheidung zur Endlösung, Massendeportation in den Osten, siehe dazu verschiedene Quellen, u.a. Browning, Nazi Policy Cambridge University Press , 2000, sowie Conze, Curilla, Biographie von Otto Abetz auf Wikipedia sowie Fußnote 358 in der vorliegenden Quellenliste.

368

Daniel Uziel: Wehrmacht Propaganda Troops and the Jews, Shoah Resource Center, The International School for Holocaust Studies, S. 15. (englische Übersetzung des hebräischen Originals in Yad Vashem Studies (29), Jerusalem, 2001, S. 27–65).

La vision nazie de l’histoire: le cinema documentaire du Troisieme Reich, L’age d’homme, ↑Christian Delage, 1989, p. 225

Lionel Richard, Nazisme & barbarie, Bruxelles, Complexe, 2006

siehe auch  Der ewige Jude und  le Juif et la France

369

Michael Mayer, Abhandlung ‘Diplomaten im Krieg: Die deutsche Botschaft Paris und die NS- Unrechtspolitik in Frankreich’, aus: Das Auswärtige Amt in der NS-Diktatur, Johannes Hürter / Michael Mayer (Hrsg.), Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, De Gruyter Oldenbourg,

S. 180 mit Fußnote 13, Aufzeichnungen Mahnke vom 22.8.1940 in : AN, AJ40 548, Bd. 1, Bl. 6 sowie weiterer Quellen in dieser Fußnote.

371 Alchetron

372 Aufnahmen der polnischen Botschaft vom Tag des Kulturerbes

373 Lolwot

375 Quelle Helfand, designobserver

376 Foto Archive History

377 Quelle memoires de guerre

379 Abbildung Musée de la Résistance nationale, Champigny

388 Der Nachfolger Rektor Blessing wendet sich zum Amtsantritt 1969 gegen eine ‘überdrehte Demokratisierung’ der Schule, wie die Stadtchronik Heilbronn festhält.

389

Axel Steiner, Der Fall Martin Heidegger Philosoph und Nazi,Teil 1: Die Bestandsaufnahme

veröffentlicht auf http://www.bildungswerk-messkirch.de

 

390

État et Santé, publies par Karl Epting, Cahiers de L’Institut Allemand, Sorlot, Paris 1942, dritter Beitrag ”L’image heriditaire de l’homme” par Freiherr von Verschuer.

Michels (siehe Fußnote 350) nennt den 29.1.1941 als Tag des Vortrags im Deutschen Institut, damals unter dem Titel „La doctrine moderne de l’héridité et la légalisation raciale allemande“

390a ebenda, S. 72/73

390b ebenda, S. 76

390c ebenda S. 76/77

390d ebenda, Seite 81ff , Eugen Fischer, “La problème de la race et la leégislation raciale en Allemagne”

390e ebenda , S. 100ff

390f ebenda, S. 106ff

390g ebenda , S. 107ff

395 Dokumentarfilm „Der Mann hinter Adenauer“ Hans Maria Globke, WDR /Arte, Bernhard Pfletschinger und Jürgen Bevers , 2009

 

396

Einführung in das Notstandsrecht, Philipp Reimer, Simon Kempny, in Verwaltungsrundschau, 8/2011, S. 253–259.

Kritik der Notstandsgesetze – Mit dem Text der Notstandsverfassung. Hrsg. Dieter Sterzel, Edition Suhrkamp 321, Frankfurt a. M. 1968.

Die Restauration der deutschen Polizei. Innere Rüstung von 1945 bis zur Notstandsgesetzgebung von Falco Werkentin, Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1984

Demokratie in Gefahr? Der Konflikt um die Notstandsgesetze: Sozialdemokratie, Gewerkschaften und intellektueller Protest (1958–1968) von Michael Schneider, Bonn 1986.

Notstand der Demokratie. Der Protest gegen die Notstandsgesetze und die Frage der NS-Vergangenheit von Boris Spernol, Klartext, Essen 2008

siehe auch hier: Notstandsgesetze

 

397

Jürgen Bevers, Der Mann hinter Adenauer – Hans Globkes Aufstieg vom NS-Juristen zur Grauen Eminenz der Bonner Republik, 2009, Ch. Links Verlag mit umfangreichen Quellenauswertung u.a. der Aussagen von Adolf Eichmann

siehe auch Fritz Bauer Archiv http://bit.ly/2Fo9uym

398

Nach seinem Biographen Phillip Gassert war Kiesinger auch an der „Verbreitung antijüdischer Hetzpropaganda“ beteiligt (Gassert, 2006, S.142 und Conze, das Amt, S.654)

siehe auch Phillip Gassert in der ZEIT, Nr. 36, 30.8.2017, Artikel „Kurt Georg Kiesinger ‘Nazi, Nazi!‘“ mit dem wörtlichen Zitat:

„Er leistete seinen Kriegsdienst in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts ab, zuletzt als deren stellvertretender Leiter. Diese posaunte Parolen von Deutschlands Größe in alle Welt hinaus und verbreitete schlimmste antisemitische Hetze. “

400 Vgl. Strecker (Hrsg.): Dr. Hans Globke. Aktenauszüge, Dokumente. Hamburg 1961, S. 144 ff.

Das „J“, das in Pässe von Juden eingeprägt wurde, hat Globke mit konzipiert.

401

Michael Wagner-Kern: Staat und Namensänderung. Die öffentlich-rechtliche Namensänderung in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert (= Beiträge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Band 35). Mohr Siebeck, Tübingen 2002, S. 214–222.

Schon vor der Machtergreifung ließ der Verwaltungsbeamte Hans Globke (später Kanzler Adenauers engster Mitarbeiter) Richtlinien erarbeiten, damit Juden ihre ‘blutmäßige’ Herkunft nicht durch Namensänderung ‘verschleiern’ können.

402 Jacobi, die zweite Zerstörung, 21.2.2008, Heilbronner Stimme

403 Süddeutsche Zeitung, 19.5.2010, von Adenauer bis Kiesinger, von Markus Schulte von Drach

405

Morten Reitmeyer, Autor, Seite 276 in „Elite: Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik“ (Ordnungssysteme, Band 28) Gebundene Ausgabe – 14. Januar 2009, De Gruyter Oldenbourg

Kiesinger hält seine Rede auf Einladung der IHK und zum Anlass einer Immatrikulationsfeier, beklagt darin u.a. das Versagen der Intellektuellen seit der Reformation (Seite 272)

406

“Carl Schmitt: Aufstieg und Fall”, Reinhard Mehring, C.H. Beck 2009 Seite 473-474

Carl Schmitt suchte einen Verleger nach 1945. Epting , der auch für den Greven-Verlag arbeitete, machte Carl Schmitt ein Angebot, publizierte ihn, setzte sich weiter für ihn ein, nachdem es deutliche Kritik gab.

407

zu Ernst Buchner siehe

Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2007, S. 77.

Art Looting Investigation Unit Detailed Interrogation Report of Ernst Buchner July 31, 1945 US Army

siehe auch hier Geschichte des Genter Altars und Biographie von Ernst Buchner

410

zu Todenhöfer siehe Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. 5. T–Z, Nachträge. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 5, Johannes Hürter (Red.), Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger: Schöningh, Paderborn u. a. 2014

sowie Quellen in den Fußnoten 441 und 442

411

Kanzler Kiesingers alte NS-Weggefährten aus dem Auswärtigen Amt im Dritten Reich kamen zu hohen Ämtern: Günter Diehl (Entlastungszeuge Achenbach) wurde unter anderem Staatssekretär Kiesingers in der großen Koalition, Fritz von Twardowski, Sprecher der Bundesregierung Kiesinger, Erwin Wickert, Referatsleiter Auswärtiges Amt in Bonn unter Adenauer bis Kiesinger, Gustav Adolf Sonnenhol, u.a. zuständig für Kabinettsvorlagen unter Adenauer und einige mehr.

Von welchem Kaliber diese Altnazis waren, zeigen Gerichtsakten aus dem Jahr 1937 über einen Konkurrenzkampf mit Epting und Abetz. Sonnenhol hatte es 1937 auf die Stelle von Karl Epting abgesehen, Günter Diehl konkurrierte mit Abetz. Diehl und Sonnenhol fühlten sich in einer größeren Gruppe stark genug, Abetz und Epting zu denunzieren. Da alles vor einem SS-Gericht landete, ist es heute noch gut dokumentiert: Otto Abetz wurde als „judophiler Halbfranzose“ denunziert, der homosexuell sei, worauf Abetz konterte, seine Gegner seien „rassische Untermenschen“, „Balkantypen“ und homosexuell. Hier war man unter sich. Der SS-Richter nahm entsprechend Abetz in Schutz und beließ es bei einem Tadel der Umgangsformen. Roland Ray, Annäherung an Frankreich im Dienste Hitlers?, S.215-232, Kapitel „Intrige der Reichsstudentenführung“ und hier insbes. S. 219 u. 220/222

 

412

Wörtliche Zitate der Rede „Elite in der Demokratie“ von Kurt Georg Kiesinger sind aus der Originalpublikation der TH Stuttgart von 1965 entnommen.

„Elite in der Demokratie“,Ansprache von Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger bei der Immatrikulationsfeier am 24. November 1964, abgedruckt in „Reden und Aufsätze“, Folge 30, Technische Hochschule Stuttgart, 1965, Offizin Chr. Scheufele Stuttgart

Der Text wurde nach einem Tonbandmitschnitt angefertigt, dadurch ist der O-Ton erhalten.

412b

Teile der Rede waren März 1964 von Kiesinger wesentlich umgearbeitet im Kapitel „Ideen vom Ganzen“ im gleichnamigen Buch im Tübinger Verlag Rainer Wunderlich veröffentlicht. Hier fehlen die kritischen Passagen, die im Redeabdruck der Technischen Hochschule enthalten sind.

„Elite und Demokratie“ war mehrmals Thema einer Rede von Kiesinger, dabei wertet Morten Reitmayer in seinem Buch „Eliten: Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik“ zusammenfassend aus. Daher wurden für die vorliegende Abhandlung die Quellen einzeln geprüft.

„Das Problem der Elite in der Demokratie“, Rede des Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger in Heilbronn am 16.1.1961 in der Stadthalle Harmonie im Winterprogramm der Industrie und Handelskammer 1960/61,Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) , Konrad-Adenauer-Stiftung (Siehe auch Bericht der Heilbronner Stimme vom 17.1.1961) Diese Rede in Heilbronn mit einem ähnlichen Titel wie an der TH Stuttgart ist weitgehend eigenständig, unterscheidet sich deutlich von der Rede an der TH Stuttgart, in der Fassung von Heilbronn weitgehend ohne kritische Passagen, Thema ist vor allem Freiheit vom Kommunismus.

„Das Problem der Eliten im Ringen um die Freiheit“, Poensgen-Stiftung, 17. November 1960, Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP) , Konrad-Adenauer-Stiftung

Siehe auch Morten Reitmayer „Eliten: Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik“, Ordnungssysteme, Band 28, 2009, De Gruyter Oldenbourg

413

Akten zur deutschen Auswärtigen Politik, 1918-1945, aus dem Archiv des deutschen Auswärtigen Amtes, Serie D: 1937-1941, Band XIII.2, Die Kriegsjahre, Sechster Band, Zweiter Halbband, 15. September bis 11. Dezember 1941, Vandehoeck & Ruprecht in Göttingen 1970, Seite 423, Nummer 327. Äußerungen des Führers zu Botschafter Abetz am 16. September 1941, Aufzeichnungen ohne Unterschrift

 

414

Quellen zu Ludwig Sprauer, Arthur Schreck u.a.:

Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 592

sowie

Euthanasie – Listen mit roten Kreuzen. In: Der Spiegel, Ausgabe 20 vom 18. Mai 1950, S. 8f.

Justiz- und NS-Verbrechen

sowie

Ernst Klee: Was sie taten – Was sie wurden. Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. Frankfurt am Main 2004, S. 206 f., S. 90.

Siehe auch Biographien von Ludwig Sprauer, Arthur Josef Schreck und Gehbard Müller auf Wikipedia, aus der letzteren folgendes Zitat:

In seine Amtszeit als Ministerpräsident fiel die Aussetzung des Verfahrens gegen den einzigen wegen der Durchführung der Euthanasiemaßnahmen der Nationalsozialisten zu lebenslanger Strafe verurteilten Medizinalbeamten Ludwig Sprauer. In einem Schreiben an das Justizministerium vom 23. Juli 1954 schreibt Müller: „Der noch nicht verbüßte Teil der umgewandelten Gefängnisstrafe bleibt weiterhin gemäß der Verfügung der Staatsanwaltschaft Freiburg vom 24. Februar / 14. April 1951 ausgesetzt.“ Müller bewilligte darüber hinaus Sprauer auch noch eine monatliche Unterhaltszahlung von 450 DM. Neben Sprauer bewilligte Müller auch dem zu lebenslänglich und zusätzlich zehn Jahren Zuchthaus verurteilten, aber bereits Anfang 1951 aus der Haft entlassenen Psychiater Arthur Schreck ab 1954 einen monatlichen Unterhalt von 450 DM.

Zitat Ende

Zum Durchschnittsgehalt siehe Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz, Sozialgesetzbuch (SGB) Sechstes Buch (VI) – Gesetzliche Rentenversicherung – (Artikel 1 des Gesetzes v. 18. Dezember 1989, BGBl. I S. 2261, 1990 I S. 1337) Anlage 1 Durchschnittsentgelt in Euro/DM/RM

Das Durchschnittseinkommen 1954 betrug 352,82 DM monatlich

417

Umerziehung in der amerikanischen Besatzungszone: die Schul- und Bildungspolitik in Württemberg-Baden von 1945 bis 49, Birgit Braun, Geschichte Bd. 55

LIT Verlag Münster 2004

S. 127 Zitat Simpfendörfer, dazu Fußnote HStAS, Q1/14 Bü29 Wilhelm Simpfendörfer (ohne Datum)

Siehe auch Seite 54 zum Rücktritt Simpfendörfers 1947

siehe auch Biographie Wilhelm Simpfendörfer

417b ebenda (417) S. 148

417c

aus: der Tag von Potsdam, Hrsg. Christoph Kopke und Werner Treß, 2013 Berlin /Boston, de Gruyter Verlag, Zitat aus den Verhandlungen des Reichstages, VIII. Periode, Bd. 457 S.38

418 Der Artikel über das KPD Verbot auf Wikipedia nennt dabei laut Zitat: “Die Zahl der eingeleiteten Ermittlungen und Verurteilungen wird mit 125.000 bis 200.000 Ermittlungen und 7.000 bis 10.000 Verurteilungen angegeben – bei 6.000 bis 7.000 KPD-Mitgliedern zum Zeitpunkt des Verbots der Partei.[30][31] Betroffen waren auch viele Kommunisten, die in den Jahren der faschistischen Diktatur lange Jahre in Zuchthäusern und Konzentrationslagern verbringen mussten.[32][33]

419 die ZEIT am 18.1.2015 im Artikel “Das Ende der Wiedergutmachung” über die Geschichte der Entschädigungspolitik

429 Wochenblatt die ZEIT, 24. August 1990, Interview mit Kurt Rebmann, Titel “Ich habe eigentlich eine sonnige Jugend gehabt

430 siehe Biographie von Kurt Rebmann auf Wikipedia (u.a. zur NSDAP-Mitgliedschaft), Interview von Kurt Rebmann mit der Wochenzeitung die Zeit und Wochenzeitung Stern, sowie dem Artikel in der Zeitschrift Cicero, Zitat:

“Jetzt lassen sich, dank des seit 2006 geltenden Informationsfreiheitsgesetzes, die Personalakten (…) einsehen. (…) Was Rebmann allerdings seinem Dienstherrn lieber nicht mitteilte: Er hatte am 30. März 1942, kurz vor dem Abschluss der Oberschule, in Heilbronn die Aufnahme in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei beantragt. So lässt es sich in der Mitgliedskartei der ­NSDAP nachlesen, über die das Bundesarchiv verfügt. Die Ortsgruppe Heilbronn, Gau Württemberg-Hohenzollern, nahm ihn am 1. September 1942 auf (…) Wenn er von der ­NSDAP-Mitgliedschaft von Rebmann gewusst hätte, sagt [der ehem. FDP-Innenminister] Gerhart Baum, hätte er seiner Ernennung [zum Bundesstaatsanwalt] nicht zugestimmt. „Der Vertrauensverlust der Strafverfolger, besonders bei der jungen Generation, wäre zu groß gewesen“, sagt er.”

Zitat Ende, Michael Sontheimer, Cicero, 9.1.2013

431 Ezra BenGershom, „David – Aufzeichnungen eines Überlebenden“, erschienen 1979, Ersterscheinung 1967 unter dem Titel „Den Netzen entronnen“. Die erweiterte Neuausgabe von 1993 führt das Kapitel über Heilbronn auf Seite 12 bis 23. Ezra Ben Gershom, 1922 in Würzburg geboren, verbrachte seine frühe Kindheit in Heilbronn, bis sein Vater 1929 eine Stelle als Rabbiner in einer schlesischen Kleinstadt annahm. Die Wurzeln in Heilbronn waren für ihn prägend, auch bei seinen späteren Lebensstationen (Schlesien, Berlin, Wien, Budapest, Palästina) verstand er sich dem Ursprung nach als Schwabe aus Heilbronn, vom Dialekt bis zur prägenden Mentalität.

„Der Abc-Unterricht wurde in der Karlschule erteilt“, berichtet er. Die Rabbinerwohnung war in der Bismarckstraße 3. Sein Schulweg habe ihn die Gymnasiumstraße (Friedenstraße) entlang geführt, wo ihm öfter aufgelauert worden sei. Einmal habe er seine Route geändert und sei er in die Moltkestraße abgebogen, um (vergeblich) den Verfolgern zu entkommen.

Die Verfilmung von Peter Lilienthal aus dem Jahr 1979 zeichnet die Kindheitserinnerungen teils genau nach, nennt jedoch nicht Heilbronn, legt den Spielort mit einer späteren Lebensstation zusammen. Dennoch werden die prägenden Eindrücke der Heilbronner Kindheit, die Ezra BenGershom im Buch notierte, im Film minutiös nachgestellt, wenn z.B. die Hauptfigur mit der Gondel im Garten spielt, das bürgerliche Milieu der Rabbinerwohnung rekonstruiert wird, bis zum Tizianbild an der Wand, ihre Villa gezeigt wird, die bescheidene orthodoxe Synagoge in der Kleinstadt etc. Ein Detail im Film (neben der Ortsangabe) stimmt nicht: Die Kinder, die im Film den jungen David/ Ezra Ben Gershom verprügeln, tragen Uniformen der Hitler-Jugendorganisationen, das wird jedoch 1927/28 noch nicht der Fall gewesen sein. Vor der Weltwirtschaftskrise hatte Hitler 1928 in Heilbronn nur 1,75 % der Stimmen erreicht. Es gab zwar einen weit verbreiteten, latenten und teils offenen Antisemitismus, der jedoch ebenso im Umfeld anderer konservativ-nationaler Parteien und Strömungen zu finden war.

 

432 Dokumentarfilm „Was es heißt, ein Emigrant zu sein – schwierige Begegnung in Heilbronn“, Regie Wilhelm Rösing, 1995, produziert mit dem SDR, ausgestrahlt auf 3sat.

Der Regisseur berichtet, wie die Schule und andere Institutionen in Heilbronn es 1995 ablehnten, den Film in Heilbronn zu zeigen. Das Büro des Bürgermeisters habe versucht, beim SDR zu intervenieren, um die Ausstrahlung zu verhindern. Die ehemaligen Mitschüler und Vertreter der Stadt sind mit Stellungnahmen und Originalaussagen eingefangen, die ein kritisches Bild zeigen.

 

433 „Tränen allein genügen nicht“, Stefan J. Zweig, Wien 2005, Eigenverlag, Nachwort von Elfriede Jelinek.

434 Das Schild am Bismarckpark gibt Auskunft:

436

Zitiert nach Mosche Zimmermann in der Jüdischen Allgemeinen vom 1.4.2015 , in dem Bismarcks Rede vom 15.6.1847 zitiert wird mit dem Kommentar, „eine bessere Beschreibung der Grundhaltung eines Antisemiten ist kaum vorstellbar“.

 

438

„Standpunkt“, 2. Ausgabe 2009 der Volksbank, Seite 3, Titel „Otto Ogersheimer:Leben und Leiden für den eigenen Glauben“

Wörtliches Zitat: „Am 25. April 1933 gegen 11 Uhr werden die Bank und die Wohnung von Igersheimer von je 30 Nazis besetzt. Auf der Straße schreien ca. 300 aufgehetzte Menschen: „Jud Igersheimer raus!“ Der Vorstand entlässt ihn noch am gleichen Tag. Dr. Sigmund Gumbel, der jüngste Bruder von Abraham Gumbel, erklärt seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat des Bankvereins. Die „Abhalfterung“ wird tags darauf im „Heilbronner Tagblatt“, der Nazi-Parteizeitung, bejubelt: „Damit ist die absolute Judenreinheit dieses bodenständigen Bankinstitutes zur Tatsache geworden.

Igersheimer wird Gemeinde- und Stiftungspfleger der jüdischen Gemeinde. Diese Funktion nützt die NSDAP zur nächsten Demütigung: Sie befiehlt ihm die Kontrolle des Abtransports von Juden. 234 jüdische Bürger und Bürgerinnen sterben in Vernichtungs- und Konzentrationslagern, 240 fallen in

Heilbronn dem Nationalsozialismus zum Opfer. Igersheimer selbst wird 1942 nach Auschwitz deportiert. Am 13. Juli kommt er dort ums Leben.“

439

439 In den Listen von Hans Franke lassen sich viele der Verfolgten ermitteln, die mit der Bismarckstraße 3 verbunden sind.
Die Einzeleinträge zur Bismarckstraße 3 sind im Buch von Hans Franke über die Juden in Heilbronn über viele Seiten verstreut und können am besten mit einer digtalen Version des Buches und dem Suchbegriff ‘Bismarckstr’ gesucht werden. Darüberhinaus wird es weitere Fälle geben (Dunkelziffer), da Hans Franke vermutlich nicht alle Fälle in der Bismarckstraße 3 dokumentieren konnte.
Nur für zwei Bewohner wurden Stolpersteine angelegt, da für einen Stolperstein die letzte freiwillige Wohnstätte entscheidend ist. Die meisten wurden jedoch im III. Reich zwangsweise in dieses im Nazijargon sogenannte ‘Judenhaus‘ eingewiesen. Für einige gab es noch weitere Zwischenstationen vor der Deportation, einige konnten noch auswandern. Die Todesumstände in den Lagern der Deportation im Osten lassen sich oft nicht mehr genau klären, doch bei den Vernichtungslagern ist bei den Todesumständen relativ sicher von Ermordung auszugehen.

Siehe Franke, Hans: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn.

Vom Mittelalter bis zu der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050-1945)

Heilbronn 1963 , Um Korrekturen ergänzte Online-Version , Heilbronn 2009 / 2011, Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn

440 siehe Parteigliederung, Ämter , NS-Verbände und ihre Amtsinhaber laut Adressbuch der Stadt Heilbronn 1938, Stadtarchiv Heilbronn.

 

441, siehe u.a. Artikel „Der falsche Weg“ im Spiegel, 8.1.1968. Die jahrzehntelange, enge Freundschaft von Todenhöfer und Kiesinger wird hier mit einem gemeinsamen Urlaub 1968 belegt.

siehe auch Frankfurter Rundschau, „Kontinuität der Eliten„, 28.10.2010

442 siehe ebenda (Frankfurter Rundschau) , sowie biographische Lexikoneinträge zu Todenhöfer auf Wikipedia sowie Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik (Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte; Band 6), Michael Grüttner, Heidelberg: Synchron 2004 und  Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871–1945. 5. T–Z, Nachträge. Herausgegeben vom Auswärtigen Amt, Historischer Dienst. Band 5, Johannes Hürter (Red.), Bernd Isphording, Gerhard Keiper, Martin Kröger: Schöningh, Paderborn u. a. 2014.

469 Zeitzeugenberichte gegenüber Zeitsprünge Heilbronn, so Volker G., der Epting in den 50er Jahren als Lehrer in Stuttgart-Vaihingen erlebte. Andreas K. berichtet davon, wie Epting versuchte, mit einem Verbot gegen Jeans vorgehen,  auf Druck vieler Eltern das Verbot  zurücknehmen musste, doch wütend reagierte. Die Berichte von cholerischen Anfällen des Rektors kommen von verschiedenen Seiten, Epting selbst geht in seiner Abschiedsrede darauf ein, wie die Heilbronner Stimme damals berichtete. Epting äußerte dabei, er sei bekanntlich Choleriker, habe aber danach immer selbst die Wogen geglättet.

469b Volker G. berichtet aus seiner Schulzeit, Epting habe z.B. die populären Geschichtsbücher des Autoren Egon Friedell (der Jude war) oder teils Bertholt Brecht anerkannt. Interessanterweise tauchen diese Namen nicht in der langen Liste der Künstler auf, die Epting unter dem Pseudonym Matthias Schwabe 1940 verfolgt wissen wollte.

470 siehe Redemanuskript Eptings für den Lions-Club in Waldshut 1972, Stadtarchiv Heilbronn, Personenportrait zu Epting  aus der Rotary Club Geschichte, dokumentiert vom Stadtarchiv Heilbronn aus einer einer Online-Dokumentation des Rotary-Clubs.

471 Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914: ein Sammelband, herausgegeben von Werner E. Mosse, Arnold Paucker, Mohr Tübingen 1976, Seite  322 ff.

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